23.02. +++ Der Hammer

Die waren aber auch der Hammer: Ella Fitzgerald und Louis Armstrong (Bild von pixshark.com)
Die waren aber auch der Hammer: Ella Fitzgerald und Louis Armstrong (Bild von pixshark.com)

Manche Künstler können machen was sie wollen, man sitzt/steht/liegt einfach mit offenem Mund dabei und denkt sich: Wow. Louis Armstrong gehört für mich in diese Kategorie. Ich hab früher beispielsweise gedacht, der Herr Armstrong hätte gut Trompete gespielt. Mittlerweile habe ich da eine etwas differenziertere Meinung, die ungefähr so geht: Satchmo war ein genialer Musiker, zumindest ein genialer Jazzer, der die Musik im ganzen Körper gespielt hat, aber entweder hat er sich immer alter Gießkannen bedient, um den einem Blechblasinstrument ähnlichen Klang zu erzeugen, oder er hat das, was aus der Trompete rauskam, absichtlich so verknödelt, dass er wie eine Wellblechhütte klang. ABER: Es trotzdem noch geil. So wie genialer Trash.

Mein heutiges Kunstwerk ist die CD BEST OF ELLA FITZGERALD AND LOUIS ARMSTRONG. Genau: Kein High-Brow-Album, sondern ein bisschen kitschig, aber meinem Herzen sehr nah. Ich habe diesen Tonträger während meines Studiums in England gekauft und damals sehr oft gehört – deshalb haben die Songs sehr viel mit Heimweh zu tun, auch mit Einsamkeit. Es sind Jazz-Standards, die die beiden Koryphäen, die sich wie ein Reibeisen und ein Samtkissen ergänzen, darbieten. Und wenn man sie einmal mit ein bisschen Abstand hört, bemerkt man, wie doof die Texte da sind. Also, manche. Damals (als ich dachte, Satchmo wäre ein guter Trompeter) fand ich es superoriginell, wenn in dem Song STARS FELL ON ALABAMA „hammer“ auf „drama“ auf „glamor“ auf „Alabama“ gereimt wird. Mittlerweile hab ich das Gefühl, der Dichter Mitchell Parish hat sich ein Gerüst aus lustigen Reimen zusammengehämmert und dann eine Story – und ich gebrauche den Begriff hier im weitesten Sinne – drangenagelt. Aus Wellblech. Und was soll ich sagen: Ich liebe den Song trotzdem. Im richtigen Mond- / Sternenlicht gehört, mit einem Glas Martini, und ich werde völlig melancholisch.
Sieht gar nicht so verbeult aus, wie sie klingt, die Trompete (Bild von www.en.wikipedia.org)
Sieht gar nicht so verbeult aus, wie sie klingt, die Trompete (Bild von www.en.wikipedia.org)

Was ich damit sagen will, ist, dass man natürlich den Kitschbalken im eigenen Auge in der Regel nicht wahrnimmt, den versplitterten Anflug von Emotionalität gemischt mit Naivität in Kunstformen, denen man kritisch gegenübersteht, jedoch 200 Meter gegen den Wind wittert und in Grund und Boden schreibt. Ich werd zum Beispiel regelmäßig richtig kribblig, wenn nicht vernünftig gereimt wird, das heißt meistens stimmts schon halbwegs, aber dann wird der letzte Reim mit dem Hammer passend gemacht – so als Assonanz. Jetzt fällt mir natürlich kein Beispiel ein. Ich meine nicht im Hiphop, da ist das überall so und in Ordnung. Wenns mir wieder auffällt, notier ich es mir gleich – aber Sie wissen eh, was ich meine. Charme. Das ist eine Eigenschaft, die diese Musik unbestritten hat. Im Gegensatz zu der allermeisten Musik eignet sie sich sowohl dazu, sie bei nächtlicher Himmelsbeleuchtung (s.o.) zu genießen, als auch, sie bei einem Abendessen, womöglich sogar bei einem Rendezvous im Hintergrund laufen zu lassen. Sie umschmeichelt die zärtlichen Gefühle, dabei ist sie künstlerisch belastbar und wenns mal einen plötzlichen Sternenschauer in Alabama geben sollte, kann man unter dem Wellblech Schutz finden.


Anwendungsgebiete: Lampenfieber oder Aufregung vor einem Date
 
Einnahme: Mit einem Glas Rotwein herunterspülen. Hilft unmittelbar nach der Einnahme.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.