25.03. +++ Lebenslehrer

Ein Mann ohne Probleme: Falstaff, das "Weinfass auf zwei Beinen" (Bild von www.it.wikipedia.org)
Ein Mann ohne Probleme: Falstaff, das „Weinfass auf zwei Beinen“ (Bild von www.it.wikipedia.org)

Letzte Woche haben wir gelernt, dass kurz vor 1400 ein nicht so richtig entscheidungsfreudiger König namens Richard II. auf dem englischen Thron saß. Er kam bei den Adligen und beim Volk nicht so richtig gut an, deshalb setzte sein Cousin Henry Bolingbroke ihn ab, ließ ihn hinrichten und wurde damit Heinrich IV. Weil sein Vater Herzog von Lancaster gewesen war, begründete er das Haus der Lancasters, das sind die mit der roten Rose. Jetzt gehen die Probleme leider oder zum Glück weiter, und Shakespeare machte daraus HENRY IV. Weil der vierte Heinrich so viele Probleme hatte, sogar gleich einen Zweiteiler. Nach der Ermordung von Richard II. kam es immer wieder zu Unruhen. Die Aufständischen, unter Ihnen der junge Henry Percy, genannt „Heißsporn“ scharten sich um den designierten Erben des abgesetzten Ex-Königs Richards, Edmund Mortimer. Von ihm leitete sich später übrigens das Haus York ab, die mit der weißen Rose. 

Wer könnte es Prinz Heinz verdenken, dass er seine Jugend lieber mit dem gemütlichen Falstaff als mit seinem verhärmten Vater Heinrich IV. verbringt? (Bild von www.en.wikipedia.org)
Wer könnte es Prinz Heinz verdenken, dass er seine Jugend lieber mit dem gemütlichen Falstaff als mit seinem verhärmten Vater Heinrich IV. verbringt? (Bild von www.en.wikipedia.org)

Der König, Heinrich IV. hat einen Sohn, der auch Heinrich heißt. Um Verwechslungen vorzubeugen, wird er Prince Hal genannt, in deutschen Übersetzungen trägt er meist den schönen Namen „Heinz“. Der ist gerade im Teenageralter und treibt sich, zum Ärger seines Vaters, hauptsächlich in Kneipen und Bordellen herum, und zwar in der Regel mit einem Kumpanen namens Sir John Falstaff. Dieser fette Ritter, liebevoll „ein Weinfass auf zwei Beinen“ genannt, ist, um es milde auszudrücken, ausschließlich der sinnlichen Seite des Lebens zugetan. Er frisst, säuft, hurt, faulenzt, drückt sich vor Pflichten, prellt seine Zeche, zahlt seine Schulden nicht, ja er stiehlt sogar, wenn er Geld braucht. Was ihm an Moral fehlt, das macht er durch schiere Lebensfreude wieder wett. Prinz Heinz ist fasziniert von diesem Bohemien und seinem unbeschwerten Leben, und gerade das Streiten mit ihm macht ihm einen Heidenspaß. Als Falstaff einige Pilger ausraubt nimmt Heinz ihm die Beute verkleidet seinerseits ab und schlägt ihn in die Flucht. Später mit seiner Feigheit konfrontiert, fabuliert Falstaff eine fantastische Geschichte zusammen, und selbst als Heinz ihn als Lügner entlarvt, windet sich der geistreiche Fettwanst noch aus der Bredouille. Wenig später wird Heinz zu seinem Vater zitiert. Die Lage ist ernst, die Rebellen haben ein Heer zusammen gezogen und der König macht seinem Sohn schwere Vorwürfe wegen seines losen Lebenswandels – er wünscht sich eher Henry Percy, den Heißsporn zum Sohn, obwohl er sein ärgster Feind ist. Prinz Heinz ist schockiert und verspricht, sich auf dem Schlachtfeld zu beweisen. Es kommt zur historischen Schlacht von Shrewsbury (1403). Falstaff hatte den Auftrag, eine Kompanie Männer auszuheben, aber er hat alle brauchbaren Soldaten sich loskaufen lassen und das Geld eingesteckt. Übrig blieb eine Handvoll Gurken, die er jetzt in die Schlacht schickt – er nennt sie zynisch „Food for Powder“ – „Kanonenfutter“. Als er von Prinz Heinz zum Kämpfen aufgefordert wird, sagt er:

