17.01. +++ Aussitzer

Georges Simenon MAIGRET UND SEIN NEFFE, erschienen bei Diogenes
Georges Simenon MAIGRET UND SEIN NEFFE, erschienen bei Diogenes

Ich habe gelesen, dass Georges Simenon seine Maigret-Romane jeweils von langer Hand plante und dann quasi anfallsweise innerhalb einer Woche schrieb. Wenn das stimmt, wovon ich ausgehe, dann entspricht das sehr dem Charakter seines Kommissars, dessen vielleicht größte Qualität seine (meist) unerschütterliche Geduld ist. Maigret, das Schwergewicht im Pariser Polizeidienst der Zwischenkriegsjahre, ist weder elegant noch listenreich, aber er ist stur. Viele der von ihm bearbeiteten Fälle löst er durch Beharrlichkeit, dadurch, dass er die besseren Nerven hat als seine Kontrahenten – und immer kommt eine gehörige Portion Menschenkenntnis hinzu. Er sitzt seine Fälle aus. Oft geben die Verbrechen dem Leser Rätsel auf, manchmal aber, wie in MAIGRET UND SEIN NEFFE, meinem heutigen Kunstwerk, liegen alle Fakten auf dem Tisch, der Mörder steht bereits fest – die große Frage ist jedoch, was im Kopf des Kommissars vor sich geht. Hier liegt der große Reiz von Simenons Kultfigur: er lässt sich nicht in die Karten schauen, nicht von seinen Kollegen, und schon gar nicht vom Leser. Er ist ein Einzelgänger, der die Umstände einer Tat so lange wiederkäut, die Lebensweise seines Gegners so lange abtastet, bis er seinen Angriffspunkt gefunden hat. Mangels Einblick in seine Denkvorgänge könnte seine Strategie des Aussitzens dabei ebenso oft genial intellektuell vorbereitet und einfach instinktiv sein. Oft habe ich beim Lesen den Eindruck, Simenons Kunst besteht zu einem Großteil darin, Raum für die Phantasie zu lassen, er vermittelt uns, genau wie Maigret den Verbrechern, den Eindruck, er sei intellektuell überlegen, muss es aber nicht beweisen. Dabei sind seine Fälle niemals schlecht konstruiert, aber es kommt selten zur großen Pointe. Statt dessen löst sich einfach ein Knoten, nachdem Maigret lang genug mit einem Bier davor gesessen und ihn angestarrt hat.

Jetzt aber mal Butter bei die Fische. Schon in vielen Fällen spielte eine persönliche Motivation Maigrets bei der Lösung eines Falls eine Rolle, aber diesmal geht es um die Familie. Sein Neffe, dem er einen Job als Inspektor beschafft hat, wird beschuldigt, einen Verdächtigen, den er bewachen sollte, erschossen zu haben. Die Indizien sprechen gegen ihn, und die Bande aus Nachtclubbesitzern, Drogenhändlern und Kleinkriminellen, die er gegen sich hat, halten zusammen. Natürlich zögert Maigret nicht, sich des Falles anzunehmen. Das Problem: Er ist im Ruhestand. Er hat nicht mehr die Mittel, mit denen er früher gearbeitet hat; er kann nicht vernehmen, nicht festnehmen, sich nicht des Polizeiapparates bedienen. Wobei: Das tut er trotzdem, indem er seinen ehemaligen Kollegen einfach so lange auf die Nerven geht, bis sie tun, was er will. Das größere Problem ist, dass er an seiner Kraft zweifelt. Nicht selten wünscht er sich in das Häuschen an der Loire zurück, in dem seine Frau auf ihn wartet. Die Gangster, vor allem der Mastermind Cageot, scheinen ihm überlegen zu sein. Diese Zuspitzung der Situation macht MAIGRET UND SEIN NEFFE zu einem ziemlich spannenden Vertreter der Krimireihe.

Ich glaube, was mich zum Maigret-Fan macht, ist das Gefühl, es mit einer großen Seele zu tun zu haben. Nicht die Tatsache, dass er eine raue Schale und einen weichen Kern hat, sondern seine Unbestechlichkeit, die nicht mit Arroganz, sondern mit großer Toleranz gegen menschliche Schwächen einher geht. Er weiß, was richtig und falsch ist, und er handelt auch dann danach, wenn es ihm berufliche und persönliche Schwierigkeiten einbringt, es ist einfach sein Instinkt. Umgekehrt kann ihn auch nur wenig von den Instinkten seines Körpers abbringen, und er isst und trinkt maßlos und mit der Unerschrockenheit eines Tiers. Es ist genau diese Seelenruhe, die ihn dazu befähigt, immer wieder den Nervenkrieg gegen Verbrecher zu gewinnen. Man muss nicht perfekt sein, um gut zu sein.


Anwendungsgebiet: Innere Unruhe, Schlaflosigkeit

Einnahme: Unbedingt bei einem Glas einfachen, aber guten Weins lesen, und zwar in einem bequemen Sessel, ohne Zeitdruck. Die Welt wird einfacher, der Weg wird klarer. Und nicht zu viel saufen dabei!

P.S.: Über einen großartigen Maigrat-Selbstversuch lesen Sie hier…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.