17.05. +++ Im Kitschknetsch

So sieht es aus, wenn die Kommissare (Margarita Broich und Wolfram Koch, links und rechts), mit der Täterin Miranda (2. v. re. und sehr gut: Emily Cox) ins Geständnis abtauchen (Bild von www.daserste.de)
So sieht es aus, wenn die Kommissare (Margarita Broich und Wolfram Koch, links und rechts), mit der Täterin Miranda (2. v. re. und sehr gut: Emily Cox) ins Geständnis abtauchen (Bild von www.daserste.de)

„Knetsch“ ist nordhessisch für „Matsch“ – und da sind heute die einen oder anderen Zuschauer stecken geblieben, obwohl der Tatort aus Frankfurt und nicht aus Kassel kam. Aber auch die Macher haben den einen oder anderen Gummistiefel stecken lassen müssen, jedenfalls gabs da ein paar Klebefallen. Wie kommt das? Sehen Sie: So wenig weiß ich übers Fernsehbusiness. Ich frage mich nämlich, woran es liegt, dass bei neuen Ermittlerteams oft auch der Schnitt noch nicht so richtig passt. So geschehen beim heutigen Frankfurter Tatort KÄLTER ALS DER TOD, der mit den Kommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) ein neues Duo in der hessischen Metropole einführte. Neben allem, das man da zu den Figuren, zur Dramaturgie und vor allem zu den eigenwilligen begehbaren Geständnissen sagen kann, fand ich auffällig, dass das Timing an einigen Stellen einfach klapperte. Also: Woran liegt das? Die einzelnen Mitglieder der Teams sind jeweils erfahren – Regisseur Florian Schwarz ist zwar kein Urgestein, hat aber doch schon einige Tatorte gedreht, ebenso Drehbuchautor Michael Proehl, der unter anderem IM SCHMERZ GEBOREN, jenen Aufsehen erregenden Murot-Tatort des letzten Jahres schrieb. Fest steht, dass der Charakter, den man diesen neuen Figuren zugeschrieben hat, natürlich noch nicht erprobt ist, sondern erst durch die Produktion der Episoden menschlich entsteht und schärfe gewinnt. Und diese Figuren sind es wahrscheinlich letztlich, die einen Krimi zusammen halten, die der Geschichte auch in der Postproduktion noch ihren eigenen Duktus verleihen – wenn sie gut sind. Bei KÄLTER ALS DER TOD hat das neue Team einige gute und interessante Ansätze gezeigt – aber es muss sich noch einiges zurechtruckeln.

Musste sich manchmal gegen einen schwierigen Text behaupten: Emily Cox (Miranda) zwischen den Kommissaren (Bild von www.daserste.de)
Musste sich manchmal gegen einen schwierigen Text behaupten: Emily Cox (Miranda) zwischen den Kommissaren (Bild von www.daserste.de)

Ein Familienmassaker: Papa, Mama und Sohn der Familie Sanders werden erschossen aufgefunden, die Tochter und deren Nachhilfelehrerin sind entführt worden. Die Mädchen werden schnell gefunden, und der Schwager, ein Arschlocharzt, könnte seine Finger im Spiel haben, jedenfalls schickt er seine Frau vor, um ein Alibi für ihn zurecht zu lügen. Schon früh bringt allerdings Riefenstahl, der zunächst mal ziemlich abschreckende Chef von Janneke und Brix, die beiden Mädchen als potentielle Täter ins Spiel. Klar – hypothetisch möglich – aber inhaltlich völlig unmotiviert, dieser Verdacht – es sei denn, der Drehbuchschreiber hat da schon mal an seine spätere Auflösung gedacht. Denn tatsächlich ziehen sich die Wolken des Verdachts über Miranda, der Nachhilfelehrerin zusammen, als nämlich deutlich wird, dass sie eine Tochter der Ermordeten ist, die diese als Neugeborenes anonym zur Adoption frei gegeben hatte. Kurz bringt sich der Schwager noch mal als Täter ins Spiel, als er seine Frau umbringt, weil diese ihn nicht länger decken will, da befinden wir uns auf der Endgeraden, auf der sich Miranda als emotional misshandelte Psychopathin entpuppt, die auf der Suche nach ihrer Mutter weggestoßen wurde und dann im tragischen Unfall die Familie tötet, die sie nicht wollte. Der Urgrund ist ein ödipaler Vergewaltiger von Großvater, der das ganze Unheil in der Familie angelegt hat. Naja.

