21.03. +++ Trash

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In dubio pro arte: John Elsas

Ich gebe zu, dass ich diesen Kalenderspruch auch schon in den Mund genommen habe: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Denn natürlich ist es angesichts der Theorielastigkeit des Kunstbetriebes heutzutage keineswegs immer leicht, Kunst als solche zu identifizieren. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten, die Erscheinungsformen, die Diskurse. Unsichtbares Theater, urbane Environments, inszenierte Realität – wer würde da Kunst gleich erkennen, wenn er sie sieht. Das Körnchen Wahrheit ist also, wie immer bei dem was der Volksmund so ausspuckt, gar nicht so klein, aber je länger ich dieses alte Kaugummi so im Munde herumzwirbele, desto schaler wird es mir. Denn wenn Kunst so billig und abgefuckt ist, dass sie selbst bei genauem Hinsehen erst dann von Müll unterschieden werden kann, wenn man ein Preisschild daran entdeckt hat, dann stimmt mit der Kunst etwas nicht, oder der Gesellschaft, oder beiden.

Mein heutiges Kunstwerk ist ein kleines Bändchen der Inselbücherei, bei deren hochwertiger Gestaltung ohnehin kein Zweifel am Kunstanspruch aufkommen kann: MEINE BILDER WERDEN IMMER WILDER. Es handelt sich um 33 Reproduktionen von Zeichnungen und Collagen des John Elsas, eines 1935 verstorbenen Frankfurter Börsenmaklers, der erst spät seine künstlerische Ader entdeckte, aber dennoch ein Konvolut von 25.000 solcher Werke hinterließ. Diese Blätter entstanden zumindest ursprünglich für seine Enkelkinder, später machte sich das Prinzip wohl selbständig. Es sind kleine Zeichnungen, teilweise oder ganz geklebt, collagiert, allesamt mit einem Sprüchlein versehen, in denen es um alle nur erdenklichen Themen geht. Ums Geldverdienen ebenso wie um Rassismus, um Phantasie wie um Mann und Frau. Immer haben diese emblematischen Kompositionen zumindest einen zeigenden, wenn nicht einen belehrenden Charakter (da spürt man die kleinen Adressaten, denen Opa was Gutes tun wollte), aber die Botschaft, die sie vermitteln, ist so human und unaufdringlich, dass man den erhobenen Zeigefinger kaum je spürt.

IMG_0337Wie ich die ersten Seiten durchsah, sprang mich durchaus wieder die Frage an, ob das tatsächlich Kunst ist. Äußerlich besteht natürlich kein Zweifel, denn wenn der Inselverlag diese Werke durch eine Veröffentlichung auszeichnet, dann liegen bereits Fakten vor, die in gängiger Währung wiedergegeben werden können. Aber innerlich: Der Mann hat wahrscheinlich nicht für eine Öffentlichkeit gearbeitet, was er tat war eine private, fast intime Kommunikation mit seinen Enkeln, die sich zu einer Kommunikation mit sich selber auswuchs. Kurz gesagt, ich zweifelte. Was allerdings auch damit zusammen hing, dass sie mir so ein bisschen blass daherkamen, diese Scherenschnitte. Dann gelangte ich zur Seite mit der Phantasiefrau, und war begeistert. Und natürlich war ich sofort bereit, jemandem, der mich berühren kann, die Auszeichnung des Künstlertums teil werden zu lassen. Ganz schön schlapp, deine Kriterien, dachte ich. Aber ich verstand etwas: Die Schnittmenge zwischen zweckfreiem Spiel und Kunst ist größer als die der Kunst mit einer zweckgebundenen Kommunikation. Spiel ist nicht immer Kunst, aber Kunst immer Spiel. Und dieses Kinderspiel gehört sicher dazu.


Anwendungsgebiete: Windpocken

Einnahme: Das schlimme an Windpocken ist ja, dass sie so jucken. Das Beste ist da: Ablenkung. Und wenn Opa wie am Fließband so tolle Loseblattsammlungsbilderbücher produziert, wird das für bessere Ablenkung sorgen, als jedes andere Medium.

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