22.01. +++ So viel Falschheit

Titelseite der Erstausgabe von DOUBLE FALSEHOOD (Entnommen aus der Arden-Ausgabe)
Titelseite der Erstausgabe von DOUBLE FALSEHOOD (Entnommen aus der Arden-Ausgabe)

Ein wichtiges Prinzip in Shakespearekomödien ist, dass Frauen sich als Männer verkleiden und keiner sie dann mehr erkennt, noch nicht mal ihr Vater oder Bruder. Passiert im richtigen Leben ja auch ständig. In DOPPELTE FALSCHHEIT gibt es einen „Oberschäfer“ (Master shepherd), der die verkleidete Violante anguckt und sagt: „Du bist noch ne Frau!“ Dieser Scharfsinn ist noch ganz sympathisch, dummerweise will der Schäfer sie aber anschließend zu einem Schäferstündchen nötigen, was nur durch Zufall verhindert wird. Skurriles Stück, DOPPELTE FALSCHHEIT. Noch nie gehört? DOPPELTE FALSCHHEIT oder DIE VERZWEIFELTEN LIEBENDEN? Gut, vielleicht heißt es auch einfach CARDENIO. Oder aber es ist eine Koproduktion von Shakespeare und John Fletcher. Oder gar nicht von Shakespeare, sondern eine Fälschung von Lewis Theobald, einem Shakespeare-Fan aus dem frühen 18. Jahrhundert. Sagt Ihnen alles nix? Dann gehören Sie offenbar nicht zur Shakespeare-Mafia, denn viel anders kann man die weltumspannende Industrie von Wissenschaftlern, die jährlich zehntausende Publikationen zu dem Barden aus Stratford produzieren, nicht nennen. Das hier ist kein wissenschaftlicher Artikel. Nur zur Klarstellung.  Und ich finde auch, das Shakespeare Aufmerksamkeit verdient – vielleicht aber eher auf dem Theater. Weil Wissenschaft nach eigenen Angaben eigentlich Fakten benötigt, und die sind bei dem Mann aus Stratford an den Fingern einer Hand abzuzählen.

Aber zurück zum Anfang. 2010 haben die Herausgeber des renommierten Arden-Shakespeare, der vielleicht hochwertigsten und aktuellsten kritischen Shakespeare-Ausgabe, DOUBLE FALSEHOOD OR THE DISTRESSED LOVERS durch die Aufnahme in ihre Reihe geadelt. Herausgegeben wurde das Stück von Brean Hammond, Anglistikprofessor aus Nottingham (mittlerweile emeritiert), der dazu folgende Theorie vertritt: Es gab tatsächlich ein „verschollenes“ Shakespeare-Stück namens THE HISTORY OF CARDENIO, in dem Shakespeare in Zusammenarbeit mit John Fletcher (mit dem hatte er wahrscheinlich auch HENRY VIII und THE TWO NOBLE KINSMEN geschrieben hat) eine Geschichte aus Cervantes’ DON QUIJOTE verwurstet. Dieses 1613 uraufgeführte und danach fast nie wieder gesehene Stück grub dann Lewis Theobald, eigentlich Anwalt, 1727 wieder aus, bearbeitete es unter dem unnachahmlichen Doppeltitel (s.o.), ließ es aufführen  und veröffentlichte es. Er behauptete, er besitze drei Manuskripte, d.h. Abschriften von Theaterskripten, des ursprünglichen Stückes. Die nun leider keiner außer ihm je gesehen hat. Hammond sagt also kurzum: Es gab ein Shakespeare-Fletcher-Stück namens CARDENIO, und alles was davon übrig ist, ist diese offenbar kräftige Bearbeitung von Theobald, der irgendeine Art von Quelle gehabt hat (die keiner kennt).
In seine Shakespeare-Gesamtausgabe von 1733 nahm Theobald das Stück nicht mehr auf. Komisch.
In seine Shakespeare-Gesamtausgabe von 1733 nahm Theobald das Stück nicht mehr auf. Komisch. (Foto von http://commons.trincoll.edu)

Die Story des Stücks ist – naja, mittelgut. Der Herzog von Andalusien hat zwei Söhne, von denen einer gut (Roderick) und einer böse (Henriquez) ist und sich rumtreibt. Henriquez schwärmt zunächst für das Bauernmädchen Violante und versucht sie in einer Balkonszene rumzukriegen, sie jedoch lässt ihn abblitzen, weil sie nicht glaubt, dass er gegenüber einer Frau aus der Unterschicht ehrbare Absichten haben könnte. Womit sie leider recht hat. Kurz darauf ist es passiert, Henriquez hat Violante vergewaltigt und redet sich ein, dass das eigentlich nicht so schlimm war, weil sie sich nur gewehrt und nicht geschrien hat. Damit ist sein Interesse an ihr perdü, er hat aber seinen „Freund“ Julio zu seinem Vater dem Herzog geschickt, um frisches Geld zu holen – und jetzt macht er sich an dessen Braut Leonora heran. Diese wehrt sich gegen seine Avancen, dummerweise nur findet ihr Vater die Idee, einen fürstlichen Schwiegersohn zu haben, richtig gut. Kurz vor der angesetzten Hochzeit taucht Julio wieder auf, es gibt ein Riesenchaos und sowohl Julio als auch Leonora flüchten aufs Land – Violante hatte sich schon vorher als Mann verkleidet und als Schäferjunge anstellen lassen. Nach einigem Hin und Her stellt der gute Bruder (der Gottseidank auch der Erbe des Herzogstitels ist) alles wieder richtig: Leonora kriegt Julio und Henriquez verpflichtet sich, Violante zu heiraten. Yak. Weil er sich jetzt total geändert hat und sie das ja auch richtig so findet. Und wahrscheinlich, weil sie damals nicht geschrien hat.

Das Problem an dem Stück ist nicht die Handlung, denn die sind bei Shakespeare ja oft eher abstrus. Das Problem ist, dass die Figuren so lala sind. Es gibt ein paar schöne Momente, so zum Beispiel wenn Leonora Julio sagt, er soll nicht seinen „Freund“ Henriquez schicken, um sein Liebeswerben fortzusetzen, weil das immer schief geht – und bang gehts schief. Oder das Wiedersehen zwischen den beiden, wenn er kommt, um die Zwangsehe zu verhindern, und sie sagt: „Und was willst du jetzt machen?“ – „Ja, weiß ich auch nicht.“ – „Dann stell dich mal hinter den Vorhang, ich hab einen Plan.“ Diese selbstständige Leonora ist eine einigermaßen sympathische Figur, aber nicht mit Viola oder Rosalinde vergleichbar. Und die Geschlechterrollen, die im Stück verhandelt werden, sind aus heutiger Sicht völlig abgründig. Dennoch: Auf der Bühne könnte es in der Kombination von Gewalt und Skurrilität vielleicht gut funktionieren. Einige Inszenierungen sowohl von DOUBLE FALSEHOOD als auch von unterschiedlich rekonstruierten CARDENIOS hat es in den letzten Jahren bereits gegeben – vielleicht wäre es an der Zeit, das Stück auch mal in Deutschland zu spielen?

Anwendungsgebiete: Niedriger Blutdruck (Hypotonie)
 
Einnahme: Hinsetzen, aufschlagen, (laut) lesen. Über das eine oder andere werden Sie sich sicher so aufregen, dass der Blutdruck steigt.

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