25.01.+++ Seelenlandschaft

Adonis, DER WALD DER LIEBE IN UNS, erschienen bei Jung und Jung, 2013
Adonis, DER WALD DER LIEBE IN UNS, erschienen bei Jung und Jung, 2013

Ich brauche Ruhe, um zu lesen. Spezifische Geräusche, ein laufender Fernseher, ein Gespräch, machen es mir unmöglich, mich zu konzentrieren, während ich in einem Café oder in der U-Bahn problemlos lesen kann. Na jedenfalls meistens, und das geht wahrscheinlich den meisten Leuten so. Aber für unterschiedliche Arten von Literatur gelten unterschiedliche Regeln. Ein Roman holt mich überall ab, er hat viele Türen, ist ein guter Kumpel. Theaterstücke haben in der Regel mehrfach gespaltene Persönlichkeiten, die leicht auf dem falschen Fuß erwischt werden können und einem das Leben nicht immer einfach machen. Na und Gedichte sind scheue Tiere, deren Zutrauen man sich erst langsam und vorsichtig, durch viel miteinander verbrachte Zeit, erarbeiten muss, bevor sie einen näher ranlassen. Klar, es gibt überall Ausnahmen von der Regel, aber so kenne ich die Bewohner meines Bücherregals im Großen und Ganzen. Heute konnte ich die erste Bekanntschaft einer neuen Familie von Lyrik machen, die wieder viel Zeit brauchen werden, und eigentlich kann man nach so kurzer Zeit nichts Gerechtes über sie sagen. Aber das hier ist kein Blog, in dem es um letztgültige Wahrheiten geht, sondern ums tägliche Durchwurschteln durch die Kultur. Falls ichs noch nicht gesagt habe: ich glaube mir keineswegs alles, was ich sage, und das kann ich jedem Leser ebenfalls nur empfehlen. Nicht nur bei diesem Blog.

Tränen„Die Tränen hängen ihre zersplitterten Spiegel / Unter ihren Wimpern auf.“ Bilder wie dieses machen DER WALD DER LIEBE IN UNS des syrischen Dichters Adonis, der freilich seit vielen Jahrzehnten in Paris lebt, zu einem Schatzkästchen. Der Vierundachtzigjährige hat darin Liebesgedanken gesammelt, wertvoll und von großer Anmut; gleichzeitig wirken sie archaisch, aus der Zeit gefallen, wie Fundstücke von einer Ägäisinsel vor zweieinhalb tausend Jahren. Bäume, Sterne, Morgenröten – die Welt des durchweg männlichen Denkers dieser Verse scheint viel mit einer einfachen Natur und wenig mit einem Leben in der Massengesellschaft zu tun zu haben. Es ist alles auf den eigenen und den geliebten Körper reduziert, und die Spuren, die sie in einander und in der Natur hinterlassen. Der Seelennatur, die bei Adonis die Form der Landschaft seiner Kindheit (?) angenommen hat. Denn vor meinem inneren Auge stellen sich Kinderbilder ein, einfache Dinge, die sich unwirklich verschlingen und dabei zuweilen aufglänzen. Das ist eine universelle Sprache, die über jede Grenze hinweg verstanden wird und verbindet, eine Sprache, die der Dichter offenbar errungen hat und hütet: „Lasst, o meine Lippen, sie nicht heran / Lasst die Sprache der Vernunft nicht heran.“ Ich weiß nicht, wie der Lyriker zu dieser Skepsis gegenüber einer anderen als der seinigen Sprache gekommen ist, aber seine kleine Natur, die natürlich riesig, aber eben doch von ungemalten Zäunen begrenzt ist, wirkt zumindest intakt, heil, geborgen. So bewahrt er an diesem Erinnerungsort keineswegs nur vergangenes, sondern auch Zukunft auf. Ein Ort, an dem viele Besuche lohnen – und wären es nur Stippvisiten.image


Anwendungsgebiete: Übersäuerung

Einnahme: Wie eine Heilerde in heiße Getränke einrühren, nicht zu viel nehmen. Und natürlich den Stress reduzieren, der die viele Säure verursacht, sonst hilfts nix.

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