26.04. +++ Fatalismus

Eigentlich ist das eine Zumutung: Da wird zum Fatum erhoben, dass jemand offensichtlich einen schweren psychischen Schaden hat. Erklärt oder in irgendeinen inhaltlichen Kontext gestellt wird jedenfalls weder beim Täterpaar (Susanne Wolff und Jens Albinus) noch bei den Kommissaren etwas. (Bild von www.daserste.de)
Eigentlich ist das eine Zumutung: Da wird zum Fatum erhoben, dass jemand offensichtlich einen schweren psychischen Schaden hat. Erklärt oder in irgendeinen inhaltlichen Kontext gestellt wird jedenfalls weder beim Täterpaar (Susanne Wolff und Jens Albinus) noch bei den Kommissaren etwas. (Bild von www.daserste.de)

Da sitzt er hüfthoch im Wasser, Martin Wuttke, philosophiert über sein Dosenbier und in die Kamera hinein, als käme der Rest des heutigen Tatorts aus Leipzig, NIEDERE INSTINKTE, nicht völlig realistisch daher. Ja, kann man sagen, da wird halt die Illusion mal durchbrochen, aber ganz ehrlich: Das behäbige Team Saalfeld und Keppler alias Wuttke/Thomalla, das sich mit diesem Krimi in den Ruhe- oder zumindest Ehestand verabschiedet, bemüht sich hier um einen größeren Abtritt als ihr Auftreten es rechtfertigt.

Aber zunächst mal liegt der Fokus bei den Tätern. Wolfgang Prickel ist Lehrer und entführt die achtjährige Magdalena. Offenbar haben er und seine Frau schon lange von einem Kind geträumt und der Plan war offenbar, das Mädchen nur „auszuleihen“, ihm mit Masken gegenüberzutreten und es irgendwann wieder zurück zu geben. Ein liebevoll vorbereiteter Priklopil-Keller hinter der Sauna dient als Gefängnis. Aber Prickels Frau ist auf dem Weg der geistigen Zerrüttung noch etwas weiter vorangeschritten als ihr Mann und unterminiert den Plan, indem sie das Mädchen auch ins oberirdische Haus lässt. Also entzweien sich die beiden Täter und Frau Prickel bringt ihren Mann kurzerhand um, freilich gräbt sie sich selbst dabei eine Grube, denn das Mädchen kann entkommen, und sie bleibt – wahrscheinlich unrettbar – im Keller zurück. Eine schräge und extreme Behauptung ist dieses Paar – über die Gründe dafür, dass sie zu diesen Monstern geworden sind, erfahren wir nichts.
Es steht etwas - nein, jemand - zwischen ihnen: Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke)
Es steht etwas – nein, jemand – zwischen ihnen: Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) (Bild von www.daserste.de)

Nun ist diese Studie zweier Extrempsychen, die zielsicher auf den Abgrund zusteuern, nicht unspannend, aber zunehmend geht es in diesem Tatort um ein zweites Paar, nämlich die beiden Kommissare Saalfeld und Keppler, die früher ein Paar waren und tatsächlich ein gemeinsames Kind hatten, das starb. Weil „nichts umsonst geschieht“ (wie Wuttke monologisiert) bittet Keppler seines Wasserschadens wegen um Unterkunft, aber weil Saalfeld ablehnt, quartiert er sich bei ihrer Nachbarin ein und vögelt mit ihr herum. Das wiederum bringt den alten Konflikt zwischen den beiden Kollegen zum Aufbrechen und sie fetzen sich vor aller Augen und Ohren in der Kantine. Bei der Suche nach Magdalena kommt das Ermittlerteam eigentlich nur durchs Stochern im Trüben weiter, indem sie nämlich die Täter zum Handeln (zum Mord untereinander) treiben – kriminalistisch eine Nullnummer. Und obwohl Thomalla vermitteln kann, dass da unter der Asche noch Glut für ihren Kollegen ist, bleibt Wuttkes Spiel auch im Hinblick auf diesen persönlichen Erzählstrang absolute Behauptung.

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Abziehbildchen der geistig Armen: Christlich fundamentalischer UND behinderter Opfervater (Alexander Scheer). (Bild von www.daserste.de)

Den Gipfel der Behauptung in NIEDERE INSTINKTE bildet die Karikatur der christlichen Fundamentalisten, die Magdalenas Eltern darstellen. Zunächst machen sie sich – behaupten sie – keine Sorgen, dass ihre Tochter wieder auftauchen wird, aber das in bester Mantramanier wiederholte „Kyrie eleison“-Gemurmel im Meditationskreis scheint nicht zu helfen, deshalb will sich der taube (!) Vater schließlich gleichzeitig vom Dach stürzen und abfackeln will (!!). Glücklicherweise – oder ist es Schicksal? – wird er vom Messias Keppler gerettet. Das ist ganz tief in die Klischeekiste gegriffen.

Natürlich: Wir konstruieren Sinn immer erst im Nachhinein. Wer will es dem scheidenden Kommissar da verdenken, dass ihm Drehbuchautor Sascha Arango  die fatalistische Behauptung in den Mund legt, es habe alles so (zum Guten) kommen müssen. Tatsächlich ist das aber nur ein zynisch-abgefucktes Deckmäntelchen für den Zufall, der das Leben des Entführungsopfers rettet und das der Täter fordert, und für mein Gefühl fasst das die Ermittlungsarbeit von Keppler auch ganz gut zusammen. Ende gut – alles gut? Ne, aber wenigstens vorbei.

Anwendung: Lustlose Teenagerkinder.

Einnahme: Wenn Ihr Kind seine Hausaufgaben nicht machen will, zwingen Sie es, diesen Tatort anzuschauen. Zur Not auch mehrmals. Konsequenterweise wird es sich wie wild in die Schularbeit stürzen, um ein Spitzenabitur zu machen und einen MBA an einer Eliteuni zu erwerben – denn wer würde schon Kommissar werden wollen, oder Schauspieler, wenn man dann sowas verbrechen muss. 

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