Eine ästhetische Besonderheit dieses Buches sind die oben erwähnten „begehbaren Erinnerungen“. Da vernimmt Brix zum Beispiel den Paketboten, der die toten Familie gefunden hat, und, wie sich heraus stellt, jahrelang deren Post aufgemacht hat. Der kann offenbar so anschaulich erzählen, dass er den Kommissar in seine Erinnerung mitnimmt – und wie im „Pensieve“ von Dumbledore erleben Polizist und Zeuge nochmal gemeinsam, was dieser von sich gibt. Beim Paketboten fand ich das noch originell; bei der dritten derart verwursteten Erinnerung fand ichs ein bisschen aufdringlich, weil verkitscht. Drehbuchautor Proehl hat hier wiederum seine visionäre Kraft unter Beweis gestellt – um den Preis der Romantisierung sowohl von Verbrechen und ziemlich blutigen Taten als auch der Polizeiarbeit. Erinnert mich ansatzweise an Tarantino, nur hat ein Tatort nicht das Kaliber von dessen Bildsprache, die über sich selbst hinausweist und die Verkitschung gleich wieder unterminiert. Soweit gehts hier nicht, es bleibt im Kitsch stecken.
Der tut nix: Roland Wiesnekker (Mitte) als Chef Riefenstahl (Bild von www.daserste.de)
Der tut nix: Roland Wiesnekker (Mitte) als Chef Riefenstahl (Bild von www.daserste.de)

Aber noch einmal zu den noch nicht ganz zurechtgeruckelten Figuren: Auf Anhieb in der Frankfurter Mordkommission zu Hause scheint mir Wolfram Koch als Paul Brix zu sein. Zwar erfahren wir noch nicht viel über ihn, außer ein paar Hausnummern wie „Morgemuffel“ (echter Ausstattungs-Kitsch-Overkill: Wozu zweihundert Wecker? Wozu dieses Faktum dreimal erzählen?) und „lebt in alternativer WG mit gärtnernder Transe“; aber er ist gleichermaßen cool wie pragmatisch. Die ebenso cool behauptete Psychologin Anne Janneke, gespielt von Margarita Broich, die hier als „Quereinsteigerin“ in die Mordkommission wechselt, tut sich mit dem schmalen Grat zwischen Mütterlichkeit und Professionalität noch etwas schwerer, aber das kann ja noch werden. Eine echte Charge bleibt der „raubeinige“ Chef Riefenstahl – zu platt sind die Dialoge um ihn herum angelegt, zu schnell entpuppt er sich als im Kern „guter Kerl.“ Unter den Nebenfiguren finden sich aber einige vielversprechende Originale, denen wir sicher noch in dankbareren Situation wieder begegnen werden (z.B. Isaak Dentler als Jonas und Luc Feit als KTU Chef, der noch nicht mal einen Namen wert ist). Insgesamt ein Neustart des Ermittlerteams mit Anfangsschwierigkeiten, ein etwas überambitioniertes Drehbuch – das in der Auflösungsphase leider etwas zu kopflastig wurde – aber Hoffnung auf mehr Vergnügen, wenn sich das Produktionsteam, ebenso wie die Polizisten, eingespielt haben. Ach, und was ist eigentlich „Kälter als der Tod“? Familie? Missbrauch durch den eigenen Großvater? Einsamkeit? Ein ziemlicher Kitsch-Overkill, dieser Titel, aber damit eben symptomatisch.


Anwendungsgebiete: Bleichsucht (Anämie)

 Einnahme: Gut, um vom hier herumspritzenden Blut körperlich profitieren zu können, müsste man es schon im Rahmen von begehbaren Fantasien von den Wänden lecken, aber so ein leichtes Fremdschämen hier und da fördert bei den meisten Menschen auch dann die Durchblutung (und damit letztlich auch die Eryhtropoiese). Und das passiert, wenn Sie den Tatort noch ein paar Mal anschauen.

Eine Antwort auf „17.05. +++ Im Kitschknetsch“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.