26.03. +++ Siegfried im Schlachthaus

Da röchelt er noch (der Drache): Siegfried (Jakob Geßner) auf dem Weg in die Drachenwurstküche (Foto Arno Declair, Volkstheater München)
Da röchelt er noch (der Drache): Siegfried (Jakob Geßner) auf dem Weg in die Drachenwurstküche (Foto Arno Declair, Volkstheater München)

Der ehemalige (?) deutsche Nationalheld Siegfried ist für eine legendäre Metzgerleistung berühmt: einen Drachen heroisch und fachgerecht zu filetieren. Das Metzgerhandwerk haben die Macher von SIEGFRIED am Volkstheater zum Leitmotiv erhoben, denn in der Generalprobe der Uraufführung wird die Heldenfigur so lustvoll und gnadenlos zerlegt, dass Kot, Schweiß und Tränen fliegen. Wer alles Wagnerianische von den Heldenknochen pflücken möchte, wird seinen Spaß haben, an diesem Abend.

Christian Stückl, der Intendant des Volkstheaters und Regisseur des Abends, begrüßt sein Publikum immer freundlich; vor der Beginn der heutigen Generalprobe erzählt er jovial, wie er vor zwei Jahren mit dem Autorengespann Feridun Zaimoglu und Günther Senkel anlässlich der Produktion von MOSES in Oberammergau zusammen saß und die Herren beschlossen, sich hinfort nicht nur um biblische Figuren zu kümmern, sondern beispielsweise auch um Siggi. „Kümmern“ kann bei Zaimoglu/Senkel ein bisschen ungemütlich aussehen, denn, ums gelinde auszudrücken: Sie werfen einen kritischen Blick auf den deutschen Superman aus den Niederlanden. Dabei fängt alles so harmlos an. Der junge Siggi (Jakob Geßner) ist noch nicht im regierungsgeschäftsfähigen Alter, sondern soll sich mit Hilfe seines Strickjacken-bewehrten Oberstudienrats (Robert Joseph Bartl) humanistisch bilden, aber was einmal ein Held werden will, denkt natürlich nur an Sex, Mord und Death Metal. Und so serviert er den Hauslehrer auch mit Hilfe einer Sexlügengeschichte ab, probt ein bisschen den Aufstand gegen Papa (Frederic Linkemann), und wird dafür in den Wald geschickt, um bei dem Schmied Mimer dessen Handwerk zu lernen. Dieser Altrocker beherrscht das Schmieden von Geschichten und das Mimen der Heldenrolle jedoch viel eindrücklicher als die Metallbearbeitung, und bei Mimers mitreißend von Oliver Möller vorgetragenem Seemannsgarn nimmt das Stück zum ersten Mal fahrt auf und der junge Siggi hat endlich den Lehrmeister für seine Bestimmung gefunden. Denn auch wenn noch einige Heldenuntaten folgen werden: Eigentlich gehts Jakob Geßners Siegfried um die Heldenpose und die damit einhergehende Bewunderung.
 
Nachhaltige Viehwirtschaft: Bei einem toten Drachen muss man nichts wegschmeißen, auch wenn das niederländische Königshaus vergeblich nach den Kronjuwelen des Untiers fahndet (Bild von www.sueddeutsche.de)
Nachhaltige Viehwirtschaft: Bei einem toten Drachen muss man nichts wegschmeißen, auch wenn das niederländische Königshaus vergeblich nach den Kronjuwelen des Untiers fahndet (Bild von www.sueddeutsche.de)

Nachdem Siggi die beiden Nibelungen Schilbung und Nibelung getötet und so ihren Hort, das Drachenfiletiermesser und gleich noch den Zwerg Alberich (Jona Bergander) geerbt hat, absolviert er die zentrale Leistung der Drachentötung, um fortan mit Kettenhose und freiem Oberkörper aufzutreten – wahrscheinlich eine Konzession an den für Metzger vorgeschriebenen Kettenhandschuh. Die umfangreichen Drachenleichenteile, die jetzt inspiziert werden (und von einem weiblichen Exemplar der Gattung stammen!) erklären, warum das Bühnenbild (Stefan Hageneier) vor- und nachher aus einem zentralen Hügelchen besteht, denn darunter liegt eben das Drachenfrikassee. Dieser Haufen auf der Bühne, der von der Form her eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Maulwurfshügel besitzt und farblich zwischen dunkelbraun und rötlich changiert, ist aber auch eine zentrale Metapher des Abends. Denn dass Siegfried sich zu allen Figuren um ihn herum Scheiße verhält und im allgemeinen nur Scheiße von sich gibt, wird in Bild, Wort und Tat verdeutlicht.

