23.01. +++ XXX

XXX (Foto von contrapunctus.me)
XXX (Foto von contrapunctus.me)

Die Aura des Geheimen ersetzt das Geheimnis an sich. Zumal im post-post Zeitalter. Meine Herausforderung bei diesem Text besteht darin, dass ich einer interaktiven Performance beigewohnt, mich verpflichtet habe, nichts von dem, was geschehen ist, öffentlich preis zu geben, und trotzdem darüber zu schreiben. Andererseits vielleicht doch nicht so schwierig, denn es geht bei diesem Blog ja um die Folgen des Kulturkonsums. Folge eins: ich bin ein bisschen angeschickert (es gab Alkohol umsonst. Also nicht umsonst, sondern im ‚Mitgliedsbeitrag‘ inbegriffen). Folge zwei: ich bin gut gelaunt, und zwar nicht wegen des Alkohols, sondern, weil die Veranstaltung insgesamt stimmungsvoll war. NICHT wegen großer künstlerischer Aktionen, NICHT wegen einer großen Gestaltungshöhe, sondern eigentlich wegen des Miteinanders zwischen Performern und Publikum. Dazu trug bei, dass nicht immer eindeutig zu erkennen war, wer „Gastgeber“, also eingeweiht, und wer „Gast“, also Entdecker, war. Worum gings? Ja, Kunst und Leben, so im weitesten Sinne. Und wie vermittelt man das den Leuten? Man bringt sie zum Mitgestalten. Und so gab es immer wieder kleine Aufgaben, sichtbares und unsichtbares Theater, viel Soundtrack und Tanz. Freundlich und harmlos. Zugegeben: Keine tief gehenden Gespräche, aber wer weiß, das lag vielleicht an mir. ‚Mitgestalten‘ klingt ein bisschen nach Partyspielen, und das stimmt auch, aber Partyspiele spielt man ja in der Regel nicht mit Fremden. Insofern hat die Performance durchaus etwas erreicht: indem die Türen hinter dem letzten Gast geschlossen wurden, schufen die Gastgeber charmant, selbstbewusst und unermüdlich eine Atmosphäre des offenen Miteinanders. Eine Materialschlacht: Viele Gastgeber, viele Texte, viel Musik, Ausstattung, nicht zuletzt Getränke. Die Performance verströmte sich, luxuriös und verschwenderisch. Was vielleicht dasselbe ist. Die bleibende Wirkung wird mit Sicherheit die Erinnerung an die Stimmung sein, und an einzelne Figuren, sowohl unter Gästen, als auch unter Gastgebern. Falls das alles ein bisschen kryptisch klingt, für Außenstehende, so spiegelt das auf intellektueller Ebene durchaus ein Anliegen der Veranstaltung wieder, glaube ich. Der Gast gestaltet das Event mit, vor allem aber die Wirkung auf ihn selbst. Eigentlich eine Binsenweisheit – auch wenn ich das didaktischste aller Theaterstücke anschaue – sagen wir mal Brecht – hängt die Wirkung dennoch zu einem größeren Teil von mir als Zuschauer ab, als von all dem Talent, das sich da verströmt. Aber heute Abend war die Verantwortung des Gastes eben ganz besonders fassbar. Und, in einem positiven Sinne auch die der Gastgeber, denn sie waren gute Gastgeber – eine Qualität, die im konventionellen Kunstbetrieb oft auf der Strecke bleibt. Die größte Wirkung aber, und da komme ich auf meine Eingangsbemerkung zurück, erzielte die Performance im Vorhinein, denn sie war geheim. Geheim der Veranstaltungsort, geheim die Vorgänge hinter verschlossenen Türen. Die Fantasie drehte einige Saltos. Und das Geheimnis entfaltete sich in etwas ganz Einfaches: die Bereitschaft, Gäste mit offenem Herzen zu empfangen. Do I sound cheesy? I jolly well hope so.


Anwendungsgebiete: Kieferkrämpfe

Einnahme: Einreiben und langsam einziehen lassen, dabei womöglich noch einen Grog trinken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.