17.03. +++ St. Patrick

Die einzige Art, auf die Klee für Menschen genießbar ist: Shamrock auf Guiness (Bild von http://theboken.com)
Die einzige Art, auf die Klee für Menschen genießbar ist: Shamrock auf Guiness (Bild von http://theboken.com)

Selbstironie ist eine wertvolle Gabe. Klar, man muss sich auch ernst nehmen können, aber ich halte es für weitaus wichtiger, die Vergeblichkeit des eigenen Strebens unter dem Blickwinkel der Ewigkeit zu erkennen. Ein Volk, dem diese Gabe in die Chromosomen gebrannt zu sein scheint, feiert heute den Gedenktag seines Nationalheiligen, nämlich die Iren. Zu den großen kulturellen Hervorbringungen der kleinen Insel mit dem großen Herzen gehören diverse Folkbands, darunter seit gefühlten zweihundert Jahren die DUBLINERS. Von deren Greatest Hits ich gut zwei Drittel der lauthals mitsingen kann, was mit Sicherheit im Alter ein Segen sein wird. Wenn Morbus Alzheimer zuschlägt, bleiben mir immer noch die protestantischen Kirchenlieder und die DUBLINERS. Ich entschuldige mich an dieser Stelle schon mal im Voraus bei meinen Zimmernachbarn im Altersheim.

Urgestein vs. Punk: Ronnie Drew (DUBLINERS) und Shane MacGowan (POGUES) (Bild von www.youtube.com)
Urgestein vs. Punk: Ronnie Drew (DUBLINERS) und Shane MacGowan (POGUES) (Bild von www.youtube.com)

Eine Folkband der jüngeren Generation, die sich bisher noch nicht so in mein Herz gesungen hatte, aber gerade rasant aufholt, sind die POGUES, und vielleicht kennen Sies: Es gibt ein Video von einem legendären Fernsehauftritt aus dem Jahre 1987, bei dem die Urgestein-DUBLINER und die rotzig-pankigen POGUES gemeinsam THE IRISH ROVER performen. Ich war natürlich nicht dabei, aber ich könnte mir vorstellen, dass es zumindest den DUBLINERS-Sänger Ronnie Drew einige Überwindung gekostet haben dürfte, mit dem offenbar volltrunkenen Pogues-Frontmann Shane McGowan zusammen zu singen. Die Instrumentalisten scheinen ihren Spaß zu haben, aber wie Drew da mit der Hand in der Tasche dasteht und angesichts des trinkenden UND RAUCHENDEN MacGowan stoisch Haltung bewahrt, verrät eine eiserne Konstitution. Und lange Bühnenerfahrung. Aber zurück zum Thema Selbstironie. THE IRISH ROVER ist, wie mein Freund Wikipedia mich belehrt, „ein irisches Volkslied, das von einem vermutlich fiktiven Segelschiff namens Irish Rover berichtet, das von Cork mit Bestimmungsort New York in See sticht. Schiff und Besatzung haben unterwegs mit vielerlei Widrigkeiten zu kämpfen, schlussendlich erleidet die Irish Rover Schiffbruch und erreicht somit das Ziel ihrer Reise nicht.“ Diese Beschreibung könnte von einem Dramaturgen stammen, denn auch wenn jedes Detail völlig zutreffend ist, geht sie doch völlig am Charakter des Songs vorbei und hilft jemandem, der das Lied nicht kennt, keinen Deut. Der Punkt ist: Dieses Lied ist eine typisch irische Lügengeschichte, Seemannsgarn vom Feinsten, aber so übertrieben, dass es schon wieder kultig ist.

Die stolze „Irish Rover“ hat, wie sich herausstellt, 27 Masten, trägt etliche Millionen Tonnen von Ladung, darunter Backsteine, Lumpen, Pferdefelle, Knochen, Schweine, Hunde, Bier und Ziegenschwänze. Weiterhin wird im Rahmen eines lustigen Name-Dropping die arbeitsscheue aber vergnügungssüchtige Crew des Schiffs vorgestellt; eine Strophe, die in der angesprochenen Version der Alkoholiker MacGowan singt: „There was Slugger O’Toole / Who was drunk as a rule.“ Die „Irish Rover“ segelt sieben Jahre lang, dann brechen die Masern aus und sie verfährt sich im Nebel, bis nur noch das lyrische ich und der Hund vom Captain übrig sind. Der stirbt dann auch noch, als das Schiff auf ein Riff aufläuft und schließlich absäuft. Ist das ein ironisches Abbild des irischen Volkes? Zu hunderttausenden nach Amerika ausgewandert, etliche Male Schiffbruch erlitten, aber Hauptsache, man hatte genug Fusel dabei und ein flottes Tänzchen war auch noch möglich, an Bord? Niemand in Irland würde leugnen, dass hier jedenfalls einige traditionelle irische Tugenden besungen werden, und wenn dabei der Unterhaltung wegen übertrieben wird – umso besser. Aber dieses Video – faszinierend, finde ich. Achten Sie mal auf die Zähne von MacGowan. Damals hatte er noch welche, vor zwei Jahren hat er öffentlich nach einem Zahnarzt gesucht, der ihm seine ausgefallenen ersetzt, damit er in Hollywood Filme drehen kann. Ich weiß nicht, ob er mit diesem Ansinnen Erfolg hatte. Obwohl er auch angeboten hat, Werbung für den Zahnarzt zu machen. Aber wahrscheinlich gibts nicht so viele Punk-Zahnärzte, deren Corporate Identity eine große Schnittmenge mit der Aura von MacGowan aufweist. Jedenfalls freue ich mich, dass die grüne Insel noch nicht auf Grund gelaufen ist, sondern im Gegenteil heute wahrscheinlich das dunkle malzige Blut des Landes in Strömen durch die Straßen Dublins rinnt. Up the Republic!


Anwendungsgebiete: Karies

Einnahme: Wann immer Sie im Zweifel sind, ob Sie mal wieder Zähne putzen oder zum Dentisten frequentieren sollten, schauen Sie sich dieses Video an. Irgendwann reicht es wahrscheinlich schon aus, wenn Sie ein paar Takte des Liedes pfeifen und Ihr Unterbewusstes wird lauthals nach der Zahnbürste brüllen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.