21.05. +++ Wildwuchs

Die Schildkröte: MAIDORF. Bild von Marlene Hausegger.
Ein Probeobjekt für MAIDORF. Bild von Marlene Hausegger.

Ich mag diesen Geruch, er ist eine Kindheitserinnerung. Der Geruch von Sägespänen, ein bisschen harzig, ein bisschen angekohlte Kontakte von der Stichsäge. Dieser Geruch weht mir entgegen, als die Tür zum Schwere Reiter geöffnet wird, und er stimmt mich dem Abend gegenüber, der mir bevorsteht, schon mal grundsätzlich wohlwollend: MAIDORF, Teil 2 der TRILOGIE DES ZUSAMMENLEBENS von Franz von Strolchen, beginnt mit Schreinerarbeit. Zu fünft kleben sie einen Grundriss, legen Dachlatten, schrauben, sägen, kommentarlos, ernsthaft, minutenlang. Eigentlich das, was hier im Kreativquartier jeden Tag statt findet: Künstler krempeln die Arme hoch und erzählen handgreifliche Geschichten. Es ist kein Zufall, dass dieser Abend eine Koproduktion von Franz von Strolchen und Pathos München ist – ich kann mir keinen Ort vorstellen, an den der Abend mehr gehören würde.

Ich habe vorher gelesen, dass das gesamte Team, also Autor/Regisseur, Musikerin, Videokünstler, Designer, bildende Künstlerin, Schauspieler, hier auf der Bühne stehen und gemeinsam arbeiten, und ich rätsele gerade, wer wohl der Schauspieler der Truppe ist, als noch einer auftritt: Güldenes Oberhemd, kothurnartige Absätze – Frage beantwortet. Das ist der Schauspieler, der Künstler, die Projektionsfläche. Kenneth Huber hat seine eigene Zone in diesem Raum, mit Mikrofon, Text auf Notenständer, Wasserflaschen, Aschenbecher – er schraubt nicht. Statt dessen fängt er an zu erzählen, die Dorfchronik nämlich.

Maidorf ist ein fiktives Dörfchen, entstanden aus einer Recherche von Christian Winkler aka Franz von Strolchen, dem Autor im Team, die er gemeinsam mit Huber schon 2012 durchführte. In einem kleinen Dorf in der Steiermark, in dem ein sonderbarer Außenseiter eine Jugendstilvilla gekauft und höchst eigenwillig renoviert hatte, ohne sich um die Dorfgemeinschaft zu kümmern, führten sie Interviews mit Bewohnern, die ebenso wie fiktive Episoden in die nun zusammengestellte Dorfchronik von Maidorf einfließen. Der Außenseiter im Dorf, der offenbar schwer reiche Augenthaler, nach eigenen Angaben Optiker, aber wer weiß woher der den ganzen Schotter hat, um den Ölabscheider in seiner Garage mit sechs Stellplätzen zu vergolden, dieser Außenseiter und seine verkünstelten, verschrobenen, großkotzigen und geschmacklosen, megalomanen und visionären Umbauten der Villa sind der rote Faden dieser Dorfchronik, die sich von 1995 bis 2015 erstreckt.

Er hat schon früh den Eindruck, dass er die Dorfbewohner „nicht versteht“, er sucht keinen Kontakt zu ihnen und sie nicht zu ihm, sie sind neugierig, er schottet sich ab; ein bisschen wird er angefeindet, ein bisschen wird er paranoid. Ganz normaler Dorfalltag halt. Außergewöhnlich sind eher die Randnotizen in der Dorfchronik. Menschen verschwinden spurlos, eine offenbar extremistische Sekte nistet sich im Dorf ein, Morde geschehen, aber all das bleibt mysteriös. Sicher ist nur: Die Zahl der eingetragenen Vereine im Dorf steigt, die Villa wird immer prunkvoller, mir san mir und dann gibt’s da noch die anderen und die ganz anderen.

Winkler hat einen ebenso amüsanten wie skurrilen Text geschrieben, im Gespräch sagt er nach der Performance: „Eigentlich ist das ja ganz undramatisch.“ Da hat er Recht, was aber nicht bedeutet, dass er nicht auf die Bühne gehört. Denn Kenneth Huber bringt die feine Ironie der Chronik mit dem Timbre seiner Stimme immer wieder zum Perlen – wenn er nicht gerade von der Stichsäge unterbrochen wird. Denn im Gegensatz zu „normalen“ Theaterabenden geraten bei dieser Performance nicht nur der Darsteller, sondern auch alle anderen Beteiligten ins Schwitzen. Aus den erwähnten Dachlatten konstruiert das „Bauteam“ im Laufe der Performance ein Beziehungsgeflecht, eine Hütte, einen Turm von Babel, eine dreidimensionale Metapher für das menschliche Grundbedürfnis danach, einen Akkuschrauber in die Hand zu nehmen und sich eine Behausung zu bauen. Mehr als einmal wird der Blick nach rechts gezogen, trotz der tollen Performance von Huber, denn das echte Arbeiten ist etwas, das mindestens ebenso spannend ist.

