17.04. +++ Ekel

Nein, das ist keine frühe Pornographie, sondern Kultur: IMOGEN, aus der Perspektive des Spanners Iachimo gesehen und von Wilhelm Ferdinand Souchon 1872 gemalt (Bild von www.en.wikipedia.org)
Nein, das ist keine frühe Pornographie, sondern Kultur: IMOGEN, aus der Perspektive des Spanners Iachimo gesehen und von Wilhelm Ferdinand Souchon 1872 gemalt (Bild von www.en.wikipedia.org)

Vielleicht haben Sies auch gelesen: Ronja von Rönne, eine erfolgreiche junge Journalistin, ist vom Feminismus angeekelt, zumal „der mächtigste Mensch“ in unserem Land „eine Vagina hat“. Zu dieser lustigen Radikalposition, die sie im Auftrag ihres Arbeitgebers, der WELT verfasst hat, ließe sich Einiges fragen, zum Beispiel, woher sie die primären Geschlechtsteile von Martin Winterkorn kennt. War nur ein Kalauer, Frau Rönne hängt natürlich immer noch dem alten Mythos an, dass Politiker unser Land regieren, und da ist es dann schon Angela Merkel. Zu Shakespeares Zeiten war der mächtigste Mensch des Landes Königin Elisabeth, woraus sich schließen lässt, dass es damals auch keine Benachteiligung von Frauen und anderen Randgruppen gegeben hat, also Negern, Zigeunern, Schauspielern, Perverversen und so. Ich frag mich, warum wir die Monarchie überhaupt aufgegeben haben – nein, wo hab ich nur meinen Kopf, wir führen die Diktatur des Geldes ja gerade wieder ein. Aber ich schweife vom Thema ab. Kennen Sie CYMBELINE? Wahrscheinlich nicht. Es gehört definitiv in die Reihe von Shakespeares Apokryphen, und im Rahmen meines persönlichen Bildungsdiktats habe ich mich heute dieses Werkes angenommen. Quizfrage: Handelt es sich bei der Titelfigur des Werkes wohl um einen Mann oder eine Frau? Sagen wir mal so: Eigentlich gehts in diesem Werk hauptsächlich um eine Frau, oder von mir aus um ein Paar, aber der alte Depp von einem König, der gerade an der Macht ist, heißt halt CYMBELINE, deshalb ist das Stück nach ihm benannt. Überhaupt ist es mit Frauen in Shakespeares Stücktiteln nicht weit her. Dreimal treten sie zusammen mit ihren Lovern auf: ROMEO AND JULIET, ANTONIUS AND CLEOPATRA, TROILUS AND CRESSIDA und einmal im Rudel: THE MERRY WIVES OF WINDSOR. Wobei das letztere Stück eigentlich genausogut FALSTAFF heißen könnte, während CYMBELINE besser POSTHUMUS AND IMOGEN genannt werden sollte. Oder auch IMOGEN AND POSTHUMUS, aber das wär ja genauso, wie wenn man „Frau und Herr Meyer“ sagen würde, was ja albern ist, weil traditionell der Mann zuerst genannt wird. Das ist keine Wertung, nein, nur zufällig so wie wenn der Mann an erster Stelle stünde. Und außerdem war wahrscheinlich die Branding-Abteilung des Globe Theatre davor. Und sowieso hatten Frauen auf der elisabethanischen Theaterbühne nix zu suchen, sondern wurden bekanntlich von jungen Männern verkörpert, was den Theaterveranstaltungen per se eine schwüle Atmosphäre verlieh. Wahrscheinlich wollte man sie mit dieser Maßnahme nur vor öffentlicher Diskriminierung schützen. Man weiß ja, wie schnell jungen Schauspielerinnen nachgestellt wird.

Da die beliebteste Rolle immer die des Bösewichts ist (die waren schon immer an den Bärten zu erkennen, also Vorsicht, Hipster!) spielt Ethan Hawke in der Neuverfilmung die Rolle des Iachimo, wie weiland H.A. Saintsbury (Bild von www.en.wikipedia.org)
Da die beliebteste Rolle immer die des Bösewichts ist (die waren schon immer an den Bärten zu erkennen, also Vorsicht, Hipster!) spielt Ethan Hawke in der Neuverfilmung die Rolle des Iachimo, wie weiland H.A. Saintsbury (Bild von www.en.wikipedia.org)

