26.05. +++ Polly Day

Das "Weiberregiment" (deutscher Titel) zeigt seine Farbe in Parodie des berühmten Kriegsfotos "Raising the Flag on Iwo Jima" (Bild von www.terrypratchettbooks.com)
Das „Weiberregiment“ (deutscher Titel) zeigt seine Farbe in Parodie des berühmten Kriegsfotos „Raising the Flag on Iwo Jima“ (Bild von www.terrypratchettbooks.com)

Waren Sie mal am so genannten Poppy Day in England? Dieser Heldengedenktag findet anlässlich der Einstellungen der Kampfhandlungen 1918 alljährlich am 11. November statt, es finden Umzüge, Kranzniederlegungen, Paraden und Veranstaltungen statt. Uniformierte Leute überall in der Öffentlichkeit, die eine (Plastik-)Mohnblume im Revers tragen – und in der Regel dafür einige Pfund an Spenden bezahlt haben. Wenn man bedenkt, dass zur gleichen Zeit in Köln und Mainz der Karnevalsbeginn mit einer ganz anderen Art von Uniformität begangen wird, ist dieses Spektakel für deutsche Gemüter umso befremdlicher. Zunächst das Ende des Zweiten Weltkriegs und abschließend das Ende der deutsch-deutschen Teilung haben unser Land weitestgehend vom Militarismus befreit, der in anderen Gegenden der Welt, die wir gemeinhin als äußerst zivilisiert betrachten, durchaus gepflegt wird. Von Amerika will ich gar nicht reden. Ich sage das auch vor dem Hintergrund der Inszenierung von Lenz’ DIE SOLDATEN, die zu sehen ich vergangene Woche das eingeschränkte Vergnügen hatte. Wieso, bei aller Hassliebe zum Militär, sollen wir über eine Remilitarisierung unserer Gesellschaft sprechen? Wenn es doch so wäre! Willkommene Feindbilder! Ein Engländer hat da weit größeren Grund zur Klage über eine militarisierte Gesellschaft, und wenige haben Sie so klug und unterhaltsam geführt wie Terry Pratchett in seinem Soldatenroman MONSTROUS REGIMENT.

Und hier das Original im Vergleich (Bild von www.en.wikipedia.org)
Und hier das Original im Vergleich (Bild von www.en.wikipedia.org)

Polly ist eher ein Teenager als eine junge Frau, aber ihr Bruder ist Krieg, wies mit der väterlichen Kneipe weitergeht ungewiss, und ihr Vaterland Borogravia ist gelähmt im Patt zwischen einer toten Regierungschefin und einem senilen Nationalgott namens Nuggan, der die Bevölkerung mit immer neuen hirnlosen Verboten traktiert („Steine“ und „Akkordeonspieler“ sind ihm, wie nahezu alles unter der Sonne, ein „Gräuel“). Also beschließt sie, sich als Mann auszugeben und als Soldat anwerben zu lassen. Da sie intelligent und mutig ist, kommt sie ziemlich weit mit ihrer Dragnummer, es gelingt ihr sogar mit ihrem kleinen Fähnlein Mitrekruten, einige Dragoner aus dem verfeindeten Slobenia gefangen zu setzen (nachdem Polly den Regierungschef des Landes, der inkognito unter ihnen weilt, in die Kronjuwelen getreten hat). Unter Führung des naiven, aber aufrechten intellektuellen Lieutenant Blouse, der sein Wissen vom Krieg aus Büchern bezogen hat, sowie des alten Haudegen Sergeant Jackrum, gelingt es der Truppe, bis zum eingekesselten Rest der Armee unter der Festung („the Keep“) vorzustoßen. In der Zwischenzeit hat Polly nach und nach herausgefunden, dass sie nicht die einzige Frau unter den Rekruten ist: Tatsächlich scheinen nur der Offizier und sein Feldwebel Männer zu sein. Es gelingt den Frauen, sich in die Festung einzuschleichen und ihre eigenen, dort gefangenen Truppen zu befreien, von denen sie umgehend festgesetzt werden, als entdeckt wird, dass sie Frauen sind, die sich als Soldaten ausgegeben haben. Denn schließlich ist dies Nuggan, dem Nationalgott, ein Gräuel.

