16.01. +++ Punkstille

Eines lässt sich jetzt schon sagen
EINES LÄSST SICH JETZT SCHON SAGEN: Ein tolles Ensemble (Foto: www.i-camp-muenchen.de)

Um die Welt zu erklären, oder zumindest zu verstehen, bräuchte man ein Modell von ihr, das deutlich größer sein müsste als die Welt. Ist also nichts, mit verstehen oder erklären, aber verändern können wir sie. Glauben wir wenigstens, aber das würde jetzt zu weit führen. Der Theaterabend, den ich heute im i-Camp verbringen durfte, macht vorderhand immer wieder Anstalten zur Welterklärung, seine Stärke liegt aber weit jenseits von Worten, Logik und Erklärungen; es ist nicht der Makrokosmos, sondern der Mikrokosmos der fünf Akteure, der in der Stille zwischen denn Worten seine Wirkung entfaltet. Aber einen Schritt zurück: EINES LÄSST SICH JETZT SCHON SAGEN von Holger Dreissig ist der abschließende Abend eines in der heutigen Zeit monumental anmutenden Unterfangens; vierundzwanzig Jahre lang hat der Regisseur, Autor und Designer jedes Jahr einen weiteren Teil seines Mammutprojekts auf die Bühne gebracht, und dabei eine Vielfalt von Themen behandelt. Das ist sehr beeindruckend – wenn ichs freilich nicht gewusst hätte, ich hätt es nicht gemerkt. Man merkt dieser titanischen Anlage allerdings den Drang zum Welttheater zumindest im Äußeren schon an.

Empfangen werden wir im Zuschauerraum des i-Camp mit Weihrauch, was mich persönlich freundlich stimmt – aber ich bin auch Protestant und verbinde keine negativen Kindheitserinnerungen damit. Im folgenden, wortlosen ersten Teil des Abends ist der Raum den vier beteiligten Männern überlassen, die ihn einzeln und miteinander interagierend in Besitz nehmen. Es sind Fragmente von Bewegung, noch keine Figuren, die hier entstehen, eine Vorform des Lebens. Wirklich lebendig wird die Performance erst, als weiße Objekte zu den schwarz gekleideten Gestalten hinzukommen; Plastikbecher, Serviette, Papierstreifen und andere Dinge erzeugen eine neue Spannung; indem sie sich zu ihren Requisiten wie zu Werkzeugen verhalten, gewinnen die Wesen Individualität. Und dann kommen die Affen – zwei scheinbar ganz zufriedene Exemplare und ein notorischer Malcontent, der mangels Verständigungsmöglichkeit mit dem Publikum – selbst ein aus der Westentasche gezauberter Reclam-Klassiker vermag die Unmöglichkeit von theatraler Kommunikation nicht zu beheben – schließlich zum Publikumsmörder wird. Wer will es ihm verdenken.

Der Blick nach vorn ist auch einer zurück
Der Blick nach vorn ist auch einer zurück (Foto: www.i-camp-muenchen.de)

Als die Sprache in die Performance herein bricht, tut sie dies zunächst nicht in angenehmer Weise. Sprachliche Floskeln und klug montierte Phrasen dienen der Auseinandersetzung zwischen dem Fremden und dem Einheimischen – überraschenderweise endet die Szene mit einer Verständigung. Es folgt der erste Auftritt der einzigen Frau im Ensemble, die einen Text zum Thema „Grundsubstanz: Granit vs. Matsch spricht“, der in wunderbarem Spannungsverhältnis zu ihrem durch ihre Schwangerschaft sehr weiblichen Körper steht. Und dann geht die Hauptverhandlung los – so zumindest mein Eindruck: in gebotener Kürze war hier die Entstehung des Lebens bis hin zur kurz bevorstehenden Entstehung eines neuen Menschen erzählt worden, jetzt folgt die Bestandsaufnahme der Gegenwart. Am Tisch, um ihn herum, in Bezug auf ihn, wird die halbintakte, halbzerstörte Welt seelisch beleuchtet. Mal mit Dialekt, mal ganz direkt, in monologischen Passagen. Hier war die Sprache an diesem Abend ganz bei sich selbst, wenn der Autor von einem siebziger-Jahre Dokumentarfilm von Werner Herzog erzählt, oder der Dolmetscher von seiner Arbeit mit Flüchtlingen. Die Authentizität, die sich körperlich meistens offenbarte, schlug hier auch in die Sprache durch, der Dreissig programmatisch misstraut (dies sicher ein Leitmotiv seiner langen Reihe). Das Ende dieses vielgestaltigen Abends wurde – wiederum sprachlos – von Exponaten einer Weltausstellung, die zu einem großen Tableau arrangiert wurden, gebildet.

Ein Crossover-Abend, von fünf Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund gemeinsam entwickelt und präsentiert, der viele Fragen stellt und auf der Ebene von Sprache oder Geschichte keine beantwortet. Interessanterweise tut er es auf der theatralen Ebene sehr wohl. Der intellektuelle Punk, der notwendig ist, um in den mentalen Zusammenhängen zu spielen, in denen der Abend sich aufhält, hatte offenbar noch einen sehr gewissenhaften Haushälter zur Seite, der hinter ihm aufgeräumt und die munter gepflückten Blumen in die Vase gestellt hat. Verstehen oder gar verbal erklären ist nicht, aber agieren schon. Ein Weltmodell, das ohne große Worte Eindruck macht.


Anwendungsgebiete: Kopfschmerzen, v.a. Zivilisationsmigräne

Einnahme: Eigentlich ist das gar nichts zum Anschauen, sondern zum Mitmachen. Aber dazu bräuchte man mindestens sechs Wochen Zeit, und dafür ist es ja jetzt schon zu spät. Also doch anschauen – es gibt noch sieben Vorstellungen im i-Camp.

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