21.06. +++ Andere Baustelle

Klärende Gespräche: Dass Architekt von Mayer (Thomas Thieme) den Auftrag zum Mord an einem Ex-Staatssekretär gegeben hat, kommt in der Vernehmung durch Kommissar Lannert (Richy Müller) zwar nicht raus, dennoch ist es sehr aufklärerisch (Bild von www.daserste.de)
Klärende Gespräche: Dass Architekt von Mayer (Thomas Thieme) den Auftrag zum Mord an einem Ex-Staatssekretär gegeben hat, kommt in der Vernehmung durch Kommissar Lannert (Richy Müller) zwar nicht raus, dennoch ist es sehr aufklärerisch (Bild von www.daserste.de)

Das ist schon interessant. Vor noch nicht vier Wochen, am Pfingstmontag, wurde der letzte Tatort des SWR gesendet, nämlich ROOMSERVICE aus Ludwigshafen. Dort spielte ein ehemaliger Ministerpräsident mit, und das Fernsehen, d.h. eine fiktive SWR-Talkshow, spielte eine gewisse Rolle. Im heutigen Stuttgarter Tatort DER INDER durfte das Publikum – bei einem völlig anderen Fall – wiederum einen ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten erleben, und wiederum war die Präsenz des SWR in Form der Landesschau fester Bestandteil der Handlung. Das ist jetzt Mäkeln auf hohem Niveau, denn bis auf den Titel war diese Tatort-Episode von Niki Stein bemerkenswert gut, aber ein bisschen mehr inhaltliche Abstimmung dürfte man bei Produktionen der gleichen Sendeanstallt vielleicht erwarten. Andererseits: Wahrscheinlich war die Abwahl der CDU 2011 ein epochales Ereignis, das eben verarbeitet werden muss.

Die Wahlkampfbühne: Ein Untersuchungsausschuss, wie es viele gibt in der Republik. Die grüne Politikerin Keller (Katja Bürkle) versucht sich für die Landtagswahl zu positionieren (Bild von www.daserste.de)
Die Wahlkampfbühne: Ein Untersuchungsausschuss, wie es viele gibt in der Republik. Die grüne Politikerin Keller (Katja Bürkle) versucht sich für die Landtagswahl zu positionieren (Bild von www.daserste.de)

Aber von vorn. Oder eigentlich nicht, fangen wir mittendrin an. Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein greift mitten rein in das wichtigste Thema, das Stuttgart und Baden-Württemberg im letzten Jahrzehnt bewegt: Stuttgart 21. Gleich mehrfach widersprüchlich ist dieses hoch emotionale und komplizierte Thema: Eigentlich gut, dass ein Bahnhof effizienter gebaut wird, dass Bauflächen frei werden, aber welche Risiken werden und wurden dabei übergangen? Wer profitiert davon? Wer zahlt dafür? Eigentlich geht es in diesem Film weniger um Ermittlungen in einem Mordfall – die sind nicht der spannendste Teil der Handlung – sondern um eine ambivalente Darstellung der Player in diesem riesigen Bauprojekt: Investoren, Politiker, Architekten, Stuttgart-21-Gegner. Weder die schwarze Landesregierung, unter deren Ägide das Projekt entstand, noch die grüne Landesregierung kommen ungeschoren davon, weder die Bau- noch die Finanzindustrie, noch der (in diesem Tatort) stellvertretend für die Aktivisten manipulierte Stuttgart-21-Farbbeutelwerfer. Was aber noch spannender ist als die Schlaglichter, die Stein auf die unterschiedlichen und allgemein unlauteren Interessen dieser Player wirkt, ist die Atmosphäre, die zu kreieren ihm gelingt: Die Stimmung ist aufgeheizt, die Landtagswahl steht vor der Tür (tatsächlich findet sie im April 2016 statt), da kocht das alte Thema Stuttgart 21 wieder hoch. Ein realistisches Szenario, in dem das Dilemma der grün-roten Landesregierung (gegen Stuttgart 21; aber durch Plebiszit daran gebunden; zunehmende Baukosten) angemessen kritisch gewürdigt wird. Ob Winfried Kretschmann über April 2016 Landesvater bleibt, darf bezweifelt werden, allerdings wird er wohl kaum eine solche Projektionsfläche für Vorwürfe von Korruption und Machtmissbrauch bieten, wie seine CDU-Vorgänger (immerhin, wie gesagt, ist dies der zweite SWR-Tatort hinter einander, der Mappus/Öttinger/Teufelbashing betreibt).

