20.02. +++ Ticitaca

Sehn Sie: Ich hab Unrecht. Es geht doch hart zur Sache. (Bild Jochen Klenk, von www.theater.ulm.de)
Sehn Sie: Ich hab Unrecht. Es geht doch hart zur Sache. (Bild Jochen Klenk, von www.theater.ulm.de)

Warnhinweis/Offenlegung: Ich schreibe im Folgenden über ehemalige Kollegen, deshalb können Sie davon ausgehen, dass kein wahres Wort dabei ist. Die Eintrittskarte für den Theaterabend hat mir der Regisseur besorgt, mit dem ich hoffentlich in Zukunft zusammen arbeiten werde, weshalb ich eh nix Kritisches schreibe (nicht, dass es da überhaupt was zu kritisieren gäbe). Abschließend bin ich gesundheitlich angeschlagen und sehe heute eh alles durch eine rosarote Brille. Das nur zur Information, und eigentlich ist das auch bei jedem Text, den sie in der Zeitung lesen, so, mit der Gemengelage von Motivationen, nur würde da im Gegensatz zu mir nie jemand die Wahrheit schreiben, was ich natürlich ununterbrochen tue. Nach dieser kurzen Vorrede geht der eigentliche Beitrag auch schon los.

Wann immer ich meinem ehemaligen Chef begegne, fragt er mich, mit einer Miene echter Anteilnahme, ob sich bei mir beruflich was Neues ergeben hätte. Man muss dazu sagen, dass wir absolut on speaking terms sind und uns einvernehmlich getrennt haben, nach vielen Jahren, und ich habe im Moment noch keine neue Festanstellung. Die ich auch gar nicht suche. Also jedenfalls nicht unbedingt. Darum gehts aber jetzt gar nicht, sondern ich hab immer so ein bisschen das Gefühl, dass ich krank bin, wenn er mich das fragt. Gut, heute bin ich zufällig krank, aber normalerweise ja nicht. Es kann natürlich sein, dass er mich besser kennt als ich mich kenne, und ich später mal sagen werde „Hätte ich doch nie meine Festanstellung aufgegeben“ – aber ein Job, zumal am Theater, wos auf der künstlerischen Seite eh keine echten Festanstellungen gibt – ist heute nicht mehr für die Ewigkeit gemacht. Ja, zu Kafkas Zeiten, in Kakanien, als die Bänker noch Beamten waren. Aber heutzutage gibts ja fast keine Beamten mehr, und selbst als Priester wird man abserviert, wenn man nur das geringste bisschen… das überlasse ich jetzt Ihrer Fantasie. Jedenfalls ist diese leichte Leidensmiene und menschliche Anteilnahme an meinem offenbar schweren Los der beste Beleg dafür, wie sehr unsere Arbeit, und noch viel mehr unsere Anstellung unsere Identität bestimmen. Nein, eigentlich können wirs auf den Arbeitslohn reduzieren. Ich mache zum Beispiel seit einiger Zeit regelmäßig diese Youtube-Videos. Das finden manche Leute ganz nett, lustig, originell, mir selbst macht es Spaß, aber natürlich hat es keinen Einfluss auf meine Identität. Wenn ich mit diesen Videos jeden Monat 5.000 Euro verdienen würde, würde mich mein Exchef nie wieder mit Leidensmiene ansprechen, obwohl sich inhaltlich nichts geändert hätte. Denn die Gleichung lautet: Gute Arbeit = finanzielle Kompensation = Glück. Und trotz aller Beteuerungen des Gegenteils, diese Gleichung tragen wir alle mit uns rum.

Ratlos kann man schon sein, angesichts der Ausweglosigkeit aus dem Kapitalismus (Foto von Jochen Klenk, von www.theater.ulm.de)
Ratlos kann man schon sein, angesichts der Ausweglosigkeit aus dem Kapitalismus (Foto von Jochen Klenk, von www.theater.ulm.de)