„Die Ehre treibt mich an. Ja, aber was wenn die Ehre mich abtreibt, wenn ich angreife? Kann die Ehre ein Bein ansetzen? Nein. Oder einen Arm? Nein. Was ist Ehre? Ein Wort. Was ist diese Ehre? Luft. Wer hat Ehre? Der, der letzten Mittwoch starb. Aber lebt sie nicht bei den Lebenden? Nein. Deshalb mag ich sie nicht. – Ehre ist nichts als ein Grabstein und so endet mein Katechismus.“

Die beiden Henrys, Prinz Heinz und der Heißsporn treffen aufeinander – und der Prinz tötet gegen jede Wahrscheinlichkeit den Rebellen. Im Anschluss besitzt Falstaff noch die Frechheit zu behaupten, er hätte den Heißsporn erledigt. Im zweiten Teil des Stückes wird der Rest der Rebellen beseitigt und der König stirbt. Prinz Heinz wird zum König gekrönt und jetzt sieht Falstaff seine Stunde gekommen – er ist sich sicher, dass sein Ziehsohn ihn zu einem reichen und mächtigen Berater machen wird. Aber Heinz ist erwachsen geworden. Er sagt sich öffentlich von Falstaff los und droht ihm mit Haft, wenn er sich nicht bessert. Und Falstaffs fettes Herz bricht. Heinz jedoch wird Heinrich V., auch bekannt als Kenneth Branagh, einer der erfolgreichsten Könige der englischen Geschichte, der die französische Krone für die Insel zurück eroberte.

Was können wir von diesem ungleichen Gespann von Lehrer und Schüler lernen? Nun, im Unterschied zu dem intellektuellen Dänenprinzen studiert der englische Thronfolger eher in der Universität des Lebens. Da sein leiblicher Vater kein besonders guter Spielkamerad ist, eher ein bisschen spaßfeindlich, kränklich und (wegen der gottlosen Hinrichtung seines Vorgängers) depressiv, sucht er sich in dem in jeder Hinsicht maßlosen Lebemann Falstaff einen Ersatzvater. Dieser unterrichtet ihn einerseits in jeder Disziplin der Lebensfreude, aber er ist andererseits auch ein hervorragender Sparringpartner beim Training von Geist und Schlagfertigkeit. Die Kneipen und Bordelle von Eastcheap sind die „pädagogische Provinz“, in denen der junge Prinz das Leben und das Streiten lernt – in jeder Hinsicht rebelliert, und dabei seinen eigenen Standpunkt findet. Papa Heinrich IV. nimmt sich zu ernst, um erfolgreich zu sein und glücklich zu werden. Die Jugend von Prinz Heinz und die Zeit, die er mit Falstaff verbringt, ist jedoch in der Tat eine Lehre fürs Leben. Daraus folgt: (1) Die idealen Lehrer gehen mit ihren Studenten auch mal einen trinken. (2) Streitkultur ist das vielleicht wichtigste Studienfach. (3) Menschen sind in der Regel dann glücklich und erfolgreich, wenn sie einen Rhythmus im Leben finden – Rebellion hat ihre Zeit, Verantwortung hat ihre Zeit.


Anwendungsgebiete: Dehydrierung

Einnahme: Die beiden Bände von HENRY IV. ziehen auf Grund der Anwesenheit von Falstaff Flüssigkeit an. Wenn Sie die Stücke lesen, werden Sie automatisch einen solchen Durst (nach Leben) verspüren, dass Sie im Nu mindestens Ihre ärztlich gebotene Flüssigkeitsmenge aufnehmen.

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