17.01. +++ Aasfresser

Ein einfacher Mann: Gavin Bryars (Foto von www.gavinbryars.com)
Ein einfacher Mann: Gavin Bryars (Foto von www.gavinbryars.com)

Einfachheit ist ein wichtiges Kriterium für Schönheit. Jeder, der schon mal versucht hat, ein Gedicht zu schreiben, weiß, wie viel schwerer es ist, etwas in wenigen und womöglich noch verständlichen Worten auszudrücken, als in einem Textkonvolut. Das muss auch gekonnt sein, das konvoltieren, oder wie auch immer der Vorgang heißt, und im Zeitalter der Komplexität entspricht eine Materialschlacht unserer Alltagserfahrung vielleicht eher, als ein Haiku. Aber wie viel bedeutender ist ein Kunstwerk, wenn es wesentliche Inhalte in EINEM (sprachlichen, visuellen, musikalischen) Bild ballt, statt mit dem Material zu aasen. Ist der Begriff „aasen“ in der Standardsprache bekannt? Wo ich herkomme bezeichnet man damit den Vorgang des Verschleuderns, was wahrscheinlich, um mich der etymologischen Mystik zu befleißigen, dazu führt, dass gutes Essen, Wildbret oder was auch immer, wie Aas verdirbt. Das Gegenmodell zum Aasen ist nicht das Geizen, sondern die Angemessenheit. Gibts heute ja auch nur noch selten, dass etwa Kleidung angemessen wird. Außer im Theater, und da ist sie dann oft eher auf Wirkung als auf Dauer angelegt. Geiz mag geil, im Sinne von billig erregend sein – die Verschwendung übrigens auch -, aber schön sind sie nicht. Schön ist, was ein Maß hat, und damit ist nicht 90-60-90 gemeint. Wobei: in gewisser Weise schon. Denn es geht bei Schönheit um die Proportion, allerdings nicht die des Umfangs von Brust, Hüfte und Taille zueinander, sondern der Form zum Inhalt. Aasfresser sind notwendigerweise maßlos – wer weiß, wann die nächste Gelegenheit zum Aasen kommt, deshalb verschlingen sie lieber alles. Das ist der Kern des entgleisten Unterhaltungskonsums, der mit Schönheit nur noch am Rande zu tun hat.

Naja. Bevor ich mich völlig in Metaphern verliere, lieber zurück zu etwas Handfestem. Mein heutiges Kunstwerk ist THE NORTH SHORE von Gavin Bryars. Ein Cello-dominiertes Stück, das die Melancholieorange gründlich auspresst. Filmmusik? Mag sein, aber im besten Sinne. Denn sie ist einfach – und da komme ich wieder zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen. Genauso, wie man in nicht-gegenständlichen Bildern sofort versucht ist, eine Landschaft oder eine Figur zu sehen, drängen sich bei dem (immerhin nach einer Küste benannten) Musikstück Bilder einer düsteren, nur von gelegentlichen heiteren Noten unterbrochenen nördlichen Landschaft auf. Ich könnte mir vorstellen, dass Connaisseuren die musikalische Dichte hier zu gering ist; einfachen Gemütern wie mir kommt das gerade recht – man kommt bei dieser Nordküste dazwischen, kann jede Wendung verfolgen, ohne den Anschluss zu verlieren. Und es zeigt sich, dass schön keineswegs heiter ist, sondern durchlässig, transparent – einfach.


 

Anwendungsgebiete: Rheuma

Einnahme: Regelmäßige äußerliche Anwendung behebt zumindest die Angst vor einem kalten und feuchten Klima (wie es nun mal an der Nordküste herrscht). Und auch, wenn sie wegen Ihres Rheumas in Italien wohnen müssen, haben Sie in diesem Stück den Geschmack des Nordens immer dabei.

P.S.: Danke wiederum für die Anregung, Basti Bund.

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