21.02. +++ Rock’n’Roll

Natürlich. Ein Gesamtkunstwerk. Hafis, LIEBESGEDICHTE. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1980.
Natürlich. Ein Gesamtkunstwerk. Hafis, LIEBESGEDICHTE. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1980.

Kennen Sie sich mit persischer Lyrik aus? Oder islamischer Lyrik generell? Ich kann in diesem Bereich jede Bildungslücke verneinen, denn wo es keinerlei Substanz gibt, kanns auch keine Lücken geben. Ich bin heute in der Buchhandlung meines Vertrauens über ein Bändchen der Inselbücherei mit den Liebesgedichten von Hafis gestolpert, einem der beiden wichtigsten mittelalterlichen Lyriker Persiens, wie mein Freund Wikipedia mir versichert. Inselbüchlein haben auf mich schon immer den besonderen Reiz eines intellektuellen Luxusartikels ausgeübt, denn auch wenn man da nicht viele Worte fürs Geld bekommt, sind sie doch immer ein ästhetisches Erlebnis. Heute musste der Luxus sein, und wer bin ich auch, mich der so dringend nötigen Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen zu verschließen. Also begleiteten mich Hafis Liebesgedichte nach Hause, und haben mir mehrere Überraschungen bereitet.

Überraschung eins: Da sind Bilder drin! Ist das nicht einer dieser sympathischen Punkte des Islam, dass keine Menschen abgebildet werden dürfen? Und da reproduziert der Insel-Verlag fröhlich Miniaturen aus ganz offensichtlich islamischen Prunkhandschriften der Werke des Dichters, und zwar aus dem 16. Jahrhundert. Sehr schön sind die auch noch. Und tragen so zum Gesamteindruck des Bandes bei. Überraschung zwei: Hafis besingt in wirklich jedem der hier abgedruckten Gedichte die Schönheit des Weinrauschs – als Lebenshilfe in puncto unglückliches Verliebtsein, aber auch einfach weils Spaß macht. Moment mal, ein paar Bildchen in irgendwelchen Prunkhandschriften schön und gut, aber Weingenuss? Alkohol ist doch bitte verboten, im Islam, oder? Und dann schreibt der fröhlich: „Ich kann nicht erlauben, daß / meine Feinde sich am Wein berauschen, / indes ich vor Durst vergehe!“ Oder, noch schöner: „Ich bin nur ein armer Gast der Schenke, / aber seht nur: bin ich trunken, / muß der Himmel um mich werben, / kann den Sternen ich gebieten!“ Hallo, Persien im 14. Jahrhundert, ich sag nur: Rock’n’Roll. Und dazu kommt noch die dritte Überraschung: Hafis’ Motivation zum Gedichteschreiben ist – neben dem Wein – natürlich die unerfüllte Liebe, und die richtet sich an eine bunte Mischung von Männlein und Weiblein. Homosexuelle Liebe war offenbar, wie im antiken Griechenland, zumindest in der Literatur nicht nur kein Tabu, sondern ziemlich verbreitet. Jetzt sagt mein Freund Wikipedia, den ich verwirrt konsultiert habe, dass Hafis und sein Kollege Rumi die schwule Liebe in der Lyrik als Metapher für die Liebe zu Gott gebrauchen. Ohne irgendeine Vorbildung in diesem Bereich zu haben, erdreiste ich mich zu behaupten: So konnte mans wenigstens interpretieren. Fakt ist, dass ein Dichter hier in mehrfacher Hinsicht ein ziemlich freies Leben in Verse kleidet, die einen bleibenden Eindruck im Geistesleben seiner Kultur hinterlassen haben. Doppelter Schriftsinn hin oder her – die wenigsten seiner Leser werden das zweite Gesicht haben, dass dazu nötig ist, in jedem Semikolon die Liebe zu Allah zu erkennen.

Auch wenns "nur" an eine Frau ist - wunderschön.
Auch wenns „nur“ an eine Frau ist – wunderschön.

Dabei muss ich ehrlicherweise sagen, dass mich die Gedichte nicht im Sturm erobern. Es gibt schöne Wendungen, aber die wörtliche Übersetzung von Cyrus Atabay ist altertümlich und spröde. Offenbar reimen sich die Gedichte im Original, aber darauf wurde zugunsten der „Werktreue“ verzichtet. Dieses Konzept ist mir schon immer verdächtig gewesen – wenn man nicht gerade Wissenschaftler ist. Ich behauptet, man muss als Übersetzer seinen eigenen Standpunkt oder geistigen Hintergrund deutlich machen, gewissermaßen die „Verortung“ der Übersetzung. Bei Herrn Atabay hab ich ein bisschen den Verdacht, dass dieser Bezugspunkt Bochum-Wattenscheid in den 1960ern ist. Wahrscheinlich muss ich mir mal die Nachdichtung von Joseph von Hammer-Purgstall besorgen, die Goethe neben anderen zum WEST-ÖSTLICHEN DIVAN inspirierten, die ist bestimmt nicht werktreu, aber vermutlich lyrischer. Und ein bisschen Rhythmus und Form darfs dann bei der Lyrik für mich schon immer sein. Ich will aber nicht nur meckern, sondern der geneigten Leserschaft auch meine Lieblingspassage zum Genuss empfehlen (siehe Bild). Der Sonnenaufgang, die Locken und ihr Duft, der Wein (hier in Gestalt des Bechers), das sind Topoi, die in diesen Gedichten immer wieder auftauchen. Diese paar Verse sind für mich das schönste Liebesgedicht des Inselbüchleins, jedenfalls bei der heutigen ersten Lektüre. Ich habe aber das Gefühl, dass dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit dem alten Rocker Hafis werden könnte.


Anwendungsgebiete: Entzugserscheinungen bei Entwöhnung von Alkohol

Einnahme: Ich würde nicht drauf wetten, dass Sie nach intensiver und wiederholter Lektüre abstinent bleiben. Aber auf der Pro-Seite haben Sie dann keine Entzugserscheinungen mehr.

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