16.03. +++ Gemüse des Todes

Beweisstück eins: Das verführerisch duftende Schulbuch meiner Eltern
Beweisstück eins: Das verführerisch duftende Schulbuch meiner Eltern

Ich verdanke meine Zuneigung zur Lyrik nicht unwesentlich einer dünnen Sammlung namens FÜNFUNDSIEBZIG DEUTSCHE BALLADEN, die meinem Vater oder meiner Mutter aus dem Eigentum des Staates Hessen übereignet wurden und sich auf unserem Dachboden in einer alten Anrichte befanden. Gut, vielleicht hat eine/r von beiden das Büchlein auch geklaut, denn einen entsprechenden Stempel („Dem Schüler übereignet“ [damals hatte mans noch nicht so mit „der Schülerin“]) sucht man darin vergebens. Das Büchlein roch son bisschen streng, aber das hielt mich weder davon ab, es mir selbst zu übereignen, noch mich für die darin enthaltenen rhythmischen erzählenden Gedichte zu begeistern.

Item: Der Eigentumsstempel des Landes Hessen. Sollte ich der Erbe einer anarchistischen Diebesbande sein?
Item: Der Eigentumsstempel des Landes Hessen. Sollte ich der Erbe einer anarchistischen Diebesbande sein?

Nicht wenige von ihnen habe ich mir sogar auswendig angeeignet, und obwohl ich einige immer noch kann, gilt das nicht für PIDDER LÜNG von dem alten Nazi, Militaristen und Frauenfeind Detlev von Liliencron. In der guten alten Zeit musste man sowas noch auswendig lernen, obwohl es ehrlich gesagt interessant ist, wie man diese Story in den Obrigkeitsglauben der Wilhelminen oder des Adolfismus eingebaut hat: Es geht um einen Sylter Fischer namens Pidder Lüng, bei dem (wir befinden uns im Mittelalter) ein bis an die Zähne bewaffneter Steuereintreiber klingelt, natürlich gerade als er sich zum Mittagessen setzen will. („Des langen Peters starkzählige Sippe / sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.“) Wahrscheinlich ist er deshalb so verärgert über den Besuch des Beamten Henning Pogwisch, weil es sein Lieblingsessen, nämlich Grünkohl, gibt. Und abgesehen davon waren die Sylter schon jeher von der Steuer befreit. Damals war Sylt ja noch ne Insel, also Offshore, daher lag dort Grünkohl aus ganz Europa auf den Konten. Wahrscheinlich sogar Schwarzkohl. Jedenfalls bitchen sich Peter und Henning über den Mittagstisch hin an, und dann will der Geldeintreiber wieder gehen, spuckt aber im Sich-Umdrehen in den Grünkohl. Und das war der Tropfen, oder Faden, der den Topf zum Überlaufen bringt, denn jetzt schnappt ihn sich Peter und tunkt ihn mit dem Kopf in den heißen Grünkohl, bis er erstickt. Was, wenn man nicht aus Norddeutschland kommt und Grünkohl liebt, kein schöner Tod ist. Und vielleicht noch nicht mal dann. Dumm ist freilich, dass die anderen Beamten, die mit dem Henning gekommen sind, jetzt total überreagieren und in einer Orgie der Gewalt alles abmetzeln, was nicht bei drei hinter den Dünen ist. Immerhin gelingt es Peter, im Sterben nochmal seinen Slogan „Lewwer duad üs Slaav!“ („Lieber tot als Sklave!“) zu röcheln, denn dieses Ziel hat er jetzt erfolgreich erreicht.

Eigentlich hieß er Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron, aber er nannte sich FREIWILLIG Detlev. Und das war lange vor Hitler. Sachen gibts. (Bild von www.de.wikipedia.org)
Eigentlich hieß er Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron, aber er nannte sich FREIWILLIG Detlev. Und das war lange vor Hitler. Sachen gibts. (Bild von www.de.wikipedia.org)

Wenn man sich diese Horrorstory so auf der Zunge zergehen lässt, stellt sich wirklich die Frage, was daran heldenhaft oder nachahmenswert ist. Ich meine – wenn der sich nochn Moment beherrscht hätte, und halt den angespuckten Grünkohl den Schweinen gegeben und statt dessen den ältesten Sohn Pizza holen geschickt hätte – dann hätte er wahrscheinlich noch viele Jahre über den verkrampften Henning Pogwisch lachen können. Hätte er seinen Urenkeln noch von erzählen können, wie der immer wieder umsonst versuchte, Geld von den Insulanern abzuziehen. Aber nein, cholerisch, unbeherrscht, muss ja jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden, die der Pogwisch wahrscheinlich unterm Arm hatte. Und dann zählt dieses Extremistenmotto: Lieber tot als Sklave. Na klar – es gibt Situationen, in denen das Sterben einem falschen Leben vorzuziehen ist – aber das wäre ja ein TRIUMPH über die Tyrannei gewesen. Das ist doch skurril, oder? Mit solchen Geschichten von Selbstaufopferung aus einem freiheitlichen Prinzip heraus sind unter anderem auch die Scholls erzogen worden, aber im Gegensatz zu den meisten anderen haben sie das Gedankengut darin wörtlich genommen. Und sich geopfert, und zwar im Unterschied zu dem friesischen Fischer mit Grund. Ich habe mich schon bei der Arbeit an ANTIGONE/SOPHIE sehr gefragt, ob diese Art des unbedingten persönlichen Einsatzes heutzutage überhaupt noch denkbar ist – und tatsächlich tun wir uns sehr schwer damit, wenn jemand in einem Land, in dem er oder sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht unter körperlichen Qualen zu leiden hat, sein Leben aufgeben will – aus politischen Gründen. Und doch, befürchte ich, sind die Kämpfer, die jetzt in den „Heiligen Krieg“ ziehen, die Amokläufer, die Terroristen und viele andere, nur die ersten einer langen Reihe. Denn die Seele wird immer weniger satt, in unserem Land.


Anwendungsgebiete: Adipositas

Einnahme: Wenn Sie wieder mal so richtig Lust auf eine leckere Portion Grünkohl mit Pinkel haben, lesen Sie zuvor das Gedicht. Mehrfach. Dann vergeht Ihnen wahrscheinlich der Appetit ein bisschen.

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