Viel zu tun, wenig Profilgewinn: Die Politiker und anderen Drahtzieher stehen gegenüber den Ermittlern (Felix Klare und Richy Müller) sehr im Vordergrund (Bild von www.daserste.de)
Viel zu tun, wenig Profilgewinn: Die Politiker und anderen Drahtzieher stehen gegenüber den Ermittlern (Felix Klare und Richy Müller) sehr im Vordergrund (Bild von www.daserste.de)

Nun erzählt Stein seine Geschichte ein bisschen sehr sprunghaft. Da wird im Vorspann eine verwesende Leiche aus einem Koffer geholt, dann springt die Handlung drei Tage (?) zurück, und zwischendrin ohne Angabe von Zeiten hin und her. Nicht so schlimm, irgendwie kann man dem Ganzen folgen, und diese gewisse Hektik trägt, wie gesagt zur hitzigen Atmosphäre bei, aber ein bisschen muss sie auch eines übertünchen: Dass der Fall an und für sich nicht so wahnsinnig überraschend ist. Ein Architekt ist verknackt worden, weil er die Pleite eines Stuttgart-21-Bebauungsprojekts herbeigeführt hat, und nun nimmt er Rache, sowohl an einem korrupten Staatssekretär als auch an der Heuschreckeninverstorfirma, die beteiligt war, als auch an den regierenden Heuchlern. Thomas Thieme ist ein großartig unaufgeregter Architekt von Mayer, der sich freilich so wenig in die emotionalen Karten schauen lässt, dass es ein bisschen schwer fällt, sich sein von Rache bewegtes Herz vorzustellen und ebenso wenig die Verzweiflung, die ihn am Ende zum Selbstmord treibt. Während die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) gut aber ohne Herzblut ermitteln, hat mir eine Note sehr gut gefallen: Der Gerichtsmediziner Dr. Vogt knabbert an einer Persönlichkeitskrise, vielleicht ist er in die Staatsanwältin Álvarez (Carolina Vera) verliebt, jedenfalls hat er ein bisschen viel literarische Zitate auf den Lippen. Was nie ein gutes Zeichen ist, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Der Blick in den Kofferraum: Kommissar Bootz (Felix Klare), Staatsanwältin Álvarez (Carolina Vera) und der literarische Gerichtsmediziner Dr. Vogt (Jürgen Hartmann, Bild von www.daserste.de)
Der Blick in den Kofferraum: Kommissar Bootz (Felix Klare), Staatsanwältin Álvarez (Carolina Vera) und der literarische Gerichtsmediziner Dr. Vogt (Jürgen Hartmann, Bild von www.daserste.de)

Noch ein Wort zum Portrait des ehemaligen Ministerpräsidenten Heinerle: Sowohl das Spiel von Ulrich Gebauer als auch die treffende Beschreibung, die Thieme aka von Mayer über ihn abliefert, lassen diesen in seiner Persönlichkeit gekränkten Narzissten als sehr gut getroffen erscheinen. Der abservierte Machtmensch versteht die Welt nicht mehr – und in diesem Fall war er auch unschuldig. Dennoch sind seine Vernehmung, ebenso wie die Unterhaltung, die Kommissar Lannert im legendären Stammheimer Gefängnis mit von Mayer führt, vielleicht die zentralen Szenen dieses Filmes – was deutlich macht: Ein politischer Film, ein spannender Film – nicht im Sinne eines Tatorts, sondern als gesellschaftspolitischer Schnappschuss. Abschließend stelle ich mir die Frage, ob Niki Stein seinen Titel, DER INDER, ironisch-symbolisch gewählt hat? Gierig und blauäugig sind die Politiker in seinem Wirtschaftskrimi auf einen Hochstapler hereingefallen – mit großer Wahrscheinlichkeit passieren solche Fälle jeden Tag. Natürlich ist nicht der (abwesende) Inder schuld an der verfahrenen Situation in Stuttgarts Innenstadt, sondern die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen. Wenn der Titel so gemeint ist, ist er, glaube ich, ein bisschen zu subtil…


Anwendungsgebiet: Morgendliche Übelkeit

Einnahme: Wenn Sie Zeitungsleser sind und dieser Beschäftigung vor, während oder nach dem Frühstück nachgehen, kann das im Zusammenspiel mit Kaffe ganz leicht zu Magenverstimmungen führen. Es kommt einem aber auch regelmäßig die Säure hoch, wenn man wieder neue Verfilzungen, Verschlingungen und Verwicklungen erfahren muss. In dieser Hinsicht kann der abendliche Blick in die Abgründe der deutschen Politik vielleicht vorbeugend wirken. Kann man sich nochmal anschauen, diesen Tatort.

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