24.02. +++ L****

Fügt sich doch gut ein, oder? - Der Neue
Fügt sich doch gut ein, oder? – Der Neue

Wenn man mit dem Deutschen als Muttersprache aufgewachsen ist, tut man sich im Englischen manchmal schwer mit dem vermeintlich inflationären Gebrauch des L-Wortes. Dem Amerikaner als solchem kommt der Satz „I love you“ ja sehr viel schneller über die Lippen, als wir grummelige Deutsche selbst „Ich hab dich lieb“ sagen würden. Aber selbst wenn an dem kulturellen Snobismus etwas dran sein sollte, dass das deutsche Konzept der Liebe eben etwas viel tiefer Gehendes und daher nicht so schnell und obenhinaus verbalisierbares Gefühl wie „love“ ist – ich glaube, es tut der Seele besser, öfter etwas Gutes zu hören. Genauso wie Umarmungen im Alltag. Selbst wenn es nur eine nette Geste ist, sie bewirkt doch meistens etwas Positives. Also, mal ganz nebenbei: Ich fordere mehr freundliche Worte und Umarmungen im Alltag. Gerade auch im öffentlichen Raum.

Bis jetzt vertragen sich die beiden Mitbewohner sehr gut...
Bis jetzt vertragen sich die beiden Mitbewohner sehr gut…

Ich sage das alles als jemand, der keineswegs mit dem L-Wort ins Haus fällt, aber mein heutiges Kunstwerk nötigt mir schon jetzt eine Liebeserklärung ab. Obwohl wir erst seit fünf Stunden zusammen sind, lieber Lesesessel: Ich liebe dich. Es hängt sicher mit der freundlichen Umarmung zusammen, mit der das Modell „Versailles“ mich schmeichelnd umfängt; auch die Polsterung tut mit gerade dem richtigen Grad zwischen Härte und Weichheit das Ihrige; natürlich ist der weiche, rotschimmernde Bezug ein Fest fürs Auge; Meisterhände einer italienischen Schreinerei (naja, wahrscheinlich eher illegal arbeitende Immigranten in einer italienischen Schreinerei) haben ihn hochwertig gesägt, geschraubt, lackiert, gepolstert; aber am Ende spielt die entscheidende Rolle, von wem ich das gute Stück geschenkt bekommen habe.

Jedenfalls kann ich Ihnen sagen, dass die Suche nach einem Sessel, der sowohl gut aussieht als auch bequem ist, ein gerüttelt Maß an zeitlichen und energetischen Ressourcen aufgebraucht hat. Das ist jetzt nicht persönlich gemeint, lieber Sessel, für dich hat sich jede Minute der Suche, jeder Monat (!) des Wartens auf die Lieferung gelohnt. Es mag daran liegen, dass gerade eher L-förmige Sofas mit großen Liegeflächen statt Sesseln en vogue sind, aber Designer lassen ihre Fantasie offenbar lieber auf anderen Feldern als auf dem der Möbel spielen. Mein Ideal – nicht als Lesesessel, sondern fürs Wohnzimmer – wären zwei LC2s von Le Corbusier. Kostenpunkt 3.000 Euro das Stück, also für eine andere Kaste gemacht. Gehts nur mir so, oder haben heutige Designer diesen Sinn für Proportionen einfach nicht, jedenfalls nicht bei gleichzeitiger Bequemlichkeit des Möbels? Naja, es ist ja schön, noch Wünsche zu haben, zumal, wenn man in einem bequemen Sessel davon träumen kann. Für alle, die jetzt glauben, dass ich senil werde und in eskapistische Privatismen im Ohrensessel abtauche: Ich weiß, dass ein bequemer Sessel weit mehr ist, als nur ein Ruheplatz für die Seele. In den falschen Händen kann er zu einer schrecklichen Waffe werden. Aber fürchtet euch nicht – ich werde nicht widerrufen. (Siehe ab 2.12)


Anwendungsgebiete: Durchblutungsstörungen
 
Einnahme: Tja, dazu müsstet ihr schon bei mir vorbei kommen und die Erlaubnis erhalten, in meinem Sessel zu sitzen, was ich aber netten Leuten ohne weiteres zubilligen würde. Die Wirkung wäre ein aufsteigendes Wärme- und Glücksgefühl, die schon wenige Sekunden nach dem Platznehmen eintritt.

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