25.05. +++ Tagesmotto

"Alle Menschen sind gleich"? - Täter und Opfer sind es nicht. (Nilaa Farooq und Anima Fehrenbacher. Bild www.daserste.de)
„Alle Menschen sind gleich“? – Täter und Opfer sind es nicht. (Nilaa Farooq und Anima Fehrenbacher. Bild www.daserste.de)

Es bestand eigentlich noch kein Anlass für Häme, aber als der Manager des Luxushotels beim Morgenappell seinen Zimmermädchen das Tagesmotto „Alle Menschen sind gleich.“ ein Zitat von Voltaire, vorlas, da hatten mich die Drehbuchautoren Stefan Dähnert und Patrick Brunken schon in der Tasche. Dieses Bild von der Menschheitsteilung in Untergebene, die wie pakistanische Nähmaschinchen laufen und anzugtragende Herrenmenschen, die sie wie Feldwebel herumkommandieren und dazu das aufklärerische Zitat, das war ein genialer Gegensatz, die perfekte dramatische Ironie. Vom zu lösenden Mordfall bis zum Zickenkrieg im Polizeirevier – ein kritischer, ein politischer Tatort, der als ROOMSERVICE aus Ludwigshafen geliefert wurde, und zwar mit Heinescher Pointiertheit: „Sie tranken heimlich Wein / Und predigten öffentlich Wasser.“

Naiv oder einfach nur erfolgreich? Johanna Stern, gespielt von Lisa Bitter (Bild von www.daserste.de)
Naiv oder einfach nur erfolgreich? Johanna Stern, gespielt von Lisa Bitter (Bild von www.daserste.de)

Es könnte für Lena Odenthal eigentlich ein ganz entspannter Mord werden – gut, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Na jedenfalls ist Ulrike Folkerts’ Kommissarin noch relativ gut gelaunt, bis ihr direkt am Tatort, einem Luxushotel, Johanna Stern über den Weg läuft. Das Sonnenscheinchen vom LKA, das die Ludwigshafener Kriminalpolizei längere Zeit lang als Urlaubsvertretung heimgesucht und wieder verlassen hat, ist nicht selten mit der sehr temperamentvollen Odenthal zusammengestoßen. Dass sie „zufällig“ am Tatort ist, um eine Gefährdungsanalyse für den Hauptverdächtigen, den EU-Kommissar Sattler, zu erstellen, glaubt Odenthal nicht, und umgekehrt stößt sich Stern an deren Einmischungsängsten, immerhin wollen sie doch alle dasselbe. Ein Zimmermädchen ist tot, wie sich herausstellt, hatte sie kurz zuvor einvernehmlichen (?) Sex mit dem EU-Kommissar, aber wenig später stürzte sie durchs Treppenhaus in den Tod. Ist Sattler der Täter? Stern schießt sich schnell auf diese Hypothese ein, lanciert sogar eine Pressemitteilung, was Odenthal völlig auf die Palme bringt, da sie glaubt, es handle sich um eine Verschwörung gegen den Politiker. Als Stern die Leitung des Falls übertragen wird, eskaliert die schlechte Laune auf allen Seiten, was sich selbst bei der sonst so beherrschten Fallanalytikerin zeigt, die plötzlich ihre Untergebenen anschnauzt. Leitungsposition = männliches Dominanzgebaren? Ein weiteres kleines Detail anhand dessen das große Thema des Tatorts, nämlich sexual politics, durchexerziert.

Hat sich da Günther Oettinger ein zweites Standbein als Schauspieler aufgebaut? Nein - und das ist auch nicht der EU-Kommissar, sondern der Hotelmanager, der von David C. Brunners hübsch widerlich gespielt wird. (Foto von www.daserste.de)
Hat sich da Günther Oettinger ein zweites Standbein als Schauspieler aufgebaut? Nein – und das ist auch nicht der EU-Kommissar, sondern der Hotelmanager, der von David C. Brunners hübsch widerlich gespielt wird. (Foto von www.daserste.de)

