24.03. +++ Verduftet

Schon den Sommerurlaub gebucht? Auf diesem heimeligen Eiland sind noch freie Ferienhäuschen zu haben (Bild von www.de.wikipedia.org)
Schon den Sommerurlaub gebucht? Auf diesem heimeligen Eiland sind noch freie Ferienhäuschen zu haben (Bild von www.de.wikipedia.org)

Es liegt mir fern, mich über andere Blogger zu erheben*, aber das Folgende muss ich doch mal loswerden. Das Online-Forum der Zeitschrift DAS GEDICHT stellt in seinem Beitrag vom 27.05.2013 das Werk PARFUM EXOTIQUE aus den FLEURS DU MAL von Charles Baudelaire vor, und zwar in der Reihe „Reisepoesie“. Über die in Form eines YouTube-Videos auf der Seite eingebundene Rezitation des Werkes will ich schweigen, und dass die Übersetzung von Stefan George den Charakter des Werkes arg verändert, hätte man über die Andeutung hinaus auch noch ein wenig ausführen können, aber jetzt mal ganz grundsätzlich: Das ist doch keine „Reisepoesie“. Da könnte man ja auch Böcklins „Toteninsel“ unter der Rubrik „Schnappschüsse aus dem letzten Urlaub“ verbuchen. Wenn die Visionen des Exotischen, die sich vor dem inneren Auge des lyrischen Ich entfalten, eine Reise sind, dann ist so ziemlich jedes Gedicht „Reisepoesie“. Aber gut. Ist ja nicht mein Blog.

Obwohl ich in der Schule Französischunterricht genossen und auch später verschiedentlich halbherzige Versuche unternommen habe, mir die Sprache anzueignen, hat sie für mich immer eine große Fremdheit behalten. Die mysteriöse Aussprache, die wunderlichen Worte sind für mich ebenso schön wie eigenartig, so dass ich die Lyrik Baudelaires immer wie einen Maya-Kalender genossen habe: Es ist schön, aber es bleibt mir fremd. Natürlich trage ich eine große Sehnsucht nach Vertrautem in mir, andererseits ist es auch schön, sich Fremdes wie ein Geheimnis zu bewahren, und PARFUM EXOTIQUE ist für mich der Inbegriff dieses vertrauten Fremden.

Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d’automne,
Je respire l’odeur de ton sein chaleureux,
Je vois se dérouler des rivages heureux
Qu’éblouissents les feux d’un soleil monotone;

Une île paresseuse où la nature donne
Des arbres singuliers et des fruits savoureux;
Des hommes dont le corps est mince et vigoureux,
Et des femmes dont l’œil par sa franchise étonne.

Guidé par ton odeur vers de charmants climats,
Je vois un port rempli de voiles et de mâts
Encor tout fatigués par la vague marine,

Pendant que le parfum des verts tamariniers,
Qui circule dans l’air et m’enfle la narine
Se mêle dans mon âme au chant des mariniers.

Sieht ein bisschen wie ein Warnhinweis auf dem Buchumschlag aus: "Essen Sie keine unbekannten bösen Blumen, sonst sehen Sie so aus." Ich liebe dieses Porträt von Baudelaire (Bild von www.de.wikipedia.org)
Sieht ein bisschen wie ein Warnhinweis auf dem Buchumschlag aus: „Essen Sie keine unbekannten bösen Blumen, sonst sehen Sie so aus.“ Ich liebe dieses Porträt von Baudelaire (Bild von www.de.wikipedia.org)

Der Sprecher atmet das Parfum ein, l’odeur, ein Wort, viel größer als der deutsche ‚Geruch‘, das von ihrer Brust – oder ist es ihr Schoß – aufsteigt. Und dieses Parfum erblüht zu einem Paradies, zu einer Südseeidylle, in der körperlich und geistig schöne Menschen leben. Wahrscheinlich identifiziert sich der Sprecher eher mit den Matrosen der in den Hafen der Insel einfahrenden Schiffe, als mit den Einwohnern der Südseeinsel – das ist dann wohl schon eher seine Angebetete – und insofern ist das Ganze natürlich ein sehr klischeehaft-koloniales Bild, die Frau ist das fremde, schöne aber wilde Wesen, das vom militärisch-geschäftstüchtigen Mann erobert wird. Aber, und das meine ich nicht zynisch, es ist große Poesie, wie das Parfum sich ins Bild und das Bild sich in die Musik der singenden Matrosen verwandelt. Mir jedenfalls geht bei der bloßen Idee dieses Tamariskenaromas das Herz auf.


Anwendungsgebiete: Sinusitis

Einnahme: Auch wenn das ein bisschen Übung erfordert, lesen Sie es laut. Idealerweise können Sies nach ein paar Mal auswendig. Und dann öffnen sich sämtliche Hohlräume des Kopfes.

* Dieser Einleitungshalbsatz ist der dämlichste seit langem. Ich gelobe Besserung, lasse ihn aber aus Protest gegen die Zuweisung des Baudelaire-Werkes zum Genre der „Reisepoesie“ stehen.

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