20.09. +++ Sexismus

Ganz normal: Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) nimmt sich eines italienischen Kollateralschadens während der Wiesn an. (Bild von www.daserste.de)
Ganz normal: Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) nimmt sich eines italienischen Kollateralschadens während der Wiesn an. (Bild von www.daserste.de)

Persönlich interessiere ich mich ja sehr für die Qualität von Drehbüchern, bzw. Stories, wenn ich mir einen Tatort anschaue. Das ist natürlich bei weitem nicht alles, worauf es ankommt, es kann beispielsweise ein mittelmäßiger Hauptdarsteller ein brillantes Drehbuch zuschanden reiten – umgekehrt ist es allerdings nahezu unmöglich, einen guten Film zu drehen, wenn das Skript nicht stimmt. Ich habe in den letzten Monaten an dieser Stelle viel gelobt und gemeckert, und ein wichtiges Kriterium war dabei für mich die Frage, wie welthaltig ein Drehbuch ist – welche Probleme werden da mehr oder weniger blutig verhandelt, hat das irgendeine gesellschaftliche Relevanz und wenn ja, welche Aussage traut sich der Autor zu treffen? Oft genug sind es durchaus wichtige Themen, die die Autoren anpacken, aber mindestens ebenso oft tun sie sich mit der Verpackung in der Story ziemlich schwer. Wie bekommt man die Energiewende erzählt, welche Ereignisse und Situationen können dem riesigen Komplex Flucht und Migration noch neue Aspekte abgewinnen? Diese Gedanken waren eine ziemlich ausführliche Vorrede zu einer schlichten Feststellung: Der heutige Münchner Tatort DIE LETZTE WIESN war brillant. Und zwar, weil das Setting, nämlich das Oktoberfest, gleichzeitig Situation, Ausstattung und Problem auf einmal war. Und ich gehe mit meiner Hypothese noch ein Stückel weiter: Besser kann man den latenten Sexismus unserer Gesellschaft nicht beschreiben.

Ein paar Worte zur Handlung. Kommissar Leitmayr versucht, dem kollektiven Irrsinn der Wiesn zu entkommen, indem er seine Wohnung untervermietet und in die Toskana fährt. Noch in der U-Bahn allerdings sorgt er selbst für seine vorzeitige Rückreise, indem er einem scheinbar volltrunkenen Italiener helfen will – der wenig später tot ist. Es stellt sich heraus, dass er Opfer von K.O.-Tropfen war und jetzt beginnt eine Welle von Vergiftungen, alle im gleichen Festzelt. Wer ist der Täter? Mitarbeiter, die nach dem Ableben des vorigen Chefs unzufrieden mit der Geschäftsführung seiner Witwe sind? Ein Unbeteiligter? Womöglich die sympathische allein erziehende Bedienung, die Leitmayr sogar bei sich übernachten lässt?

Wer könnte im Irrsinn der wiesn schon einen Psychopathen erkennen? Leitmayr fühlt dem Täter (sehr eindrücklich: Julius Feldmaier) auf den Zahn und trifft prompt den Nerv. (Bikd von www.daserste.de)
Wer könnte im Irrsinn der wiesn schon einen Psychopathen erkennen? Leitmayr fühlt dem Täter (sehr eindrücklich: Julius Feldmaier) auf den Zahn und trifft prompt den Nerv. (Bikd von www.daserste.de)

Gegenüber dem Wahnsinn der Wiesn tritt die Ermittlungsarbeit in den Hintergrund. Zwar gelingt dem Ermittlerteam durch Kontrollen und Profiling die Identifizierung des Täters, aber wie es wohl oft realiter auch der Fall ist, morden polizeibekannte Täter trotzdem weiter. Und ehrlich gesagt ist der fast noch jugendliche Psychopath, der hier fröhlich Tröpfchen in Mass kippt, auch nicht sonderlich interessant. Viel spannender sind die Begleitumstände, unter denen sich das alles abspielt. Maurer, der Chef von Leitmayr und Batic, ist Halbalkoholiker, im besten privaten Wiesnrausch und nahezu unzurechnungsfähig, als der Fall gravierend wird. Batic hat Besuch von drei alten Tanten aus Kroatien, die nicht nur Wodkadunst (auch auf Leitmayr) verbreiten, sondern sich auch auf der Wiesn bis ins Delirium saufen. Leitmayr selbst hat seine Wohnung an zwei Schwedinnen untervermietet, die sie in ein widerliches, hochprozentiges Massenlager verwandeln. Im Festzelt fallen die Alkoholleichen reihenweise um, ob mit oder ohne K.O.-Tropfen, es wird gegrabscht und vergewaltigt und wenn eine Bedienung sich wehrt, fängt sie eine Watschn. Und was daran eigentlich schockierend ist, ist die Tatsache, dass diese Darstellung in keiner Weise übertrieben wirkt. Mei, so is halt.

Es wird gehobelt auf der Wiesn, und bei den bedienungen fallen halt Späne. Aber wegen eines Übergriffs zum Arzt zu gehen kommt für Bedienung Ina Sattler (glänzend: Mavie Hörbiger) nicht in Frage. (Bild von www.daserste.de)
Es wird gehobelt auf der Wiesn, und bei den bedienungen fallen halt Späne. Aber wegen eines Übergriffs zum Arzt zu gehen kommt für Bedienung Ina Sattler (glänzend: Mavie Hörbiger) nicht in Frage. (Bild von www.daserste.de)

So is? Ist es wirklich normal, dass jeder sich auf der Wiesn, und weiten wir das mal ein bisschen aus auf den rheinischen Karneval und andere traditionelle Volksfeste, im Halb- oder Vollrausch gewalttätig, übergriffig, offen sexistisch benehmen kann und das als Kavaliersdelikt gilt? Es ist dem Drehbuchautor Stefan Holtz hoch anzurechnen, dass er hier nirgends die Moralkeule schwingt, sondern wie nebenbei Gesellschaftskritik betreibt. Denn wenn sich am Ende herausstellt, dass auch die oben erwähnte freundliche alleinerziehende Bedienung (Mavie Hörbiger) einen Mord verübt hat, weil sie ihren kleinen Sohn nicht verlieren wollte, aber von einem Mitarbeiter des Jugendamts gegen Sex erpresst wurde, dann darf man vor dem Hintergrund des gesellschaftlich legitimierten, kollektiven Drogenrausches, der jährlich eine Milliarde Umsatz bringt und nicht wenige lebensgefährliche Vergiftungen nach sich zieht durchaus die Frage stellen wer hier aus einem niederen Motiv gemordet hat. Noch einmal: Chapeau vor dem Drehbuch- und Regieteam, aber auch schauspielerisch eine großartige Leistung!


Anwendungsgebiete: Alkoholintoxikation

Einnahme: Führen Sie sich die unappetitlichen Augenblicke des Krimis zu Gemüte, und zwar wieder und wieder, und wenn Sie sich dann übergeben müssen, dann is gut, weil: Better out than in.

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