19.06. +++ Ich kriege nie genug

Ich weiß, dass ist ein bisschen mies, Popstars als Köder einzusetzen, und dann gehts um ein Gedicht (!!!). Aber wenns um Kultur geht, heiligt der Zweck die Mittel. Und immerhin kommt ihr Songtitel vor: Christina Stürmer (Bild von www.clipfish.de)
Ich weiß, dass ist ein bisschen mies, Popstars als Köder einzusetzen, und dann gehts um ein Gedicht (!!!). Aber wenns um Kultur geht, heiligt der Zweck die Mittel. Und immerhin kommt ihr Songtitel vor: Christina Stürmer (Bild von www.clipfish.de)

Wenn man Eichendorff heißt und dann ständig Gedichte über den Wald schreibt, ist man entweder komplett schmerzfrei oder hat einen bemerkenswerten Sinn für „Branding“. Bei dem Freiherrn Joseph dieses Namens scheinen beiden dieser Faktoren eine Rolle gespielt zu haben, und vermutlich noch ein Sinn für die Schicksalhaftigkeit (womöglich sogar „Vorbestimmung“) seines Namens. Jedenfalls habe ich mir heute das Vergnügen erlaubt, mehrere seiner Gedichtchen zu mir zu nehmen, und es ist, da hat mein Freund Wikipedia recht, schon ziemlich oft vom Wald, vom Raunen, von der Sternennacht und so die Rede. Mit der (zu seiner Zeit) modernen Zivilisation hat das gar nichts zu tun, sondern mit einem gepflegten Eskapismus. Ich frage mich aber schon, was ihn zu dem (übrigens sehr hübschen) Gedicht MONDNACHT veranlasst hat:

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

"Der Dichter": Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, 1788-1857 (Bild von www.de.wikipedia.org)
„Der Dichter“: Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, 1788-1857 (Bild von www.de.wikipedia.org)

Bitteschön, ich will nicht wissen „was uns der Dichter damit sagen wollte.“ Ich bezweifle ganz grundsätzlich, dass er UNS etwas sagen wollte. Erstens wusste er ja nicht, dass er überhaupt ein größeres Publikum finden würde, und selbst wenn er das gehofft haben sollte (es gibt ja solche Leute, die IMMER nur auf Nachruhm schielen), dann kann er ja nicht gewusst haben, in welche sonderbaren Richtungen sich die Menschheit so entwickelt hat. Mit der Welt, in der er gelebt hat, hat jedenfalls unsere nur noch wenig gemein. Das heißt natürlich nicht, dass er das Gedicht nicht aus einem Anlass und wahrscheinlich auch zu einem Zweck geschrieben hat.

Ich habe in ein, zwei Interpretationen dieses bekannten Werkes hineingeschaut, und war erstaunt zu erfahren, dass es hier (offenbar nach der gängigen Lehrmeinung) um ein christliches Thema geht. Joa, da kommt eine Seele vor, und die will nach Hause, aber mei, wer wird denn da gleich ans Sterben denken? Heimat bei Gott, schön und gut, aber die liebe Seele kann doch auch woanders Ruhe finden, oder? Die Romantik hat als Schlagwort heute mit der Vereinigung zweier liebender Seelen zu tun, aber das ist historisch betrachtet natürlich falsch. Seelen ja, um Seelenliebe geht es, aber eben nicht um Vereinigung. Die romantische Seele begehrt, kriegt aber nicht das, was sie begehrt, und leidet darunter.

Da knistert die Spannung: Der deutsche Wald unter Strom, weil es fast ein bisschen so wirkt, als hätte der Himmel die Erde geküsst.
Da knistert die Spannung: Der deutsche Wald unter Strom, weil es fast ein bisschen so wirkt, als hätte der Himmel die Erde geküsst.

Ungefähr das schildert unser lyrisches Ich in der ersten Strophe: Es wirkt ein bisschen so, als hätte ein Unerreichbarer (der Himmel) das Mädchen vom Lande (die Erde) geküsst; er hats nicht wirklich getan, sondern ihr nur Hoffnung gemacht, und jetzt verzehrt sie sich in Träumen nach ihm. Der Himmelsabgesandte, oder Stellvertreter, das laue Lüftchen, macht die Erde mit ihren Ähren in der zweiten Strophe dann noch heißer, bis die Wälder (was auch immer das für Regionen der Erde sind) anfangen zu rauschen, aber es passiert nix, die Nacht bleibt sternklar, es gibt keinen Regen oder sonst irgend einen Guss. Und auf dieser unerträglichen Spannung surft jetzt das lyrische Ich: Die Luft zwischen Himmel und Erde ist so zum Schneiden, dass man da die Seele ausspannen und cruisen kann. Nicht nach Hause, sondern nur andeuten, heiß machen, aber keine Erfüllung, keine Vereinigung. Heimkehr hieße, sich aus dem Zustand der Spannung zu verabschieden, aber genau das will der Romantiker nicht, sondern er will diesen Zustand weiter erhalten.

Aber der Blick nach oben, ins Blätterdach, wirkt schon beruhigend, oder?
Aber der Blick nach oben, ins Blätterdach, wirkt schon beruhigend, oder?

Mangels Bildung weiß ich nicht, ob es die konkrete Beziehung zu einer Frau war, die hier Pate stand, aber Fakt ist, dass der romantische Lifestyle, den Eichendorff hier bemerkenswert knapp zusammenfasst, mit einer ständigen Sehnsuchtsspannung zu tun hat, so ein bisschen wie die Dauererregung auf Droge. Dieses „Ich kriege nie genug vom Leben“ – dieses programmatisch ziellose Suchen kann auf Dauer nicht gesund sein, kein Wunder, dass die Romantiker alle so früh gestorben sind (gut, Eichendorff ist 69 geworden, aber Novalis 29, Keats 26, Büchner 23… ja, gut, der war jetzt vielleicht kein Romantiker). Jedenfalls wundert es mich vor dem Hintergrund nicht, dass dieser übererregte Herr sich ständig gedanklich im Wald und auf der Heide herumgetrieben hat, denn wenn er mental in der Stadt rumgewandert wäre, da wärs ja noch schlimmer gewesen.


Anwendungsgebiete: Appetitzügler

Einnahme: So eine Obsession, zum Beispiel eine Verliebtheit, ist das beste Mittel zum Abnehmen. Man muss nur rechtzeitig Hoffnungslos abgewiesen werden, um dann wieder Trost in Lebensmitteln zu finden, sonst kriegt man eine Essstörung.

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