26.01. +++ Beschwerde!

Björk, BIOPHILIA (2011, Foto: Wikipedia)
Björk, BIOPHILIA (2011, Foto: Wikipedia)

Die Wucht ist erschreckend; ich würde nicht wagen, diese Musik laut in einem großen Raum zu hören, am Ende stürzt noch die Decke ein. Oder die Mauern von Jericho. Ich meine das völlig positiv: BJÖRK ist keine Abrissbirne, aber so kompromisslos geradlinig in Wahl und Einsatz ihrer Mittel, dass sie auch mit klarem Wasser Schreckliches anrichten könnte. Ich habe mir heute den Schleuderwaschgang BIOPHILIA gegönnt, Björks vorletztes Album, von 2011, und bin völlig ohne LSD in einem sehr bunten Land der modernen Sagen gelandet, in dem ununterbrochen Techno neben archaischen Saitenklängen, solo a capella Gesang neben atmosphärischen Vokalflächen geboren wird und wieder vergeht. Und keine dieser Geburten ist leicht, alles scheint sich die Künstlerin abzuringen, zu stemmen, zu wuchten. Unter dem Doppelten ihres eigenen Körpergewicht macht sies nicht, hier ist nichts leicht hingetupft, hier schlagen Meteoriten ein und Vulkane explodieren. Es wäre ein Leichtes, diese Schwere auf die Natur ihrer Heimat Island zurück zu führen, aber eben auch stereotyp. Was diese Frau veranstaltet ist jedoch in jeder Hinsicht untypisch, völlig frei und nur in einer Hinsicht gleichförmig: In der Intensität und Expressivität. Ich verstehe in einem Stück nur jeweils einzelne Worte, ich kann den Zusammenhang einer Story nicht herstellen, und zu meiner Überraschung stört es mich überhaupt nicht. Wenn ich die Texte nachlesen würde, würde das den mythischen Zauber verkleinern. Und jetzt ein Sakrileg: Während ich Björk auf dem Kopfhörer habe, läuft im Fernsehen DAS DSCHUNGELCAMP. Geht gar nicht? Ich sag euch was: es wirkt Erstaunliches. Eine Busfahrt am grauesten Wintertag würde diese Musik in ein Wunderland verwandeln. Und die Unerheblichkeit der Fernsehkasper wird mit unwiderstehlicher Gewalt auf ein Niveau gehoben, das fast menschlich wirkt. Ich bin beeindruckt, beseelt von dieser Gabe, die darin besteht, es nicht einfach zu machen, sondern schwer. Was für eine massive Aussage im Zeitalter der Leichtigkeit, an die unter dem Diktat der Easiness Abgehobenen: Sie beschwert den Zuhörer, zieht ihn zum Erdigen, zum Ozean. Ihr Englisch: das schwere nordisch rollende „r“, jedes deutlich ausgepresste „th“, als wollte sie um keinen Preis einen Laut verlieren, den sie so mühevoll aufgesammelt hat. Und so feiert sie das Material ihrer Klänge, die Materie, aus der sie stammen, aus der wir alle stammen, hymnisch, das Leben. Großartig.


Anwendungsgebiete: Durch Blähungen oder Luft im Kopf verursachte Hypervolatilität

Einnahme: Mit sehr dichten Kopfhörern und ausreichend Sicherheitsabstand von dünnwandigen Gläsern anhören.

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