24.05. +++ Gestörte Kommunikation

We are red, we are white, we are - manchmal ein bisschen missverständlich, jedenfalls für einen deutschen Grummelkommissar. (Lisa Werlinder als Kommissarin Einigsen und Axel Nilberg als Borowski. Bild von www.daserste.de, Fotografin: Marion von der Mehren)
We are red, we are white, we are – manchmal ein bisschen missverständlich, jedenfalls für einen deutschen Grummelkommissar. (Lisa Werlinder als Kommissarin Einigsen und Axel Nilberg als Borowski. Bild von www.daserste.de)

Politisch oder Privat? Staatsaktion oder bürgerliches Trauerspiel? Berühren uns menschliche Konflikte in privater Nahaufnahme mehr als in der großen politischen Arena? BOROWSKI UND DER BRENNENDE MANN, ein Kieler Tatort von 2013, der am heutigen Sonntag Abend wiederholt wird, stellt in vielerlei Hinsicht ein Gegenmodell zu dem neuen Ludwigshafener Tatort ROOMSERVICE dar, der am Pfingstmontag Abend gesendet wird. Zwei sehr gute Krimis, zwei sehr gute Casts – welches Modell überzeugt mehr? In einem zweiteiligen Blogbeitrag gehe ich heute und morgen dieser Frage nach.

Mit nacktem Finger: Borowski (Axel Milberg, re), beschuldigt Schladitz (Thomas Kugel), ihm etwas zu verheimlichen (Bild von www.daserste.de, Fotografin: Marion von der Mehren)
Mit nacktem Finger: Borowski (Axel Milberg, re), beschuldigt Schladitz (Thomas Kugel), ihm etwas zu verheimlichen (Bild von www.daserste.de)

Eigentlich sind das doch zwei ganz charmante Männer: Sowohl Kommissar Klaus Borowski als auch sein Vorgesetzter Kriminalrat Schladitz sind kultiviert, immer ganz gut gekleidet, intelligent – und ja, sie sind wahrscheinlich beide ab und zu ein bisschen zu grummelig, zu unkommunikativ, vor allem gegenüber ihren weiblichen Kollegen. Aber es sind ja auch Männer, was soll also die Kritik. Der Spaß an der Grummeligkeit hört freilich auf, wenn es die Beziehung untereinander betrifft. Dass Borowski mit seiner jungen Kollegin Sarah Brandt nicht so brillant auskommt, gut, aber dass sein Kollege und Freund Schladitz ihm jetzt ganz offensichtlich etwas verheimlicht, trifft Borowski tief. Der Anlass: Schladitz wird Zeuge, wie ein Kindheitsfreund, heute Leiter einer Deutsch-Dänischen Schule beim „Luciafest“, einem Sonnwendfeierfest im Dezember, plötzlich in Flammen steht und verbrennt. Aber er rückt nicht mit der Sprache heraus, er sagt nicht, was ihn zu diesem Fest gelockt hat und was es mit einem alten Foto auf sich hat, auf dem er mit dem brennenden Mann und einigen anderen Kindern zu sehen ist. Ein plötzliches Verstummen, dass Borowski schockiert.

Erneuter Anlass für Missverständnisse: Der Unfall (Bild von www.daserste.de, Fotografin: Marion von der Mehren)
Erneuter Anlass für Missverständnisse: Der Unfall (Bild von www.daserste.de)

Brandt und Schladitz haben einen Autounfall, der nicht nur den Oberschenkel des Kriminalrats, sondern auch das Verhältnis zwischen Borowski und Brandt zertrümmert: Hat sie trotz ihrer Epilepsie den Wagen gesteuert und den Unfall verursacht? Nur mühsam finden sie einen modus vivendi, um weiter zusammen zu arbeiten. In dieser trüben Stimmung kommt Borowski die junge Kriminalkommissarin Einigsen, in deren Zuständigkeitsbereich der Mord geschehen ist, mehr als gelegen. Während Schladitz im Koma liegt, ermitteln sie zu dritt, und dringen in ein wohlvertuschtes Geheimnis in der Vergangenheit vor. Ein von Kindern verübter Brandanschlag auf Flüchtlinge in den sechziger Jahren – die Kinder von dem Foto – bei dem ein Haus niederbrannte und eine Familie zu Tode kam. Fast. Ein Junge überlebte. Der Verdacht liegt nahe, dass er jetzt späte Rache an den Tätern nimmt. Als Borowski dem vermeintlichen Täter eine Falle stellen will, kommt dabei fast sein Freund Schladitz ums Leben. Fast.

Blick in die Vergangenheit: Fremdenfeindlichkeit vergiftet Kinder  (Bild von www.daserste.de, Fotografin: Marion von der Mehren)
Blick in die Vergangenheit: Fremdenfeindlichkeit vergiftet Kinder (Bild von www.daserste.de)

Natürlich ist dieser Krimi keine rein private Angelegenheit. Immerhin ist der Hintergrund der Tat die lang andauernde Fremdenfeindlichkeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erzeugt durch Flucht und Vertreibung, eine Haltung, die sich von der Elterngeneration auf die schreckliche Tat einiger Kinder durchschlägt. Die Verdrängung, die Misskommunikation über dieses Thema ist selbstverständlich ein gesellschaftliches Thema, das der deutschen Gesellschaft nur allzu vertraut ist. Und doch steht die private Kommunikation sehr deutlich im Vordergrund, denn das Leitmotiv der Misskommunkation wird auf vielen Ebenen und zwischen fast allen Beteiligten des Tatorts durchgeführt: Auf sehr komische Weise etwa zwischen Borowski und Einigsen, deren dänisch-offene Art der grummelige Deutsche als sexuelle Avancen missversteht und hochnotpeinlich berührt ist, als sie das Missverständnis freundlich auflöst. Das ist sehr privat, insofern irgend etwas privat sein kann, das im Fernsehen gesendet wird. Privat wird der Tatort auch durch seine Verortung in der schleswigschen Provinz, das Setting auf dem Land, einige Kinder als (ursprüngliche) Täter, später eine psychisch Kranke als Mörderin – all dies macht den Film keineswegs schlecht, sondern folgt dem Prinzip des „Einzelschicksals“, das auf Grund dessen, dass es so spezifisch ist, allgemeine menschliche Züge offenbart. So ein bisschen wie in EMILIA GALOTTI: Da geht es auch nicht um eine bestimmte, bekannte historische Figur, sondern um eine Frau „wie du und ich“, mit der das weibliche Publikum sich vielleicht leichter identifizieren kann, als mit Maria Stuart.

Fest steht: Mit BOROWSKI UND DER BRENNENDE MANN ist Drehbuchautor Daniel Nocke und Reigsseur Lars Kraume ein ebenso klug gebautes wie effektiv in Szene gesetzter Krimi gelungen, der das Thema der gestörten Kommunikation auf allen Ebenen umsetzt – inklusive im Titel. Denn was ist dieser „brennende Mann“ als ein beliebiges Symbol? Die Titelei der NDR-Tatorte macht mir noch immer ein bisschen zu schaffen, und bei aller Hommage an Maigret – die Krimis sind bei weitem nicht so altbacken, wie die Titel klingen.

Anwendungsgebiete: Heiserkeit.

Einnahme: Wenn man heiser ist, sollte man immer ökonomisch kommunizieren. Was heißt, dass man erst denkt und dann redet. Dieses Nachdenken übers Reden wird von BOROWSKI UND DER BRENNENDE MANN sicher angeregt, wenn Sie sich die Folge nochmal anschauen.

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