19.04. +++ Was zählt

Danke, Herr Prantl, für eine große Geste, nämlich die der Demut.
Danke, Herr Prantl, für eine große Geste, nämlich die der Demut. (Bild von www.sueddeutsche.de)

Eigentlich wollte ich über den Kölner Tatort schreiben, DICKER ALS WASSER, aber kann man sich eigentlich mit dieser einigermaßen harmlosen Unterhaltungskriminalität beschäftigen, wenn der Holocaust des 21. Jahrhunderts um uns herum tobt? Wie viele Leute sind täglich in Ravensbrück umgekommen, das heute vor 70 Jahren befreit wurde? Waren es so viele, wie heute auf dem Mittelmeer gestorben sind? Ich vergleiche nicht zwischen dem direkten Morden der Nazis und dem höchst komplexen Netz von Ursachen, das zu den vielen Toten auf dem Weg nach Europa führt. Ich versuche mir nur, die Dimension vor Augen zu führen. Was ich aber durchaus vergleiche, ist das bewusste Wegschauen. Vielleicht haben Sie auch gerade die Talkshow von Günther Jauch gesehen, mit dem Showdown zwischen Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung und Roger Köppel von der Schweizer Weltwoche. Da erdreistet sich der demagogische rechtskonservative Köppel, dem linksgerichteten Prantl verantwortungslosen Journalismus vorzuwerfen, wenn er die vielen Toten anprangert und den Verantwortlichen Mord vorwirft. Ich finde es verantwortungslos, eine pseudolegalistische und in Wahrheit volksverhetzende Stimmungsmache wie Köppel zu betreiben, die zum Wegschauen einlädt. Ich habe Prantl, der sich zu Beginn der Sendung sehr in Rage redete, für seine weise Wendung zur Versöhnlichkeit sehr bewundert, denn wahrscheinlich ist nur dieser Diskurs derjenige, mit dem man den Scharfmachern entgegen treten kann. Nunja, es ist nur ein unzureichendes Herumtasten an einem schwierigen Thema, obwohl: Ist es wirklich so schwierig? Das Recht auf Leben ist ein Menschenrecht. Wenn wir es jemandem wissentlich vorenthalten, verstoßen wir nicht nur gegen sein Menschenrecht, sondern werden mitschuldig an seinem Tod. Bitte: Hier ist nicht nach den Gründen für die Todesgefahr gefragt, nicht danach, ob jemand aus politischen, religiösen, sexuellen oder gar wirtschaftlichen Gründen mit dem Tode bedroht ist. Die Aushöhlung der staatlichen Souveränität durch kapitalistische Erpressermethoden der Weltpolitik haben weite Teile Afrikas unregierbar gemacht. Anders gesagt: Wir erhalten unseren Lebensstandard massiv durch die Ausbeutung Afrikas, so dass dort die tödliche Gewalt exponentiell wächst und damit die Flucht davor. Nun schlägt sie auf uns in Form von Flüchtlingsströmen zurück. Der kleinere Teil der Menschen, die aus Afrika zu uns kommen, werden im Sinne unseres Grundgesetztes politisch verfolgt, und dennoch, dennoch haben sie jedes Recht auf unseren Schutz, weil die Gewalt unter der sie in ihrer Heimat gelitten haben, ihren Ursprung hier bei uns hat. Dabei ereignet sich das, was im globalen Maßstab die Migration begründet, im Kleinen bei uns: Eine rasant zunehmende Ungleichverteilung. Auf diese Weise ist das Geld, das durch die massiv gestiegene Ausbeutung Afrikas unter anderem nach Europa geflossen ist, gar nicht bei allen Europäern, sondern bei einem verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung gelandet. Der große Teil der Bevölkerung soll jedoch die Zeche zahlen – ganz ähnlich wie bei der Finanzkrise: Die Vergesellschaftung von Schulden, die Privatisierung von Gewinnen. Wie lange wollen wir uns das noch bieten lassen? Wie lange wollen wir unser politisches System, unsere mühsam errungenen Wertvorstellungen der blanken Gier zum Fraß vorwerfen? Unsere Politik muss sich die Macht von den Konzernen zurück erobern, und sie kann es, wenn sie es nur will. So, das war jetzt in der gleichen Weise emphatisch wie Herr Prantl zu beginn der eingangs erwähnten Talkshow. In diesem Sinne einen schönen Sonntag Abend.

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