Traumpaar 1: Der selbstverliebte Siggi und die mannstolle Kriemhild (Magdalena Wiedenhofer) (Foto von Arno Declair, Volkstheater)
Traumpaar 1: Der selbstverliebte Siggi und die mannstolle Kriemhild (Magdalena Wiedenhofer) (Foto von Arno Declair, Volkstheater)

Zaimoglu und Senkel haben keine sprachlichen Berührungsängste, weder mit Pathos und Kitsch, noch mit den Abgründen der sexistischsten Gewaltsprache. Dass sie kulturellen Ikonen wie Shakespeare geschickt durch die Beimischung politischer Unkorrektheit zu eindrücklicher Schärfe verhelfen können, haben sie schon in früheren Stücken unter Beweis gestellt. Allerdings war mir die Nähe zu Werner Schwabs FÄKALIENDRAMEN nie so deutlich wie bei SIEGFRIED. Ähnlich lustvoll wie Schwab etwa in VOLKSVERNICHTUNG zelebrieren sie die anale Fixierung des hygienischen Deutschtums gründlich und stellen so die seelische Hässlichkeit des Nationalmythos zur Schau. Kongenial setzt freilich Stückl diese schwer erträgliche „Fotzenfressen“-Dauerbeschallung auf der Bühne um, indem er sie mit der ständig präsenten körperlichen Schönheit der Heldenfigur kontrastiert.

Traumpaar 2: Die Walkürenkönigin Brunhild schaut auf Gunther runter (Foto von Arno Declair, Volkstheater)
Traumpaar 2: Die Walkürenkönigin Brunhild schaut auf Gunther runter (Foto von Arno Declair, Volkstheater)

Überhaupt, Kontraste. Immerhin sechs der neun Schauspielerinnen und Schauspieler übernehmen in Siegfried zwei Rollen, und weder an Klamotte noch an Slapstick wird gespart. Und obwohl die Ernsthaftigkeit der Bühnenhandlung sich oft nur auf die Höhe des zentralen braunen Haufens erhebt, zeigt das Ensemble eine durchgehend brillante Leistung. Jakob Gessner verleiht seinem Strahlemann die anbiedernde Souveränität eines Pornodarstellers; seine körperliche Perfektion wird am deutlichsten im Kontrast mit Robert Joseph Bartls Brunhild, die Bartl nach ihrer Vergewaltigung durch Siegfried und Gunther in berührender Verletztheit zeigt – einer der wenigen stillen Momente des Stücks. Auch Magdalena Wiednhofers sabbernd-aufgedrehte Kriemhild, Frederic Linkemanns Operettenkönige Gunther und Sigmund, Ursula Maria Burkharts Übermütter Sieglinde und Ute sowie Paul Behrens Catweazle-artiger Hagen tragen mit klar geschnittenen Karikaturen zu einem fast episch zu nennenden Trash-Abend bei.

Dass Zaimoglu und Senkel mit deutscher Gründlichkeit alle wichtigen Episoden des Siegfriedlebens auf der Bühne abarbeiten lassen, sorgt einerseits hin und wieder für Längen, andererseits sagte meine Sitznachbarin: „Wenn man sich mal drauf einlässt, ist es unterhaltsam.“ Und so ist es auch: Stückl und seinem Team gelingt es, durch die Bilder und den Soundtrack der Inszenierung (Musik Tom Wörndl) eine intensiv-atmosphärische Stimmung zu erzeugen, bei denen ich sonderbarerweise oft die sprachliche Gewalt und selbst den Slapstick vergessen habe. Siegfrieds infantiles Spiel, bei dem sich vordergründig alles um Lulu, Mumu und Kaka dreht, ist individualpsychologisch armselig – aber gesellschaftlich mörderisch. Und bei allem Bezug auf Literatur und Geschichte: Diese Figur eines narzisstisch-zerstörerischen großen Kindes ist äußerst aktuell.

Anwendungsgebiete: Obstipation.
 
Einnahme: Schauen Sie sich die Inszenierung vorsichtig an, und wenn die Darmtätigkeit plötzlich durch szenische Vorbilder angeregt wird, gehen sie ruhig zwischendurch aufs Häuserl. Sie kommen auch später wieder rein. 

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