21.01. +++ Schwer entflammbar

John Chamberlain, MEMO TO BACH, Galerie Terminus München
John Chamberlain, MEMO TO BACH, Galerie Terminus München

Ein wesentliches Kriterium zur Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst ist der Preis. Zumindest in unserer Gesellschaft. Über den Marktwert ihrer Werke kann man Künstler einteilen in „junges Talent“, „arrivierter Künstler“, „Klassiker“ und so weiter. Interessanterweise gilt das auch für den kulturellen Kanon; der ideelle Wert entspricht dem monetären Wert, oder anders gesagt: Wenn du kein Geld für etwas zu bezahlen bereit bist, dann kann es auch nichts Rechtes sein. Die Entstehung dieses geheimnisvollen Zusammenhangs wird „Markt“ genannt, und neben vielen Experten und Akteuren ist da irgendwo auch immer die „unsichtbare Hand“ zugange – eigentlich schön, so ein bisschen Mystik in der trockenen Zahlenwert des Kapitalismus. Als Theatermacher beneide ich manchmal die Bildende Kunst, denn da gehts immerhin um was Handfestes. So ein Bild oder eine Skulptur, selbst eine Installation, ist doch was Bleibendes, das sich idealerweise im Wert steigert. Man hört ja immer wieder, das reiche Leute ihr Geld gern in Kunst anlegen, weil das sicherer ist als Aktien oder selbst Immobilien, jedenfalls solange kein Baselitz-Blase platzt. Um das zu tun, muss man freilich wissen, was man kaufen soll, und dafür gibt es (neben dem vertrauenswürdigen Herrn Achenbach) Galerien. Denn so eine Galerie ist ja kein Supermarkt, sondern ein sehr exklusives Geschäft, in dem auf die Wünsche des Kunden sehr genau eingegangen wird. Ich war heute in einer Galerie und habe mir ein bisschen Kunst angeschaut, nämlich in der Galerie Terminus neben der Theatinerkirche. Der Vorteil: Man bezahlt keinen Eintritt. Der Nachteil: Man (ich) hat das Gefühl, dass man sich nicht unbegrenzt lange umschauen kann, wenn man nicht vorhat was zu kaufen. Der Eyecatcher der neuen Ausstellung (viel Platz ist nicht, aber dafür sind die Werke sehr hochwertig) ist eine Skulptur von John Chamberlain (1927-2011), MEMO TO BACH.

John Chamberlain, MEMO TO BACH, Detail
John Chamberlain, MEMO TO BACH, Detail

Das Werk von 2005 besteht aus „painted and chromed steel“; auf einer Basis aus mehreren größeren und vorwiegend chromfarbenen Spiralen aus Stahlblech ist ein Strauß von lockig nach schräg oben strebenden, bunten kleineren Blechstreifen angeschweißt. Kometenhaft, sternschnuppenartig könnte die Skulptur einschlagen, eine Farbexplosion verursachen, gleichzeitig wirkt sie bei allem Chaos gebändigt, domestiziert. Über den Titel und den Zusammenhang des Kunstwerks zu Johann Sebastian Bach ließen sich viele Spekulationen anstellen – wie stellt man Musik objekthaft dar? – aber wenn ich den Titel nicht gekannt hätte, wäre ich niemals darauf gekommen, dass diese Skulptur etwas mit dem Komponisten zu tun haben könnte. In den fünfziger Jahren hatte Chamberlain die ziemlich gute Idee, Skulpturen aus Autoschrott zu bauen; das „Recycling“ des heiligen Autos zur noch ein bisschen heiligeren Kunst ist ein symbolhafter Akt, der sowohl kritisch als auch sehr expressiv wirkte. MEMO TO BACH ist, glaube ich, nicht aus Autoschrott hergestellt, zu gleichförmig wirken die Spiralen und die Linguini, oder wie auch immer diese geschwungenen Bandnudeln eigentlich heißen. Was schade ist. Vielleicht auch doch, aber weder sieht mans, noch will erst ja offenbar verraten. Obwohl das Werk sehr expressiv einschlägt, obwohl es mir förmlich entgegen lodert, ist es doch in erster Linie schön. Eine Geschichte, eine Vergangenheit, einen materiellen Zusammenhang mit dem Leben außerhalb der Kunst lässt es nicht spüren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich halte das durchaus für qualitativ hochwertige Kunst (obwohl ich den Preis nicht kenne, denn das Schildchen war noch nicht am Sockel), und dieses Material mit seinen scharfen Ecken und Kanten ist auch nicht ungefährlich, es ragt spitz ins Leben hinein, aber – ich spüre, wenn ich es betrachte, nicht, welcher Kampf hier Spuren hinterlassen hat. Vielleicht müsste ich dazu mehr über den Künstler wissen, und wenn ich mir mehr Zeit genommen hätte, hätte mir die freundliche Mitarbeiterin der Galerie es vielleicht auch erzählt. Entflammt hat es mich nicht.


Anwendungsgebiete: Gefühlskälte, Einsamkeit
 
Einnahme: An ekligen Januartagen davor setzen und mental die Hände am lodernden Feuer wärmen. WARNHINWEIS: Bei Chrom-/Nickelallergie lieber nicht anschaffen. Auch wenn mans nicht anfasst, irgendwelche Spuren bleiben immer. 

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