Zum Beispiel auch, weils nicht ungefährlich ist: „Wenn einer von uns mit dem Akkuschrauber abrutscht, oder mit der Säge, dann haben wir ein Problem,“ sagt Winkler – glücklicherweise passiert heute Abend nichts schlimmeres, als das Jens, dem Designer, zweimal eine Latte abbricht, auf der er gerade hochgeklettert ist, um weiter oben etwas anzuschrauben. Die Achtsamkeit und Konzentration des Bauteams ist deutlich, und das handwerkliche Tun ist beileibe nicht alles, was sie treiben. Immer wieder huschen sie zum langen Tisch vor der Zuschauertribüne, auf dem ihre künstlerischen Werkzeuge aufgereiht sind: Musikinstrumente, Lichtpult, Kamera, Videomischer, Zeichenwerkzeug. Denn natürlich nutzen sie das live Gebaute sofort wieder als Bühnenobjekt, es wird umzeichnet, abgefilmt, beprojiziert, und dient in ebenso eleganter wie authentischer Weise als Sehnsuchtsort des Abends.

Überhaupt, dieses Team: Die Zeichnungen der bildenden Künstlerin Marlene Hausegger, die live abgefilmt und in die Projektionen (Simon Janssen) integriert werden, die auf das Bühnenbild von Jens Burde treffen und von der ebenso vielfältigen wie treffsicheren Musik von Laura Landergott gerahmt werden, was Autor und Regisseur Christian Winkler stets ins Rechte setzt: Dieses Team! Nein, der Schauspieler Kenneth Huber bleibt nicht draußen, er gehört dazu, er verkörpert auf gewissen Weise den Außenseiter Augenthaler in der Dorfgemeinschaft, er bedient sich seiner Werkzeuge, ebenso, wie die anderen beteiligten Künstler sich ihrer Werkzeuge bedienen, und so schiebt sich eine Schicht der Erzählung über die andere:

Und so sah das Objekt bei der Premiere aus, von Zuschauern an der Schwere-Reiter-Straße entlang getragen.
Und so sah das Objekt bei der Premiere aus, von Zuschauern an der Schwere-Reiter-Straße entlang getragen. Bild von Katja Kettner.

Die Dorfchronik, deren einzelne Einträge überlagert und übertönt werden von der Tätigkeit auf der Bühne, diesem greifbaren Vorgang, der die Dorfgemeinschaft und den anderen sichtbar macht, aber auch diese Theaterebene wird überhöht durch die Atmosphäre, die diese Produktion warmherzig und bemerkenswert macht, und die sich nahtlos auf die Zuschauer überträgt, als diese nämlich am Ende aufgefordert werden, das gebaute Objekt in einer „Prozession“ über das Gelände des Kreativquartiers zu tragen. Solche Aktionen können ganz schnell zum „Mitmachtheater“ werden, bei dem keiner der Beteiligten sich wohlfühlt, aber in MAIDORF sind wir weit davon entfernt: Wir haben anderthalb Stunden lang gespürt, wie achtsam und umsichtig die (Dorf-)Gemeinschaft auf der Bühne zusammen gearbeitet hat, um Augenblicke von großer Schönheit zu schaffen, die etwas davon ahnen lassen, warum es Menschen gibt, für die das Leben auf dem Dorf trotz allem das Maß aller Dinge ist. Und so packen tatsächlich alle mit an, als wir das Lattengerüst, dass ein bisschen zurecht gestutzt werden muss, damit es durch den Ausgang passt, durch die Schwere-Reiter-Straße tragen, um es schließlich behutsam abzusetzen. Nein, es wird nicht abgefackelt. Und nein, die Villa von Augenthaler stürzt am Ende auch nicht ein. Die Dörfer wuchern weiter.

Nächste Vorstellungen am Mi, 25.05. und Do, 26.05., 20 Uhr im Schwere Reiter – Geht hin! Es lohnt sich!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.