23.05. +++ Das geht nicht gut aus

Gut, Sat 1 hat da wahrscheinlich irgendwas falsch verstanden, aber im Grunde ist ROMEO UND JULIA genau das: "Hochzeit auf den ersten Blick". Und es zeigt sich: Sowas geht nie gut aus. (Bild von www.bilder.bild.de)
Gut, Sat. 1 hat da wahrscheinlich irgendwas falsch verstanden, aber im Grunde ist ROMEO UND JULIA genau das: „Hochzeit auf den ersten Blick“. Und es zeigt sich: Sowas geht nie gut aus. (Bild von www.bilder.bild.de)

Jetzt mal ehrlich: Wer „Romeo und Julia“ sagt, der sagt „die eine, wahre Liebe“, oder? Gut, vielleicht sagt er auch noch: „Manche Dinge sind es wert, dafür zu sterben.“ Aber sagt irgendjemand: „Höllenfahrt im Hormonschub“, „Sexbesessen ins Gras beißen“ oder „Hochzeit auf den ersten Blick“? Eine Neulektüre des größten Liebesdramas aller Zeiten kommt nicht um einige unangenehme Richtigstellungen herum.

IN THE MOOD FOR LOVE. Von den beiden Protagonisten schlurft zunächst einmal Romeo ins Bild. Auch wenn Shakespeare uns nicht wissen lässt, wie alt er ist (Julia ist knapp 14!), hat er wahrscheinlich die Volljährigkeit im heutigen Sinne noch nicht erreicht. Auf der Straße tobt eine Art Bandenkrieg, bei dem seine Familie ganz vorne mitmischt, aber das hindert den Teenie nicht daran, sich von der Welt abzuschotten, denn er ist unglücklich verliebt. Rosaline, so der Name der Angebeteten, will nichts von ihm wissen, deshalb spielt er schon ganz zu Anfang des Stückes mit seinem Leben: Er weiß, wie locker die Messer in Verona sitzen, und trotzdem schleicht er sich bei einem Fest der Erzfeinde (der Capulets) ein, bei dem auch seine Angebetete sein wird. Kritiker haben zu Recht angemerkt, dass Romeo wohl in erster Linie verliebt in die Liebe oder in sich selbst als Liebenden ist, denn anders lässt es sich wohl nicht erklären, dass er von jetzt auf gleich umsatteln kann: Im Handumdrehen wird auf dem besagten Fest nun Julia zur großen Liebe des emotionalen Triebtäters Romeo. Sie ist freilich ebenso hormonell aufgestachelt wie er, was einerseits am Wetter liegen kann (es ist Mitte Juli), andererseits aber auch daran, dass Graf Paris bei ihrem Vater um sie angehalten hat – sie fühlt sich wahrscheinlich zum ersten Mal als Frau. Da sie von ihrer Mutter den Auftrag erhalten hat, sich Paris auf dem Fest anzuschauen, befindet sich das Mädchen womöglich in einer Art Torschlusspanik. Zusammengenommen treffen auf jeden Fall zwei Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen aufeinander, und ihre Begegnung löst eine Kette fataler Ereignisse aus.
 
Kitsch as kitsch can be. Selbst vor Männern in Strumpfhosen macht der Romantikwahn nicht halt. (Bild von www.goethezeitportal.de)
Kitsch as kitsch can be. Selbst vor Männern in Strumpfhosen macht der Romantikwahn nicht halt. (Bild von www.goethezeitportal.de)