Die Komposition der Hauptfigur, EU-Kommissar Sattler, verdient eine besondere Würdigung. Schon im Beschreibungstext des SWR wird darauf hingewiesen, dass die Affäre derjenigen um den ehemaligen IWF-Präsidenten Dominique Strauss-Kahn nachempfunden ist. Aber natürlich muss jeder Zuschauer auch an den ehemaligen, nach Brüssel „weggelobten“ baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger denken, dessen Abgang 2010 den Niedergang der Südwest-CDU einleitete. Von diesen Machtmenschen und ihrem schwierigen Privatleben inspiriert, treibt der fiktive Sattler die Heuchelei freilich auf die Spitze: Als EU-Kommissar will er einen Gesetzentwurf zur Frauenquote in Führungsetagen von Großunternehmen durchsetzen, während er vorher schnell noch ein Zimmermädchen gegen Geld flachlegt, und das auf Vermittlung der Hotelleitung. Dabei hat er freilich nicht damit gerechnet, dass diese im Dienst seiner politischen Feinde steht und eine Vergewaltigung inszenieren will. Peter Sattmann spielt den Politiker als perfekten Schauspieler, der sich selbst bei einem kurz danach statt findenden Fernsehauftritt kaum etwas anmerken lässt, nach ein paar Gläsern Rotwein zu Hause jedoch alle Zivilisationshüllen fallen lässt und sogar versucht die Ermittlerin Stern zu missbrauchen. Nicht weniger beeindruckend agiert Suzanne von Borsody als Ehefrau Sattlers, die seine Komplizin gleich in mehrfacher Hinsicht ist. Wäre Macht eine Droge, müsste man wohl von ko-abhängigem Verhalten sprechen, das hier gezeigt wird, so bereitwillig deckt und vertuscht sie die Taten ihres Mannes.

Das ist er der noch bösere Bösewicht - obwohl. Sind sie eigentlich alle: Peter Sattmann aka Joseph Sattler aka Dominique Strauss-Kahn (Bild von www.daserste.de)
Das ist er der noch bösere Bösewicht – obwohl. Sind sie eigentlich alle: Peter Sattmann aka Joseph Sattler aka Dominique Strauss-Kahn (Bild von www.daserste.de)

Der Geschlechterkampf spielt jedoch in ROOMSERVICE nicht nur zwischen Frauen und Männern, und der Krimi ergreift weder für noch gegen die Frauenquote eindeutig Partei. Vielmehr thematisiert er eines der wichtigsten Felder der Sozialpolitik, die Frage nach dem Recht auf Repräsentation, und setzt sich auf spannende Weise damit auseinander. Das ist zunächst eine aufklärerische Vorgehensweise, vielleicht im Sinne Voltaires, und sie wählt den umgekehrten Weg wie der Kieler Tatort BOROWSKI UND DER BRENNENDE MANN: Die politische Arena steht im Zentrum des Interesses, die privaten Konflikte zwischen den Kommissarinnen Odenthal und Stern sind höchstens Nebenkriegsschauplätze. Wie in einem der besseren Shakespearestücks verweben sich Haupt- und Nebenhandlung hier um dasselbe Thema und beleuchten unterschiedliche Aspekte. Die Perspektive ist größer als bei der Geschichte aus der Provininz; Ludwigshafen ist durchaus eine Großstadt. Freilich birgt diese Herangehensweise auch größere Risiken: Wer zuviel gesellschaftliche Aufladung in einen Tatort packen will, kann damit ähnlich scheitern wie z.B. die Macher von FREDDY TANZT. Im Falle von ROOMSERVICE ist das große politische Thema und seine Umsetzung brillant gelungen und überstrahlt damit den ebenfalls nicht schlechten Kieler Tatort bei weitem. Auch das Ensemble, allen voran Ulrike Folkerts, konnte in dieser Episode wieder einmal richtig glänzen. Einen Nachteil hat die Beschäftigung mit mehr oder weniger aktuellen politischen Großthemen freilich: Ihre Halbwertzeit lässt die Tatorte eher veralten – das kann dem BRENNENDEN MANN nicht so schnell passieren.


Anwendungsgebiete: Hornhautverkrümmung.

Einnahme: Wenn ich die Brille abnehme, sehe ich erstens unscharf und auch ein bisschen doppelt. Ein gutes Mittel, um Doppelsichtigkeit, Heuchelei und was dergleichen doppelte Standards mehr sind, zu vermeiden, ist der regelmäßige Realitycheck von politischen Zielen und Privatleben. Es muss nicht gleich in einen Mord ausarten, lassen Sie sich einfach durch nochmaliges Ansehen von ROOMSERVICE inspirieren.

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