24.01. +++ Auf Abstand

Maria Schutz
Maria Schutz in Pasing

Ich habe neulich wegen des satanischen Rollsplitts auf den Fahrradwegen mit der Stirn den Asphalt geküsst. Glücklicherweise ist nicht viel passiert, meine Blessuren verheilen, nur die Jacke ist ein bisschen kaputt und das Fahrrad muss repariert werden. Als ich es also heute zum Zweiradheiler meiner Wahl gebracht habe, bin ich auf dem Heimweg bei der festungsartige Pfarrkirche von Pasing vorbei gegangen, Maria Schutz. Offenbar wollte der Architekt insbesondere den Aspekt der Verteidigungsfähigkeit der festen Burg hervorheben – nein, „feste Burg“ ist ja die Konkurrenz. Wie auch immer, ich hatte das Vergnügen, mich ganz allein in der Kirche aufzuhalten. Ich mag das wirklich, so ein riesiges Gebäude auf mich allein wirken lassen. Ist vielleicht ein bisschen asozial und einer narzisstisch-elitären Weltsicht geschuldet, aber Selbsterkenntnis ist ja auch schon was. Wenn ich behaupten würde, dass Maria Schutz vom Inneneindruck her mit der Kathedrale von Worcester oder auch dem Ulmer Münster konkurrieren können, würde ich lügen; es ist eine Pfarrkirche, die zwar groß ist, aber irgendwie auch familiär zusammengewürfelt, was die Innenausstattung betrifft. Hängen geblieben bin ich bei einer Pietà im nördlichen Querschiff, und ich dachte: „Ach, kuck, und dann ham sie auch noch einen Gipsabguss von Michelangelo hingestellt.“

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KEINE Michelangelo-Kopie: Pietà im nördlichen Querschiff

Weit gefehlt! Erstens förderte eine nähere Inspektion zutage, dass die Skulptur aus Marmor angefertigt ist, und ich dachte, okay, viel Aufwand für eine Kopie, und zweitens hat sich mein bisschen Kunstgeschichtsstudium offenbar gar nicht bezahlt gemacht, denn Michelangelos Pietà im Petersdom sieht ein BISSCHEN anders aus (das hab ich dann zu Hause beim Fotobeweis festgestellt). Also, laut meinem Freund Wikipedia handelt es sich um ein Werk des bedeutenden Allgäuer Bildhauers Eduard Fischer, über den ich leider keine weiteren Informationen finden konnte. Aber zurück zum Werk. Ich verbrachte also ein bisschen Zeit mit diesem Trauerbild, dass leider ein bisschen ungünstig auf einem zu hohen und zu kleinen Sockel steht, von einem „Fresko“ umgeben und von einem offenbar später hinzugefügten Altarvorbau eingekeilt wird. Ich hatte ein bisschen Mitleid mit dieser Skulptur, die den Kirchennutzern offenbar so unheimlich ist, dass sie von all diesen anderen Elementen in Schach gehalten werden muss. Allein das „Fresko“: Die Marterwerkzeuge, die die Mutter-Sohn-Gruppe umgeben, wirken, als ob sie den beiden drohen – diese Nägel zum Beispiel, die so aussehen, als wollten sie den Toten nochmal töten. Was kann so bedrohlich an dieser Trauerszene wirken?

Eduard Fischer, PIETÀ, Maria Schutz, Passung
Eduard Fischer, PIETÀ, Maria Schutz, Passung

Das erste, was mich beim Anschauen beschäftigte, war der athletische, austrainierte Körper des Toten. Gut, als Zimmermann hat man selbst heute und hatte man sicher auch damals genug körperliche Arbeit zu verrichten, und an Proteinen hats ihm ja auch nie gemangelt (mit fünf Broten und zwei Fischen konnte er wahre Wunder bewirken), andererseits hat er in seinem Lehrberuf ja jetzt nicht so lange gearbeitet, und irgendwie kann ich mir kaum vorstellen, dass er zwischen Ährenraufen, Tote Erwecken, Predigen und Diskutieren noch viel Zeit für ein ordentliches Workout hatte. Zweitens sieht er ehrlich gesagt nicht so aus, als ob er geschunden und gerade an einer Kreuzigung gestorben ist, sondern eher, als ob er es mit den Anabolika ein bisschen übertrieben hat. Drittens habe ich mich gefragt, ob das auffällig gespaltene Kinn ein keckes Bärtchen darstellt. Und viertens der Gesichtsausdruck Mariens. Sie sieht nicht traurig aus, nicht wie vom Schmerz gezeichnet aus, nicht schockiert – ihr Gesicht ist leer. Vielleicht hat sie schon alle Tränen vergossen, sich schon emotional ausgeleert, und jetzt, wo sie den Leichnam noch mal berühren darf, nimmt sie ihren Sohn nur noch distanziert war, gestochen scharf, aber eben leblos – eine schöne Hülle. Auffällig auch, wie leicht sie seine linke Hand hält: Schwer ist es offenbar nicht, diesen 80-Kilo-Athlethen zu halten. Unter dem kapuzenartigen Kopftuch sieht ihr Gesicht auch nicht weiblich aus, eher männlich-verhärmt, wie viele Kriegerwitwen aus dem Zweiten Weltkrieg auf alten Fotos. Oder wie der Tod, ich meine den Todesengel oder auch den Sensenmann, wen man sich halt vorstellen mag, der einem auf die Schulter tippt und sagt: „Mitkommen.“ Der Blick ist fast wissenschaftlich-sachlich, wie eine Pathologin, die sich über den Leichnam beugt, um zu entscheiden, wo der erste Schnitt für die Obduktion angesetzt werden soll. Es ist der Blick einer Fremden. In der Antike hat man die Marmorstatuen in der Regel farbig gefasst, was für heutige Augen schockierend poppig ausgesehen haben muss. Demgegenüber ist der nackte Marmor, wie er seit der Renaissance als Maß aller Dinge in der westlichen Kunst gilt, sowieso ein unmenschlich eisiges Material. Und hier, bei dieser Pietà, kommt er als das zum Einsatz, was er eigentlich darstellt: die harte, kalte Haut eines Toten. Und die Sachlichkeit des Außendienstmitarbeiters, der diesen Menschen abholt. Vielleicht ist diese Kälte, die die Gruppe ausstrahlt, der Grund dafür, dass man sie im Querschiff so eingekastelt, auf Abstand gehalten, gebannt hat. Denn von Liebe, Schutz und Mutterwärme ist hier wirklich nichts zu spüren.


Anwendungsgebiete: Entzündliche Gelenkerkrankungen 
 
Einnahme: In regelmäßigen Abständen besuchen und die Kältestrahlung zehn Minuten lang auf das betroffene Gebiet einwirken lassen. Hilft auch vorbeugend gegen Erkältungskrankheiten.

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