18.02. +++ Ein Fünkchen Wahrheit

Ließ sich gern breitbeinig malen: Heinrich VIII. von England (Bild aus der Werkstatt Hans Holbeins des Jüngeren, von www.en.wikipedia.org)
Ließ sich gern breitbeinig malen: Heinrich VIII. von England (Bild aus der Werkstatt Hans Holbeins des Jüngeren, von www.en.wikipedia.org)

Wahrheit im Theater, oder in der Kunst allgemein, ist immer sonderbar, und manchmal auch komisch. Ich meine natürlich den Anspruch der Wahrheit mit großem W. Entweder wir akzeptieren die Kunst als Teil des Lebens, und dann ist sie immer wahr und „realistisch“ (noch so ein böses Wort), oder wir rahmen sie ein, stellen sie hoch, schließen sie weg, hinter den Schleier der Andersartigkeit, der „Künstlichkeit“, um sie zu entschärfen, und wenn dann noch von der „tieferen Wahrheit“ die Rede ist, wirds für den unbedarften Beobachter richtig unterhaltsam. Mein heutiges Kunstwerk trägt den gefährlichen Untertitel „All is True“ – „Alles ist wahr“, und hört ansonsten auf den Namen HENRY VIII. Ja, ganz richtig, das wird wieder ein Beitrag aus der Reihe „Shakespeares Apokryphen“ (bisher in dieser Reihe: KING JOHN, SIR THOMAS MORE [da kommt Henry VIII auch vor!], TITUS ANDRONICUS, DOUBLE FALSEHOOD), aber keine Bange, ich werde mich nicht schon wieder über die Shakespeare-Industrie auslassen. Auch wenns da einiges zu sagen gäbe.

Fangen wir zunächst mit der Feststellung an, dass „die Forschung“ „glaubt“, dass es sich bei HENRY VIII. um eine Gemeinschaftsarbeit zwischen dem sich auf dem Absprung zum Altersruhesitz in Stratford befindlichen Shakespeare und seinem Nachfolger als Hausautor bei den King’s Men, John Fletcher, handelt. („Die Forschung“ ist da auf Grund von „stilistischen Analysen“ „so gut wie sicher“.) Jedenfalls spricht Einiges dafür, dass dieses Stück im Jahr 1513 zweieinhalb Mal aufgeführt wurde, denn bei der dritten Vorstellung versagte die Pyrotechnik, und eine der kleinen Kanonen, die die Ankunft des Königs bei einer Party seines Erzbischofs als Soundeffekt signalisieren sollte, entzündete dummerweise das Reetdach des Globe Theatre, was daraufhin innerhalb von maximal zwei Stunden bis auf den Grund niederbrannte. Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden, bei einem Zuschauer entzündete sich die Hose, konnte aber unter Zuhilfenahme eines Biers gelöscht werden. Das war mal ein Theaterspektakel, von dem die Menschen berichteten – es gibt mehrere Erwähnungen des Feuers in zeitgenössischen Briefen. Sonst war ja damals noch nicht so viel mit Blogs, sonst hätten wir heute nicht die ganzen Autorschaftsdebatten um Shakespeares Werke. Aber wenn sie zum Bullenkampf gegangen sind, haben sie ja auch nicht die Namen der siegreichen Bulldoggen notiert, und mangels Vorabendprogramm war das Theater ja nichts anderes als ein Unterhaltungsmedium unter mehreren. Und Medien, auch Kunst, sind oft nicht nur der Wahrheit, sondern auch der Macht verpflichtet. Die Truppe hieß immerhin „The King’s Men“ und konnte es sich nicht mit der Institution der Monarchie verscherzen.
 
Die Alte: Katharina von Aragon, Heinrichs erste Frau (Bild von www.en.wikipedia.org)
Die Alte: Katharina von Aragon, Heinrichs erste Frau (Bild von www.en.wikipedia.org)

