18.03. +++ Mega, Herr Specht!

Ein Porträt von Holger hab ich auf Wikipedia nicht gefunden, deshalb muss der vielstrapazierte Held der Arbeitervögel wieder herhalten: Bertolt Specht (Bild von www.de.wikipedia.org)
Ein Porträt von Holger hab ich auf Wikipedia nicht gefunden, deshalb muss der vielstrapazierte Held der Arbeitervögel wieder herhalten: Bertolt Specht (Bild von www.de.wikipedia.org)

Wenn Sie zufällig vor ziemlich genau einem Jahr bei dem Poetry-Slam-Großereignis POETRY! DEAD OR ALIVE? im Theater Ulm dabei waren, dann haben Sie ihn ohnehin schon einmal auf der Bühne erlebt, ansonsten tritt er bestimmt auch bald mal bei einem Poetry Slam in Ihrer Nähe auf, und dann sollten Sie Ihn sich nicht entgehen lassen: Lars Ruppel. Der amtierende deutsche Poetry-Slam-Meister (er holte den Titel im Oktober 2014 in Dresden) tourt seit über zehn Jahren über die großen und kleinen Wortkunst-Bühnen der Republik und ist auch weit darüber hinaus als Botschafter der Lyrik tätig. Mit seinem Poesieprojekt „Weckworte“ hat er ein inklusives Fortbildungskonzept entwickelt, dass den Einsatz von Lyrik in der Pflege von Alzheimerpatienten vermittelt; er hat für Universitäten gedichtet und gesprochen, für das Goetheinstitut im Sudan gearbeitet, für große Konzerne und weiß der Kuckuck was sonst noch alles. Und dabei ist der Mann erst dreißig; Heidewitzka, sag ich da. 

Er sagt das auch, allerdings aus dichterisch-sprachlichem Forschungsinteresse. In den letzten Jahren entstanden einige Gedichte, in denen sich Ruppel mit einigen sozusagen rhetorischen Figuren beschäftigt, die im Volksmund ein- und ausgehen. Zum Beispiel eben mit „Heide Witzka“, dem Kuckuck, der (nichts) weiß, Schmidts Katze, dem lieben Herrn Gesangsverein und einigen anderen mehr. Namensgeber eines Buches, das elf dieser Werke versammelt, ist HOLGER, DIE WALDFEE (aus offensichtlich politischen aber ungenannt bleibenden Gründen hat „Holla“ eine Geschlechtsumwandlung erfahren). Nachdem sich der Gedichtband (für Lyrik) ziemlich gut verkaufte, legte der Satyr Verlag jetzt mit einer CD nach, auf der Ruppel seine „Elf Gedichte über Redensarten“ selbst vorträgt.
 
Ein ebenso emsiger Textschnitzer wie sein gefiederter Freund: Lars Ruppel (Bild Hendrik Schneller von www.larsruppel.de)
Ein ebenso emsiger Textschnitzer wie sein gefiederter Freund: Lars Ruppel (Bild Hendrik Schneller von www.larsruppel.de)

Das wirklich schöne an Ruppels Gedichten ist die geistreiche und liebevolle Art, mit denen er diesen Leuten, die wir eigentlich nur vom Namen kennen, eine Identität verleiht. Zum Beispiel dem Herrn Gesangsverein, er zwar im Plattenbau zu Hause ist, aber sich durch die triste Umgebung nicht anfechten lässt und, als er sich in das Fräulein von Gegenüber verliebt, die gesamte zwei- und vierfüßige, gefiederte und sonstwie lebendige Bevölkerung der Umgebung zu einem „Bürgerchor“ zusammenruft, um seiner Angebeteten das ultimative Liebesständchen zu bringen, doch kurz vor dem kollektiven Kunstorgasmus schreitet ein Beamter des Spaßbremsenvereins GEMA ein und untersagt die unangemeldete Aufführung eines tantiemenpflichtigen Werkes. Weil aber der liebe Herr Gesangsverein nur für die Kunst und die Liebe lebt, lässt er sich natürlich nicht bremsen und wird daher (wer nicht hören will, muss fühlen) von der GEMA liquidiert. Selber schuld. Sie haben ihn ja gewarnt. Ein wirklich mitreißendes Gedicht von teilweise Schillerscher Rhyhtmik – und was die klare Botschaft betrifft, geht Ruppel seinem schwäbischen Geistesvater nichts aus dem Wege: Man sieht vor dem geistigen Auge schon die Ruppelsche Lyrikerfaust gleich der des Herrn Gesangverein gegen die Kunstverhinderer und Bürokraten in den Himmel steigen.

Die Geschichten von Holger, Schmidts Katze, dem heiligen Strohsack oder dem alten Schweden unterscheiden sich freilich ziemlich voneinander, auch in qualitativer Hinsicht, jedenfalls habe ich das beim Anhören der CD so empfunden. Wenn sich Schmidts Katze etwa einen blutigen Showdown mit Angela Merkel liefert, bevor sie die Weltherrschaft übernimmt; wenn im Betrieb von Herrn Specht plötzlich „Captain Arbeitsrecht“ gegen „Doktor K.“ (für …apitalismus) gegeneinander antreten, dann ist verkauft sich Ruppel meines Erachtens unter Wert – um des Effekts willen. Das kommt natürlich daher, dass diese Gedichte zum möglichst unterhaltsamen Vortrag erdacht sind – und bei einem Poetry Slam funktionieren diese „Gags“ tatsächlich wie Bolle. (Memo an mich selbst: Wer ist eigentlich Bolle? Mal ein Gedicht drüber schreiben). Aber, und jetzt komme ich zu meiner Kritik am Hörbuch, so richtig wollen einige der Rezitationen auf dem neuen Hörbuch nicht zünden. Ich glaube, das liegt daran, dass es sich um eine intime Studioaufnahme handelt – wie so mancher Rockmusiker funzt Ruppel im Livevortrag deutlich mehr. Der etwas klappernde, das Metrum arg reitende Vortragsstil, der auf der Bühne als Slammer-Style die Massen mitnimmt, wirkt so dicht und ungeschützt am Mikro zuweilen ein wenig linkisch und antiquiert. Freilich: Selbst wenn ich wollte, könnte ich Lars Ruppel die Entscheidung zu dieser Art des Vortrags nicht übel nehmen, dazu finde ich seine gradlinige Art, draufloszudichten und seine Botschaften an die Leute zu bringen, viel zu gut. Deshalb lautet mein Votum: Wenn Sie auf einer Hallig oder auf einer Alm wohnen, wo der nächste Poetry Slam wirklich nicht so leicht zu erreichen, dann bestellen Sie sich halt nur die CD. Ansonsten aber schauen Sie sich Ruppel live an – und kaufen die CD anschließend als Souvenir.

Anwendungsgebiete: Rheuma, vor allem an nebligen und nasskalten Tagen.
 
Einnahme: Schalten Sie „Repeat“ am CD-Player an und lassen sie die Platte während des Mittagsschlafes laufen. Danach können Sie diese lebensbejahenden und oft auch sonnigen Gedichte mit Sicherheit auswendig, und das wirkt sich mit Sicherheit ausgesprochen positiv auf Ihre Gelenke aus.
 
Offenlegung: Der Verlag war so freundlich, mir ein Rezensionsexemplar der CD zuzuschicken.

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