Aber bevor ich weiter schwadroniere zum Stück: Wir schreiben ungefähr das Jahr null, und ganz Britannien ist von den Römern besetzt, wobei die aber aufgehört haben, Tribut nach Rom zu überweisen. Cymbeline ist König der Briten, zwei Söhne und seine erste Frau sind tot, eine Tochter, Imogen, übrig. Er ist neu verheiratet, die Königin hat ihren Sohn Cloten mit in die Ehe gebracht. Der sollte nun eigentlich Imogen heiraten, die hat aber schon vor Beginn des Stücks einen Pflegesohn des Königs mit dem schönen Namen Posthumus Leonatus geheiratet. Der heißt so, weil er nach dem Tod seines Vaters, eines Römers, zur Welt gekommen ist. Und weil er mittellos ist und überhaupt die Pläne der Königin durchkreuzt hat, wird er verbannt. In Rom geht er mit einem Macho namens Iachimo eine Wette ein, dass seine Frau nämlich nicht nur die Schönste und Beste, sondern auch die Treueste sei. Der Italiener lässt sich nicht lumpen, sondern reist sofort nach London und macht sich an Imogen ran. Zunächst belügt er sie mit Horrorgeschichten über ihren angeblich untreuen Ehemann, und als das nichts bringt, lässt er sich in ihr Gemach schmuggeln während sie schläft, spioniert ein Muttermal an ihrer Brust aus und klaut ihr einen von Posthumus erhaltenen Armreif. Zurück in Rom erzählt Iachimo, er habe mit Imogen geschlafen und beweist es mit Insiderwissen und Schmuck. Posthumus wird irre und befiehlt seinem in London zurück gebliebenen Diener, Imogen zu töten. Der bringt sie zwar vom Hof nach Wales, wie Posthumus befohlen hat, tötet sie aber nicht. Und jetzt wirds ein bisschen unwahrscheinlich: In Wales, in der Nähe der malerischen Hafenstadt Milford Haven, lebt in einer Höhle ein alter Höfling, der vor zwanzig Jahren zu Unrecht vom König verbannt wurde. Aus Kränkung entführte er die beiden Söhne des Monarchen und zog sie hier als seine eigenen auf. Denen läuft jetzt die als Mann verkleidete Imogen über den Weg und wird freundlich aufgenommen, anders als Cloten, der Sohn der Königin, der sie verfolgt und, weil er unhöflich ist, von einem der beiden Königssöhne getötet wird. Imogen fühlt sich nicht wohl und trinkt ein Fläschchen Vitaminboost, das sie von dem Diener ihres Mannes erhalten hat, der es gutgläubig weiter gibt, obwohl er es von der Königin erhalten hat, die es für Gift hielt. In Wahrheit ist es aber das gleiche Rezept, das Julia von Pater Lorenzo erhält, nämlich K.O.-Tropfen, die einen für ein paar Stunden tot aussehen lassen. [Ich hab nicht behauptet, dass die Handlung von CYMBELINE einfach ist.] Mittlerweile hat Cymbeline die Römer, die wegen der ausstehenden Miete da waren, rausgeschmissen, so dass sie mit ein paar Legionen wieder gekommen sind. Deshalb kämpfen jetzt alle gegeneinander, wobei Imogen vorübergehend bei einem Römer im Dienst ist, während Posthumus zuerst für die Briten den Sieg mit herbei führt, und sich anschließend als Römer ausgibt, um hingerichtet zu werden. Und dann, als die Königin tot ist und die verschollenen Königssöhne und ihr verbannter Pseudo-Vater den König gerettet haben und alle zwanzig Beteiligten zusammen sitzen, kommt das im Fachjargon genannte „Denouement“, die Entknotung dieses Riesenknäuels, was allerdings nur mit Hilfe der Intervention der Geister von Posthumus’ gesamter toter Familie aus dem Jenseits und des Donnergottes persönlich, der auf einem Adler herniederfährt, gelingt. Dann aber gründlich, und die Guten werden belohnt und die Bösen begnadigt. Denn das Stück fällt in die Kategorie „Romanze.“

Ganz schönes Staraufgebot: Die CYMBELINE-Neuverfilmung von 2013 (Bild von www.en.wikipedia.org)
Ganz schönes Staraufgebot: Die CYMBELINE-Neuverfilmung von 2013 (Bild von www.en.wikipedia.org)

Mein Freund Wikipedia sagt, dass das Stück früher sehr beliebt war, aber (komischerweise) im 20. Jahrhundert in Misskredit geriet. Das hat sich glücklicherweise im 21. Jahrhundert geändert, es gibt eine filmische Adpatation von vor zwei Jahren, mit Ethank Hawke und Milla Jovovoich (muss ich unbedingt mal angucken). Ich befürchte allerdings, der Film hat die (im Sinne von Frau von Rönne) progressive Haltung des Stückes zur Rolle der Frau wieder à la Feminismus abgewandelt. Bei Shakespeare ist das so unverbraucht natürlich, ein Beispiel: Nachdem die Schlacht gewonnen ist, kommt der Arzt der Königin zu Cymbeline und erzählt, dass die Königin tot sei. Vorher habe sie allerdings noch gebeichtet, und zwar gründlich, und vor Zeugen: Sie habe den König nie geliebt, sondern nur die Macht, und hätte versucht Imogen umzubringen und sei in jeder Hinsicht eine falsche Schlange gewesen. Und der König drauf: „O most delicate fiend! / Who is’t can read a woman?“ – „Du ausgesuchter Teufel! Wer kann die Frauen durchschauen?“ Er, so sagt er, habe keine Schuld, weil sie ja so schön gewesen sei, und wenn man immer gleich misstrauisch ist, tut man ihnen auch Unrecht. Was man im Stück auch an Posthumus’ Verhalten sieht. Aber Imogen verzeiht ihrem Mann gern, dass er sie umbringen lassen wollte – es war ja nur zu ihrem Besten. Und so klingt das Stück mit einem senilen König aus, der  Gottseidank seine leiblichen Kinder aber nicht mehr die falsche Schlange von einer Zweitfrau um sich hat, und der zur Feier des Tages beschließt, Rom jetzt trotz gewonnener Schlacht doch wieder Tribut zu zahlen – er will sich nicht Lumpen lassen. Und die Moral von der Geschicht: „So sind sie, die Frauen.“ Wenn ich sowas lese, weiß ich auch nicht, was Feminismus soll. Regelrecht ekelhaft.


Anwendungsgebiete: Trunkenheit.

Einnahme: Sagen wir mal, Sie haben ein paar Bier zu viel getrunken, oder Eierlikör, wenn Sie eine Frau sind, haben aber demnächst einen wichtigen Termin. Oder müssen sich konzentrieren. Dann setzen Sie sich hin und lesen Sie CYMBELINE am Stück. Zum einen lässt sich diese „Romanze“ mit Alkohol deutlichbesser aushalten, zum anderen werden Sie, wenn Sie mal über das nachdenken, was da erzählt wird, garantiert stocknüchtern.

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