24.02. +++ Empathie-Entropie

Eben nicht im Fernsehen, sondern auf einer Studiobühne werden die ausgewählten Stücke des OUDS New Writing Festival präsentiert (Bild von www.facebook.com/oxforduniversitydrama)
Eben nicht im Fernsehen, sondern auf einer Studiobühne werden die ausgewählten Stücke des OUDS New Writing Festival präsentiert (Bild von www.facebook.com/oxforduniversitydrama)

Ich durfte heute bei einer Fernsehproduktion am Set dabei sein, und dem Regisseur über die Schulter schauen. Was eine sehr spannende und faszinierende Erfahrung war, denn so eine tägliche Fernsehproduktion hat mit Theater so viel gemeinsam, wie ein Faustkeil mit einem Fertigungsroboter bei Daimler. Oder BMW. Verzeihung. Im Grunde die gleiche Funktion, nur viel komplexer. Ich habe selbst schon genügend unhöfliche Praktikanten gehabt, um mich nach Möglichkeit allen Beteiligten vorzustellen, dummerweise laufen da aber ziemlich viele Leute herum, und ich wollte natürlich keinesfalls den Betrieb aufhalten. Jedenfalls kommt irgendwann eine Schauspielerin auf mich zu, der ich mich noch nicht vorgestellt habe, und überrumpelt mich mit: „Wer sind Sie?“ – „Ich hospitiere heut bei Frank [dem Regisseur].“ – „Was machen Sie?“ – „Ich äh hospitiere, ich bin der…“ Aber da lief der Fertigungsroboter schon weiter und irgendwer erklärte ihr in einfachen, kurzen Worten, was hospitieren heißt, und sie murmelte noch „Wieder was gelernt.“

Ich habe auch eine Menge gelernt, was die Funktionsweise dieser Maschine betrifft, aber noch mehr darüber, welche kreative Freiheit eigentlich im Theater herrscht. Klar, so eine Fernsehproduktion wird auch künstlerisch geschaffen, aber das Diktat des Marktes ist an jeder Ecke des Wegs zu spüren. Da war beispielsweise eine männliche Diva dabei, beim Dreh heute, und Diven kenne ich aus dem Theater auch einige, und der war echt schwierig und zickte rum – aber nur fünf Minuten lang. Denn mehr Zeit war nicht. Das Problem, das er hatte, wurde irgendwie gelöst, der Weg des geringsten Widerstands wurde gewählt. Statt den Konflikt auszutragen bis jemand heult. Oder zum Intendanten rennt. Oder womöglich etwas Sinnvolles, etwas Neues, das keiner zuvor zu denken gewagt hatte, herauskommt. Was jetzt keineswegs immer in der epischen Breite nötig ist, in der Konflikte in Theaterproben unter Umständen ausgetragen werden, aber dass die Möglichkeit nicht vorhanden ist, ist schon hart. Ein enges Korsett, das die Kunst da an hat, im Fernsehen. Ich weiß jetzt auch nicht genau, wie ich den Bogen zu meinem heutigen Kunstwerk schlagen soll, aber vielleicht so: Besonders viel künstlerische Freiheit bei geringen finanziellen Möglichkeiten hat man in der Studentenzeit. In Oxford beispielsweise, wo ich zu studieren das Vergnügen hatte, finden während des achtwöchigen Terms in jeder Woche ohne Übertreibung drei Theaterproduktionen statt, macht schätzungsweise über 80 Produktionen pro Jahr. Das hat mit der TRADITION zu tun, die man dort sehr groß schreibt (By the way – einer der drei Witze, die mir immer mal wieder einfallen: „How many Oxford students does it take to change a light bulb?“ – „Change???!!!“) – aber auch mit der Tatsache, dass es einen funktionierenden Transfer zwischen dem professionellen Teil des Studententheaters und der professionellen Theaterszene gibt. Nicht unbedingt als Schauspieler (da aber auch), aber als aufstrebendes Regietalent oder als Produzent oder sowas, hat man da Chancen, direkt nach dem zur Tarnung fürs Elternhaus belegten Bachelor in ein geregeltes Arbeitsverhältnis zu rutschen. Wer unter Umständen auch seine Karriere in Oxford anfängt, sind Schriftsteller. Mein Freund Nicholas Pierpan hat beispielsweise beim Oxford University Dramatic Society New Writing Festival erfolgreich teilgenommen, und diesen Dramatikerwettbewerb verfolge ich noch immer interessiert.

Ogemdi Ude und Sammy Glover in TWIN PRIMES von Florence Read (Bild von www.facebook.com/oxforduniversitydrama)
Ogemdi Ude und Sammy Glover in TWIN PRIMES von Florence Read (Bild von www.facebook.com/oxforduniversitydrama)

Dieses Jahr heißt die Gewinnerin des „Best Script“ beim New Writing Festival Florence Read, und ihr Stück TWIN PRIMES ist bemerkenswert (ich durfte es lesen). „Twin Primes“ sind „Primzahlzwillinge“, also zwei Primzahlen mit dem Abstand 2, also z.B. 5 und 7 oder 11 und 13. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, was dieser Titel mit dem Stück zu tun hat, aber Primzahlen kommen mir nicht ganz geheuer, eher so ein bisschen divenhaft vor, und so gehts mir mit den Figuren des Stückes auch.* Jede der Szenen, in denen jeweils zwei Figuren (A und B) aufeinander treffen, dreht sich darum, dass einer oder beide Menschen ziemlich egoistisch oder jedenfalls empathielos mit einem anderen Menschen umgehen. Zum Beispiel sehen zwei Strandläufer in der ersten Szene jemanden im Meer ertrinken, können sich aber nicht entschließen, reinzuspringen. In der zweiten Szene geht es um einen Geschäftstermin, in der ein Bänker (?) oder Unternehmensberater (?) einen Familienunternehmer demontiert. Die Geschichten sind fast alle pointiert, überraschend, witzig. Eine der besten: Ein Mann und eine Frau sitzen sich in einem Café gegenüber, sie haben sich offenbar erst gerade kennen gelernt, sie wird wohl bei ihm zu Gast sein, in den nächsten Tagen, und er ist sehr um sie und ihr Wohlergehen besorgt – bis sich irgendwann herausstellt, dass er eine Kannibale ist und sie mit ihrem Einverständnis töten und essen wird. Da er kein Heuchler ist, sondern mit offenen Karten spielt, darüber hinaus noch wirklich freundlich und empathisch, ist er ein echter Lichtblick in Florence Read’s düsterer Menagerie von Hedonisten. Die Geschichten, die sie hier versammelt, haben diese kalten Charakterzüge der Figuren gemein, sonst nichts – die Autorin sagt sogar, dass nur die erste und letzte Szene in dieser Anordnung gespielt werden sollen, die Anordnung dazwischen stellt sie frei. Bei der Inszenierung in Oxford wurde die Reihenfolge der Szenen sogar mit einem Zufallsgenerator bei jeder Vorstellung neu bestimmt. Eine düstere Sicht auf das Leben, das uns irgendwohin würfelt, wo wir im eigenen Interesse töten, und dabei noch nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen haben müssen. Denn Empathie macht sich rar, genauso wie künstlerische Freiheit.


Anwendungsgebiete: Ödeme.

Einnahme: Der Humor des Stückes ist so trocken, dass es zumindest bei einer Inszenierung dem Körper bestimmt Wasser entzieht. Also anschauen.

* Ich würde mich über Ideen freuen, was es mit diesem Titel auf sich hat.

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