22.03. +++ Keine Grautiere

Krasses Understatement: Karow (Mark Waschke) ist keine Nummer drei (Bild von www.daserste.de)
Krasses Understatement: Karow (Mark Waschke) ist keine Nummer drei (Bild von www.daserste.de)

Berlin ist ein bisschen schneller, schriller und bunter zu als anderswo in der Republik, deshalb verliert die Auftaktfolge des neuen Tatortteams aus Berlin mit Meret Becker aka Nina Rubin und Mark Waschke als Robert Karow keine überflüssige Zeit mit Exposition, sondern steigt gleich mal knietief in eine Badewanne voller menschlichem Blut. Mit diesem Auftakt haben Regisseur Stephan Wagner, seine Schauspieler, vor allem aber auch Drehbuchautor Stefan Kolditz die Latte richtig hoch gehängt.

Gute Arbeit bei sehr viel Stress: Nina Rubin alias Meret Becker hat viele Baustellen in DAS MULI (Bild von www.daserste.de)
Gute Arbeit bei sehr viel Stress: Nina Rubin alias Meret Becker hat viele Baustellen in DAS MULI (Bild von www.daserste.de)

Da ist zunächst mal die Kommissarin, die sich gerade noch grell auf ner Klubtoilette schminkt, um sich anschließend einen heftigen Seitensprung mit einem Kollegen vom LKA zu genehmigen. Was dummerweise dazu führt, dass ihr Ehemann zu Hause auszieht (komisch eigentlich…). Und mit den beiden Söhnen, vor allem dem älteren, läufts auch nicht gut. Während sie sich also in die lange Reihe der zwischen Familie und Beruf zerrissenen Polizeibeamten einreiht, die der Tatort kennt, wissen wir bei ihrem neuen Kollegen Karow, der vom Drogendezernat zur Mordkommission versetzt wurde, nachdem sein Partner ums Leben kam, erstmal nicht, woran wir sind: Ist er einfach nur ein Arschloch? Korrupt? Was treibt ihn an? Das doppelte Spiel, das er mit den in den Mord verstrickten Drogendealern und seiner Kollegin Rubin treibt, ist fast interessanter als der eigentliche Fall, bei dem es um einen toten Drogenkurier (ein „Muli“, wie die bedauernswerten Beuteltiere mit dem in Kondomen verpackten Kokain im Bauch heißen) geht. Denn ein zweites Mädchen, das ebenfalls von den Dealern als Kurier nach Mexiko geschickt wurde, läuft (oder besser kriecht) immer noch in Berlin herum. Sie hat sich mit Hilfe ihres Bruders, der dafür extra aus einem geschlossenen Jugendheim ausgebrochen ist, in einem Hotel im ungeöffneten Berlin-Brandenburg-Airport versteckt. Und auch wenn noch zwei Dealer das Leben lassen müssen, die beiden Kinder kommen am Ende gerade so mit heiler Haut davon.

Wenn meine Mutter sagt, sie schlägt an der Arbeit "rein, bis das Blut spritzt", meint sie, glaube ich, was Anderes. Mark Wasche als Robert Karow (Bild von www.daserste.de)
Wenn meine Mutter sagt, sie schlägt an der Arbeit „rein, bis das Blut spritzt“, meint sie, glaube ich, was Anderes. Mark Wasche als Robert Karow (Bild von www.daserste.de)

Die volle Punktzahl bekommt der Tatort von mir zunächst mal für die spektakulären Drehorte, beispielsweise eine Müllsortieranlage und eben die Bauruine des Hotels am Berliner Flughafen. Auch die Schauspieler, allen voran Mark Waschke, beeindrucken durch großes Format. Neben seiner Empathielosigkeit wirkt selbst die sehr taff spielende Meret Becker vergleichsweise unbedarft, aber – und das ist der Bogen zwischen den beiden Kollegen – sie ist nicht doof. Auch wenn sie sich nicht so sehr gegen den neuen Kollegen zur Wehr setzt, wie der es verdient hätte, kommt sie ihm am Ende drauf, dass er „nur“ den Tod seines ehemaligen Partners aufklären will. Wenns Frau Rubin privat wieder bessere geht, hoffe ich, dass die Konfliktfreudigkeit zwischen den neuen Partnern, die sich gegen Ende ihrer ersten Episode so ne Art von Vertrauensbasis erarbeitet haben, noch einen Zacken zunimmt.

Bei so nem guten Ensemble hat man immer gar nicht genug Platz, die Nebenrollen alle zu würdigen, aber die beiden waren echt super: Emma Bading und Theo Krebs als Jo und Ronny Michels (Bild von www.daserste.de)
Bei so nem guten Ensemble hat man immer gar nicht genug Platz, die Nebenrollen alle zu würdigen, aber die beiden waren echt super: Emma Bading und Theo Krebs als Jo und Ronny Michels (Bild von www.daserste.de)

Tatorte denken sich viele Gründe für Mord aus, deshalb finde ich es gut, dass Kolditz und die Produktion sich die Berliner Drogenszene vorgenommen haben. Wenn man als Polizist, wie Kommissar Karow, bei der „Droge“ arbeitet, ist das „schlimmer als Sisyphos“ denn im Gegensatz zum Mord, den man nunmal aufklärt oder nicht, ist am nächsten Tag gleich der nächste Dealer da, wenn einer mal ausgehoben wird, so die Figur im Film. Ein Magengeschwür der Gesellschaft, dass wir meistens verdrängen, das sich aber immer wieder bemerkbar macht, wenn mal wieder ein Kokainkondom platzt. Und die Doppelbödigkeit von Karow, den man erst im Verlaufe des Films ansatzweise durchschaut, macht das Puzzlespiel beim Zuschauen wirklich spannender, als wenn es, wie üblich, nur um die Frage geht, wer der Täter war (was nämlich relativ schnell in einer Rückblende verraten wird). Es bleibt abzuwarten, wie sich die Story um Rubin und Karow entwickeln wird, aber eines ist jetzt schon sicher: Sie wird mit Spannung erwartet werden.


Anwendungsgebiete: Bauchschmerzen

Einnahme: Schauen Sie sich den Tatort an, dann denken Sie nochmal nach, bevor sie sich demnächst wieder den Magen mit Junkfood verderben. Und stellen Sie sich nicht so an, Sie haben ja gerade gesehen, was andere Leute alles im Bauch haben. 

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