20.03. +++ Im Kleinen

Einer muss ja für spirituelle Ordnung sorgen: The boy who lived (Bild von www.pinterest.com)
Einer muss ja für spirituelle Ordnung sorgen: The boy who lived (Bild von www.pinterest.com)

Eine wesentliche Zutat für Kunst liegt in der Selbstbeschränkung des Künstlers. Wenn ich einen Tisch aus Holz nachbaue, um einen hölzernen Tisch abzubilden, dann erhalte ich vielleicht einen tollen Tisch, aber keine Kunst. Wenn ich Papier und einen Bleistift dazu benutze, siehts schon ganz anders aus, obwohl der Tisch deutlich weniger benutzbar sein dürfte. Der Umweg über ein anderes Medium macht die Beschaffenheit der Dinge sichtbar, und manchmal gehts auch einfach nur darum, Sachen in den richtigen Rahmen zu legen/stellen/setzen, damit sie sichtbar und so zu Kunst werden. Das liebste Objekt der Kunst ist natürlich der Mensch, der seit Menschengedenken und darüber hinaus unter Nutzung aller möglichen verfügbaren Medien abgebildet wurde und wird. Im Zeitalter des Postpost, kurz Popo, bedient sich der Künstler von Welt natürlich gern aus dem Fundus bereits vorhandener Formen und Sachen, statt was Eigenes zu entwickeln. Zum Beispiel Playmobilfiguren. Nein, keine Bange, das wird kein Beitrag über meinen eigenen Quatsch, sondern vielmehr möchte ich ein paar Annäherungen an das „Medium“ Playmobil vorstellen.

Es geht auch ein bisschen subversiver (Bild von www.deviantart.com)
Es geht auch ein bisschen subversiver (Bild von www.deviantart.com)

Playmobil hat viele Fans, die ihre Kindheit in die Tasche oder in sorgsam gehütete Schatzkästlein gepackt haben, und sie mangels oder wegen sozialer Kontakte immer mal wieder hervor zaubern. Und seit es die Digitalfotografie und das Internet gibt, teilen die vielen Klicky-Fans auch gern ihre mehr oder weniger ausgefeilten Fotos mit anderen. Das findet der Konzern natürlich ganz toll, und unterstützt auch alle möglichen Fanclubs. Auf der Seite deviantart.com gibt es eine schöne Übersicht über einige ausgefallenere inszenierte Fotos, und da wirds gleich viel interessanter, wenn nicht nur heile Welt dargestellt wird.

Aus der Playmobil-Bibel von Markus Bomhard (Bild von www.examiner.com)
Aus der Playmobil-Bibel von Markus Bomhard (Bild von www.examiner.com)

Gegen den einzelnen Schnappschuss unternimmt Playmobil in der Regel nichts, aber wenn sich jemand systematisch der Playmobilfiguren annimmt, wie der hessische Pfarrer Markus Bomhard, dann untersagt das Unternehmen ganz schnell die Nutzung bzw. Veröffentlichung der mit seinen Figuren gemachten Aufnahmen. Was eigentlich ziemlich erstaunlich ist, denn wenn der Pfarrer es darauf angelegt und mit der Kunstfreiheit argumentiert hätte, schätze ich seine Chancen sehr positiv ein, mit den kleinen Plastikfiguren weiter die Bibel illustrieren zu dürfen. Der Fall machte internationale Schlagzeilen.

Auch wenn es mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist: Kein Delacroix, sondern ein Richard Unglick: "Die Freiheit führt das Volk" (Bild von http://planetepetitsloups.com)
Auch wenn es mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist: Kein Delacroix, sondern ein Richard Unglick: „Die Freiheit führt das Volk“ (Bild von http://planetepetitsloups.com)

Einen ganz anderen Weg bei der Nutzung von Playmobil in künstlerischem Sinne schlägt der Franzose Richard Unglick ein. Seine Fotografien sind Re-inszenierungen von berühmten Szenen der Popkultur, die dann heftig gephotoshopt werden. Mir leuchtet dieser Einsatz von Playmobil nicht so recht ein, denn da die Figuren mit ihrer System-Erscheinung sowieso schon so bunt, glänzend und eben Plastik wie Popart sind, würde doch der Kontrast mit etwas Unfertigem (wie das übrigens bei Bomhard durchaus der Fall ist (oder war) sehr viel mehr Effekt produzieren. Aber Unglick setzt – sehr erfolgreich – auf die Potenzierung des Pop, die Ausdrucke seiner Fotos entstehen sozusagen aus reinem Pop-Konzentrat.

Wer war zuerst da? Richard Unglick oder Pierre-Adrien Sollier? (Foto von www.solliergallery.com)
Wer war zuerst da? Richard Unglick oder Pierre-Adrien Sollier? (Foto von www.solliergallery.com)

Noch einen Schritt weiter geht der ebenfalls französische Maler Pierre-Adrien Sollier, der teilweise die gleichen Motive wie Unglick mit Playmobil re-inszeniert, das Ganze dann aber in Öl auf Leinwand malt. Das ist schon wieder so ein großer Umweg, dass ich mir vorstellen könnte, dass so ein Playmobil-Delacroix wirken könnte. Muss ich mal live anschauen.

Die Faszination des mittlerweile vielfältigen Einsatzes von Playmobil in der Kunst liegt meines Erachtens darin begründet, dass sich diese kleinen Konsumartikel so hervorragend dafür eignen, ein bisschen Ordnung in die Unübersichtlichkeit der Welt zu bringen. Aus der Perspektive von Playmobil sind alle Menschen gleich. Oder haben zumindest die gleiche Hutgröße. Also die Haare passen jedenfalls allen. Also fast allen, da wirds ja in den letzten Jahren auch immer abgefahrener. Der Einsatz dieser Modelle zur Reflexion von Welt und Gesellschaft zeugt von der tiefen Sehnsucht nach Ordnung und Überblick, nach Orientierung und Sinn. Dass der Konzern da einem Pfarrer (!) den Einsatz der Figuren zu religionspädagogischen Zwecken untersagt, weil er durch die Manipulation an den Figuren die Kinderzuschauer, die das sehen und womöglich zu Hause nachahmen, gefährdet, ist völlig blödsinnig und widerspricht der Philosophie, die dieses Spielzeug verkörpert.
 

 
Anwendungsgebiete: Erkältungskrankheiten
 
Einnahme: Wenn die Welt Sie wieder mit zu vielen Informationen und Bakterien überschwemmt, spielen Sie einfach wahlweise selbst mit Playmobil (oder auch Lego oder sonst einem solchen kreativen Systemspielzeug), als Alibi können Sie ja noch ein Kind mit dazu nehmen, oder aber sie browsen ein wenig im Internet nach Playmobilkunst, dann beruhigen Sie sich bestimmt wieder. 

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