Warum ich diesen ganzen Seelenstriptease betreibe? Das Stück, dessen Premiere ich mir heute in Ulm angeschaut habe, heißt DIE GRÖNHOLM METHODE, stammt von dem katalanischen Autor Jordi Galceran und handelt genau von diesem Thema: How Capitalism fucks your brain. Eine Kandidatin und drei Kandidaten für einen Managerposten des großen internationalen Möbelkonzerns DEKIA (okay, das ist eine Schwäche des Stücks…) finden sich bei einem ungewöhnlichen Job-Auswahlverfahren wieder. Sie befinden sich ohne einen Mitarbeiter des Unternehmens allein in einem Raum und müssen bestimmte Aufgaben lösen, die zunehmend persönlich und verletzend werden. Wird zu Beginn des Verfahrens noch die Information gestreut, dass einer der vier Kandidat/innen ein „Maulwurf“ des Unternehmens sei, stellt sich am Ende heraus, dass nur ein einziger echter Jobaspirant hier getestet und alle anderen Mitarbeiter der Personalabteilung waren. So weit, so realitätsnah. Schon als Galceran das Stück 2003 schrieb, gab es Assessment Center, in denen Manager mit Gruppentests und Psychotricks für die Kader der Global Player ausgesiebt wurden. Für Außenstehende sicher überraschend, ist Galcerans Stück in seiner Krassheit völlig realistisch. Auch die Tatsache, dass das Unternehmen einen Bewerber sucht, der ein echtes Arschloch, aber nach außen hin ein Gutmensch sei, ist zwar ein stereotypes Vorurteil gegenüber der Strategie von Unternehmen, aber natürlich auch hundertprozentig wahr. Das multinationale Unternehmen, das nicht einen solchen CEO hat, gibt es nicht, und kann es auch nicht geben. Also Volksaufklärung über die Leitwölfe unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems? Einerseits. Und andererseits auch Unterhaltung, und deshalb heißt dieser Artikel Ticitaca: Galcerans Stück schnurrt in der Inszenierung Daniel Grünauers wie ein Nähmaschinchen, es läuft wie das Spiel der spanischen Nationalelf zur WM in Südafrika. Die Pointen sitzen, es gibt keine Durchhänger, das Publikum lacht. Schockiert war, soweit ich sehen konnte, keiner. Was schon frappierend ist. Offenbar ist der Zynismus des Systems schon so weit durchgedrungen, das keiner sich darüber wundert, dass vier Menschen sich bedenkenlos und vor allem ohne zu zögern emotional massakrieren, um einen Job zu bekommen. Und da melde ich Kritik an: Die Momente der Grausamkeit, zumal am Ende des Stücks, als der echte Kandidat abserviert wird, hätte ich mir noch etwas tief gehender, noch existenzieller gewünscht. Das freilich ist eine grundsätzliche Frage: Ist ein Profi im System – und unser echter Kandidat, glänzend widerwärtig gespielt von Jörg-Heinrich Benthien ist bei allen persönlichen Altlasten ein solches Alphatier – in der Lage, eine solch beklemmende Situation so einfach wegzustecken? Sind auch die angestellten Psychologen der Personalabteilung dazu in der Lage? Na klar, alles ist nur ein Spiel, Diskretion vorausgesetzt, no hard feelings, aber das weiß das Publikum ja erst hinterher, und zumindest dem einen Bewerber wird arg zugesetzt. Aber nach dem Spiel ist offenbar vor dem Spiel, es wird genau so weiter gehen, wie immer, Wunden werden nicht gezeigt. Ich mäkele freilich auf hohem Niveau, Tini Prüfert als vermeintliche offensive Marketingfrau, Willy Schlotterer als angeblicher Transsexueller, Gunther Nickles als Vorgeblich verlassener Ehemann, sie alle spielen ein in doppeltem Sinne perfektes Spiel. Und, Ulmer Publikum aufgepasst: Ich verstehe jedes Wort an diesem Abend, es ist nicht feucht-kalt in der Außenspielstätte des Theaters Ulm, Sie werden Ihren Spaß haben. Auch in diesem Sinne, bin ich sicher, wird die Inszenierung laufen wie ein mechanischer Webstuhl. Ich hätte mir halt, wie gesagt, ein paar kleine Holzschuhe (frz. „sabot“) in der Maschine gewünscht.

Das Alles, wie gesagt, stimmt eh nicht, weil ich es mir nie einfallen lassen würde, die Hand auch nur anzuknabbern, die mich potentiell nochmal füttert, wobei ich dieses Verhalten von meinem Hund nebenbei gesagt durchaus kenne, was jedoch keinesfalls bedeutet, dass irgendwas von dem oben gesagten in irgendeiner Weise wahr sein könnte.


Anwendungsgebiete: Hühneraugen bei Managern

Einnahme: Gehen Sie ruhig auch als Chef eines multinationalen Konzerns in diese Inszenierung, es tritt Ihnen niemand somsehr drauf, dass bleibende Schäden entstehen.

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