DER ALTARREFLEX. Der heutigen Jugend wird oft Oberflächlichkeit vorgeworfen, wenn sie ohne zu zögern miteinander ins Bett springt und dasselbe am nächsten Tag ebenso locker in unterschiedliche Richtungen wieder verlässt. Die spontane Reaktion der verschossenen Teenager in ROMEO UND JULIA läuft aber nicht unwesentlich anders: Nach dem Ende des Festes, bei dem Romeo von dem fanatischen Montaguehasser Tybalt erkannt und auf seine persönliche Todesliste aufgenommen wird, klettert der Verliebte in den Obstgarten der Capulets, wo er tatsächlich kurz darauf seiner neuen Flamme in der berühmtesten Theaterszene der Welt wieder begegnet: Der Balkonszene. Ohne zu wissen, dass Romeo zuhört, gesteht Julia ihre Liebe – ein Schritt, der nach dem zu Shakespeares Zeit gültigen Beziehungsanbahnungszeitplan noch lange nicht vorgesehen gewesen wäre. Aber da sie gleich so weit nach vorn gesprungen sind, bleiben die beiden konsequent: „Ich hab dich zwar erst vor zwei Stunden kennen gelernt, aber heirate mich.“ Dieser Hochzeitsdrang lässt sich, wenn man freundlich ist, mit der großen Ausnahme ihrer Beziehung erklären – wozu andere Jahre brauchen, können diese beiden Extremliebenden halt in ein paar Minuten. Können wir uns alle halt nicht vorstellen, die echte, große Liebe. Aber mal ehrlich: Die Hormone spielen schon auch eine große Rolle. Sie finden sich beide attraktiv, in der Kommunikation klappt auch alles, der besondere Kick ist das Verbotene (die Tatsache, dass sie eigentlich Todfeinde sein sollten) – sie wollen Sex miteinander. Dass dazu allerdings erst eine Heirat statt finden muss ist ein Irrtum, der sich, nicht zuletzt dank dieses Stückes, bis heute in weiten Teilen der Welt (z.B. im sonst gar nicht so prüden Nordamerika) hält.

Haben Sie auch schon mal unter diesem echt unscheinbaren Balkon gestanden, und sich gefragt, wo der "Obstgarten" der Capulets abgeblieben ist? Oh, die Pilgerstätten des Massentourismus. (Bild von www.wollhei.de)
Haben Sie auch schon mal unter diesem echt unscheinbaren Balkon gestanden, und sich gefragt, wo der „Obstgarten“ der Capulets abgeblieben ist? Oh, die Pilgerstätten des Massentourismus. (Bild von www.wollhei.de)