Jedenfalls fanden die Leute das Stück damals ganz toll, auch wegen der tollen Kostüme und all dem königlichen Zeug, was sie hundert Jahre in die Vergangenheit versetzte. Früher war halt noch alles besser, unter dem guten Opa Heini. Und dann hatten die Autoren ja auch keine Mühe gescheut, die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit auf die Bühne zu bringen. Was war das nochmal? Richtig: Im ersten Akt gehts um die Absetzung des Duke of Buckingham auf Betreiben des Erzbischofs und Lordkanzlers Kardinal Wolsey; im zweiten Akt gehts um die Absetzung von Heinrichs erster Ehefrau Katherine (also die Scheidung von ihr); im dritten Akt gehts um die Absetzung von Kardinal Wolsey; im vierten Akt wird Anne Boleyn zur neuen Königin gekrönt und die alte Königin stirbt; im fünften Akt gehts NICHT um die Absetzung des neuen Erzbischofs von Canterbury, Thomas Cranmer, sondern stattdessen um die Taufe von Prinzessin Elizabeth, die später mal Elizabeth I. werden sollte. Die Wahrheit über die Regentschaft von Heinrich VIII. erschöpft sich also im Stück (das sich im übrigen ganz schön langatmig liest) in so einer Art geballter höfischer Seifenoper: Diese bösen rivalisierenden Hofschranzen, die sich alle immer gegenseitig ausstechen, und kaum hat der König ein Machtwort gesprochen und einer ist verurteilt, behauptet er das Gegenteil von allem, was er gerade noch gesagt hat, verzeiht allen Gegnern und betet für sie.

Die Neue: Anne Boleyn, Heinrichs zweite, aber nicht letzte, Frau (Bild von www.en.wikipedia.org)
Die Neue: Anne Boleyn, Heinrichs zweite, aber nicht letzte, Frau (Bild von www.en.wikipedia.org)

In dieser Sphäre der Politik kann von „Wahrheit“ oder „Aufrichtigkeit“ wirklich nur in Gänsefüßchen die Rede sein. „Wahr“, im Sinne von offiziell beglaubigt, ist hier das, was der König für wahr erklärt. Der ist nämlich unantastbar. Seine offensichtliche Heuchelei, wenns ans Absägen seiner ersten Frau geht, nachdem er sich in die junge und hübsche Anne Boleyn verliebt hat, wird nur von der angegriffenen Katherine ausgesprochen. Obwohl – eigentlich gibt die auch nicht dem König die Schuld, sondern dem bösen Kardinal Wolsey, obwohl der diesmal eigentlich nicht schuld war, sondern es lieber gehabt hätte, wenn der Papst der Scheidung nicht zugestimmt hätte. Das bringt ihn dann später auch zu Fall. Während die ersten drei Akte mit ihren jeweiligen Absetzungen den „normalen“ Kabalenbetrieb bei Hofe demonstrieren, macht die drohende Absetzung von Erzbischof Cranmer im fünften Akt die ganze Farce der legalen Formalitäten in dieser letztlich despotischen Herrschaftsstruktur deutlich. Denn der König versichert Cranmer seines Beistandes noch bevor dieser beschuldigt wird, so dass der gesamte Thronrat, der Cranmer  schon verhaften lassen will, das Gesicht verliert und gedemütigt wird. Es handelt sich um eine reine Machtdemonstration Henrys, eine Inszenierung zur Dämpfung zu großer Ambitionen in seinem Rat, denn letztlich zählt nur das Wort des Königs.

Es tut mir leid, von heute aus gesehen kann man den Untertitel „All is true“ nur noch als triefenden Sarkasmus lesen. Historisch „wahr“ sind in diesem Stück die Todesfälle, Krönung und Taufe, „wahrhaftig“ ist in diesem Stück keiner. Das sah das historische Publikum mit Sicherheit nicht so, denn nach der offiziellen Doktrin war der König nun mal immer noch von Gottes Gnaden eingesetzt – auch wenn erhebliche Zweifel daran nicht mehr lange auf sich warten ließen und schließlich zur Revolution führten. Die Lobhudelei des Theaters vor den Mächtigen wird in der Schlussszene von HENRY VIII deutlich, wo Erzbischof Cranmer als Taufpate der kleinen Elizabeth eine „prophetische“ Rede auf deren zukünftige Größe und die noch größere Größe ihres Nachfolgers James I. hält. Man möge mir verzeihen, dass ich eine klammheimliche Schadenfreude darüber empfinde, dass das große Globe Theatre, dieser Meilenstein der Theatergeschichte, nein der menschlichen Geschichte, ausgerechnet bei einer Vorstellung dieses Stückes zu Grunde gegangen ist. Denn Kunst, die sich so putinisieren und von der Wahrheit entfernen lässt, fordert den Funken des Widerstands heraus, der dann unter Umständen zu schlimmen Bränden führt.

Anwendungsgebiete: Alzheimerprävention
 

Einnahme: Personenverzeichnis vornehmen und auswendig lernen (44 Rollen plus Pöbel!). Zwischendurch immer mal wieder eine Szene des Stücks lesen. Eine genaue Kenntnis der im Stück vorkommenden historischen Figuren kann als Ausgangspunkt für weitere historische Studien über das Tudor-England dienen.

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