20.01. +++ Ganz anders

Byung-Chul Hang, DIE AGONIE DES EROS
Byung-Chul Hang, DIE AGONIE DES EROS

Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn einerseits habe ich heute viele großartige neue Gedanken geschenkt bekommen, das heißt nein, eigentlich waren sie nicht neu, sondern bisher nur dunkel erahnt und hier unheimlich klug formuliert; andererseits befürchte ich, dass ich keine Chance habe, auch nur einen von ihnen so wieder zu geben, dass ihm Gerechtigkeit wiederführe. Die gute Nachricht ist: Ich muss es auch nicht. Die Rede ist von Byung-Chul Hans Büchlein DIE AGONIE DES EROS, und ich kann nur sagen: Lest es. Es geht um die Liebe und ihr Verschwinden in der „Hölle des Gleichen“, die sich Kapitalismus nennt. Statt vieler Beschreibung ein Zitat aus dem ersten Abschnitt des schmalen Bandes: „Der andere, den ich begehre und der mich fasziniert, ist ortlos. Er entzieht sich der Sprache des Gleichen.“ Zu Beginn meiner Lektüre hatte ich das Gefühl, ich kann das Dickicht von Gedanken nicht durchdringen, bleibe stecken, werde mich lieber wieder umdrehen und auf ausgetretene Pfade zurück kehren, denn Sätze wie diese, über die man einzeln lange nachdenken kann, reihen sich hier zuweilen aneinander. Zu meinem Glück habe ich den Moment des Zweifels angesichts der Fremdheit überwunden und bin weiter gestapft. Ich muss mich in solchen Situationen dazu zwingen, nicht alles verstehen zu wollen. Wie bei einem Gedicht, und dieses Büchlein ist ein Prosagedicht. Die Ver-dichtung der Gedanken jedenfalls ist ähnlich hoch wie in der Lyrik, und die unerhörte Zusammenziehung einander fremder Ideen ebenso. Was mich vor allem fasziniert hat, war die Verknüpfung von Wirtschaft und Liebe, die der Philosoph vornimmt, und zwar über die Frage nach dem Ich. (Jetzt versuch ichs doch:) Wenn das Ich alles auf sich bezieht und sich immer mehr entgrenzen will, dann ist es nicht in der Lage, ein Du zu lieben. Denn lieben bedeutet die Fähigkeit zur Aufgabe des Ich im Du, die Fähigkeit zum Beenden des Ich, zum Tode letztlich. Die Fähigkeit zum Beenden ist aber für das Rad des Konsums im Kapitalismus wie das Weihwasser für den Teufel – wenn die Leute plötzlich aufhörten zu konsumieren, bräche alles zusammen. Ich spüre eine große Schönheit in diesem Gedanken an den Tod, und ja, es entspricht meinem Empfinden, dass wir zu viel anfangen und zu wenig anschließen. Deshalb schließe ich, indem ich den Gedanken von vorhin wiederhole: „Der andere, den ich begehre und der mich fasziniert, ist ortlos. Er entzieht sich der Sprache des Gleichen.“

Byung-Chul Han (Foto von www.taz.de)
Byung-Chul Han (Foto von www.taz.de)

Anwendungsgebiete: Fieber

Einnahme: Vorsichtig! Hochkonzentriertes und -wirksames Mittel! Einen Satz bis eine Seite lesen, anschließend eine Stunde spazieren gehen.

P.S.: Danke für das Geschenk dieses Büchleins, Michael Hanisch.

 

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