16.02. +++ Sprachlos

Er hat das letzte Wort: Friedrich Hölderlin (Bild von www.de.wikipedia.org)
Er hat das letzte Wort: Friedrich Hölderlin (Bild von www.de.wikipedia.org)

Es geschehen sonderbare Dinge, wenn die Sprache uns loslöst – loslässt, wollte ich sagen. Sprache: Der Heilsweg der Lutheraner. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich Worte immer als mächtig empfunden habe, dass mich die Grenzen ihrer Möglichkeit so interessieren. Wo verzweifeln die Wortmaler an ihrem Werkzeug? Wo ist der letzte Laut geschöpft? Spuren der Sprachskepsis finden sich, solange Menschen denken und schreiben, aber extrem wird der Vertrauensverlust in die Sprache mit der Moderne. Natürlich: Wenn es keine Magie mehr gibt, wenn der Himmel leer ist, wie sollte dann das Wunder der Kommunikation überhaupt möglich sein? Heute habe ich ein Stück Literatur noch einmal gelesen, dass – vor der Moderne geschrieben – diese Crux so stechend ausdrückt, dass es schmerzt. Der Anfang von Hölderlins MNEMOSYNE (zweite Fassung):

Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.
Wenn nämlich über Menschen
Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig
Die Monde gehn, so redet
Das Meer auch und Ströme müssen
Den Pfad sich suchen. Zweifellos
Ist aber Einer. Der
Kann täglich es ändern. Kaum bedarf er
Gesetz. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben
Den Firnen. Denn nicht vermögen
Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen
Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo,
Mit diesen. Lang ist
Die Zeit, es ereignet sich aber
Das Wahre.

Wer spricht da? Eine Griechin vor Troja? Ich weiß es nicht, es wäre leicht herauszubringen, aber es ist hinfällig: Diese Worte klingen auch ohne Wissen. Wenn die Sprache im Schmerz endet, werden die Menschen eins mit der Natur, und umgekehrt, wenn die Menschen sterben, eins werden mit der Natur, endet die Sprache, „das Echo wendet sich.“ Und dann redet alles, wird alles Zeichen, Blatt und Eichbaum und Meer. Freilich, nicht nur das Be-deuten, auch das Deuten geht dann stumm vor sich. Vielleicht wird es reicher, in der Stille.

Es drängt sich mir alles aus diesen Worten entgegen, Todesangst ebenso wie Sehnsucht nach dem Einswerden und Sich-Auflösen. Wenn ich sie lese und wieder lese stellt sich mir ein Naturbild ein, schön, wild, unmenschlich. Diese Kunst macht keine Werbung für menschliche Gemeinsamkeit, für Kommunikation, hier wird abgeschnitten und getrennt. Der Trost ist die Aussicht darauf, dass unser Sterben über den Abgrund an „das Wahre“ reicht. Keine Kunst kann das erreichen, deshalb: Schluss mit dem Geplapper.


Anwendungsgebiete: Logorrhoe

Einnahme: Zu den Mahlzeiten lesen und schweigen. Lindert den Redefluss binnen kurzem.

 

 

 

 

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