Die katholische Kirche mag groß, mächtig und frauenfeindlich sein, aber mal ehrlich: Was ist dieser Verein schon gegenüber den vereinigten Kriegsmaschinen aller Länder? (Bild von www.tagesspiegel.de)
Die katholische Kirche mag groß, mächtig und frauenfeindlich sein, aber mal ehrlich: Was ist dieser Verein schon gegenüber den vereinigten Kriegsmaschinen aller Länder? (Bild von www.tagesspiegel.de)

Terry Pratchett wäre nicht Terry Pratchett, wenn er nach sieben Frauen in Männerkleidern aufhören würde, und so dreht sich am Ende alles um Frauen in Machtpositionen. Ein gutes Drittel des Generalstabs und zu guter Letzt auch der Falstaff des Romans, Sergeant Jackrum, werden als Dragqueens entlarvt. Oder eben Dragkings. DIE PÄPSTIN? Lächerlich. Eine einzige Frau in Männerkleidern soll den ganzen Machtapparat der katholischen Kirche auch nur positiv beeinflussen? Pratchett gibt sich nicht mit solchen Kinkerlitzchen ab. Seine Hypothese, dass nämlich eine restriktive, frauenfeindliche patriarchalische Diktatur nur mit Hilfe von vielen, wenn nicht den meisten Frauen aufrecht erhalten werden kann, geht wesentlich weiter. Sie zielt nämlich darauf, dass das System auch nur von Frauen verändert werden kann. Diesen Teil des Romans lässt er freilich ungeschrieben, denn nachdem der Friede zwischen Borogravia und Zlobenia wieder hergestellt und wieder gebrochen wurde, gibt es nur noch einen kleinen Cliffhanger, der auf eine neue Zeit vorausdeutet.

Hübsches Foto einer Theateradaption von 2014: Katie McLean Hainsworth, Sarah Price; (middle row) Michaela Petro, Kim Boler; (back row) Melissa Engle, and Mandy Walsh (Bild von www.chicagoreader.com)
Hübsches Foto einer Theateradaption von 2014: Katie McLean Hainsworth, Sarah Price; (middle row) Michaela Petro, Kim Boler; (back row) Melissa Engle, and Mandy Walsh (Bild von www.chicagoreader.com)

Der Autor der Scheibenwelt-Romane hatte einen Schwäche für platten Humor, was ein Grund dafür ist, weshalb ich ein treuer Fan geworden bin, aber er hatte noch größere Stärken, und dazu gehört eine Aussage wie die folgende: „The enemy wasn’t men, or women, or the old, or even the dead. It was just bleedin’ stupid people, who came in all varieties. And no one had the right to be stupid.“ Diese Einsicht, die der Protagonistin Polly gegen Ende des Romans zuteil wird, konnte er in einem früheren Roman über Gleichberechtigung, EQUAL RITES, so noch nicht formulieren. Und sie hat, bei aller Simplizität, doch eine durchschlagende Kraft, finde ich. Die Welt ist kompliziert, so dass niemand das Recht hat, sich dumm zu stellen. Das gilt für die Glorifizierung von Militär ganz allgemein, es gilt aber auch für die Dämonisierung staatlicher Gewalt. Denn wenn wir das staatliche Gewaltmonopol aufgeben, werden andere diese Gewalt ergreifen, in Form von wirtschaftlicher Gewalt, in Form von Agenturen, Sicherheitsfirmen, was auch immer. Was aber wichtiger als gleiche Rechte und Abrüstung ist, ist die Handlungsfähigkeit der Politik. Dieses Ziel, nämlich die Aufrechterhaltung des Bürgerwillens von der Wahl bis zum Gesetz, sehe ich in großer Gefahr. Vielleicht ist es nicht nur in Borogravia Zeit, mehr Demokratie zu wagen.


Anwendungsgebiete: EHEC.

 Einnahme: Ja, ich gebe zu, diese Argumentation ist sowas wie ein Leitmotiv bei diesen kleinen Fußnoten, aber es stimmt wirklich: Natürlich heilt das Lesen dieses Romans Sie nicht von einer bakteriellen Infektion, aber er lenkt ganz hervorragend vom Gefühl der Übelkeit ab. Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung.

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