DIE BESTEN STERBEN JUNG. Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, man lebe am längsten, wenn man immer leicht unterernährt sei. Dem steht das Rocker- und Romantikerideal gegenüber, dass es allemal besser sei, sein Leben wie ein Feuerwerk abzubrennen, und die höchsten Gefühle kurz, aber intensiv ausgekostet zu haben. Für diesen Lebensentwurf sind Romeo und Julia zu Idolen geworden. Indem Romeo sich leichtsinnig beim Fest seiner Erzfeinde eingeschlichen hat, hat er den weiteren Verlauf des Stückes angestoßen: Tybalt fordert ihn zum Duell, als Romeo sich weigert, tötet dieser Romeos Freund und Verwandten Mercutio, woraufhin Romeo sich dann doch dazu hinreißen lässt, Tybalt zu töten. Die Folge: Kurz nach der geheimen Hochzeit mit Julia wird Romeo verbannt. Zwar nimmt er sich noch kurz Zeit für die Hochzeitsnacht mit seiner Frischvermählten, dann aber muss er ins Exil nach Mantua. Und auch für Julia wird der Boden heiß: Graf Paris setzt Julias Vater zu, so dass dieser gegen den Willen seiner Tochter die Hochzeit der beiden für den übernächsten Tag festlegt. Um diesem Schicksal zu entgehen, nimmt Julia, unterstützt Bruder Lorenzo, dem Spiritus Rector des jungen Paares, einen Trank, der sie in einen todesähnlichen Schlaf versetzt. Die Familie hält sie am Hochzeitsmorgen für tot, sie wird bestattet und nun sollte Romeo sie planmäßig wieder aus der Gruft holen. Dummerweise wird aber der Brief Lorenzos, der ihn hierüber aufklärt, nicht zugestellt, so dass er Julia für tot hält, auf dem Weg zu ihr Paris umbringt, und dann sich selbst. Mit Gift. Mit perfektem Timing erwacht Julia unmittelbar nach seinem Tod aus ihrem Schlaf – und bringt sich ebenfalls um. Und obwohl Selbstmord in der christlichen, zumal der katholischen Tradition, eine schwere (weil nicht mehr vergebbare) Sünde ist, gelten die beiden doch als nicht ganz so schwere Sünder, weil sie sich ja aus Liebe umgebracht haben. Aber: (1) Ehrlichkeit scheint keine Option gewesen zu sein. Julia versucht sich ihren Weg aus der Verbindung mit Paris herauszulügen, aber was wäre passiert, wenn sie ihren Eltern die Wahrheit gesagt hätte? Verstoßung? Ein Kloster? In diesem Fall hätte sie womöglich doch noch mit Romeo entkommen können. (2) Beide Liebende reduzieren sich selbst, ihr Leben und ihre Umwelt auf diese Beziehung. Alles ist davon abhängig, nichts ist wichtiger. Dieses fatale seelische Ungleichgewicht, dass zum Tod von immerhin fünf Menschen führt, mag ein Akt jugendlicher Rebellion sein – gesund ist es nicht. (3) Junge Leute müssen nicht vernünftig sein, es ist sogar gesund, wenn sie es nicht sind. Allerdings muss sie jemand bremsen, sich mit ihnen auseinander setzen. Julia hat zu ihren Eltern den Kontakt verloren – der Vater ist cholerisch, die Mutter stellt die Kommunikation ein. Romeos Eltern kommen im Stück gar nicht vor – die einzigen Erwachsenen, die sich mit den beiden auseinandersetzen, sind Julias Amme und Bruder Lorenzo. Während die Amme keine besonders gefestigte Persönlichkeit ist, sondern sich erst zu Julias Komplizin macht, und ihr dann unter dem Druck ihrer Eltern in den Rücken fällt, bleibt Bruder Lorenzo dem Paar insofern treu, als er den (scheiternden) Plan zum gemeinsamen Glück schmiedet. Zwar hält er Julia einmal vorher vom Selbstmord ab, aber er bringt sie nicht dazu, reinen Tisch mit ihren Eltern zu machen. Gut: Das ist in der frühen Neuzeit vielleicht auch illusorisch – aber als wirklich erwachsen kann man sein Verhalten auch nicht betrachten. Beide, die Amme und Lorenzo, sind frühe Fans der beiden Teenageridole – sie sind, ganz wie Romeo, verliebt in die Romanze, und werden so zu Komplizen ihres Todes.

„Love is merely a madness“ heißt es in AS YOU LIKE IT, aber stärker als in ROMEO UND JULIA hat Shakespeare den Kontrast zwischen emotionaler Fernsteuerung und vernünftigem Verhalten nicht auf den Punkt gebracht. Können wir das Verhalten der beiden zur Nachahmung empfehlen? Auch wenn Sie diese Schlussfolgerung überraschen mag: Ich sage ja. Verrücktheit als Gegenmodell zum Funktionieren im System kann und soll uns allen zum Vorbild dienen. Bis zu einem gewissen Punkt, und der lautet: Die Verletzung von anderen. Mit uns selbst können wir anstellen was wir wollen, aber gegenüber der Unversehrtheit der anderen haben wir eine Verantwortung. Wer die ignoriert – und das haben unsere beiden Protoromantiker natürlich getan – macht sich zum puren Egoisten.

Anwendungsgebiete: Burnout

Einnahme: R&J werden von Shakespeare als „star-cross’d lovers“ bezeichnet – so eine Art Sternschnuppen, die sich selbst verzehrend die Flugbahn kreuzen. Wenn Sie selbst kurz vorm Ausbrennen stehen, weil sie im Getriebe der Maschine, die Alltag heißt, zerrieben zu werden drohen, dann nehmen Sie sich eine Auszeit und lesen Sie ROMEO UND JULIA. Oder noch besser, schauen Sie es sich an, im Film, im Theater. Und dann lesen Sie noch CYRANO DE BERGERAC und was dergleichen unglückliche Liebesgeschichten mehr sind. Vielleicht müssen Sie weinen und fallen eine Zeitlang als Zahnrad im Getriebe aus. Aber das wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

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