27.01. +++ Bachelorette

Frauen sind halt Rosen, gell? Sie wollen gepflückt werden. Die Bachelorette 2014 - Anna (Bild von www.express.de)
Frauen sind halt Rosen, gell? Sie wollen gepflückt werden. Die Bachelorette 2014 – Anna (Bild von www.express.de)

Als Englischlehrer hat mans auch nicht leicht. Wenn ich mir vorstelle, THE TWO NOBLE KINSMEN von Shakespeare/Fletcher einer Schar unbedarfter Wissensempfänger zu vermitteln, stellen sich gleich zu Anfang so unangenehme Fragen wie: Ist das jetzt eine Komödie oder Romanze oder was? Immerhin stirbt einer der beiden Titelhelden am Schluss (wenn auch nicht auf Grund einer tragischen Verstrickung), und das gehört sich ja wohl nicht, bei harmlosen Romanzen, oder? Wahrscheinlich hat Eng. Lit. eine eigene Kategorie für diese Art von Stücken erfunden, eine, von der ich noch nie gehört hab, die aber voll wichtig ist, denn wenn man keine Kategorie hat, dann kann man schließlich nicht interpretieren.

Aber von vorn. Zwei Feldzüge sind gerade zu Ende: Der Angriff der „Sieben gegen Theben,“ die zusammen mit Polyneikes seinem Bruder Eteokles die unrechtmäßig angemaßte Krone des Stadtstaates entreißen wollten, ist gescheitert. Ihre Leichen verfaulen vor der Stadt. In Athen hingegen wird ein siegreicher Feldzug gefeiert, von dem Herzog Theseus sich seine Braut Hippolyta mitgebracht hat. Deren Hochzeit nun wird von drei Witwen der Sieben gegen Theben gestört, die den Herzog bitten, dem doofen Kreon, der ihre Gatten unbestattet lässt, nochmal eins auf die Mütze zu geben. Und weil er ein echter Mann ist, macht sich Theseus natürlich noch vor der Hochzeitsfeier auf den Weg. In Theben lernen wir in der Zwischenzeit die beiden Cousins Arcite und Palamon kennen, die zwar Neffen von König Kreon sind, aber mit dessen cholerischer Amtsführung und überhaupt der ganzen degenerierten Thebaner Gesellschaft nix mehr zu tun haben wollen. Aber kaum haben sie beschlossen, jetzt endlich auszusteigen, werden sie zur Verteidigung gegen den angreifenden Theseus eingesetzt. Obwohl sie sich heldenhaft schlagen, werden sie verwundet, gefangen genommen und sitzen dann gemeinsam in Athen im gehobenen Kriegsgefangenenknast. Das macht ihnen jedoch gar nichts aus denn mental summen sie die ganze Zeit „Gute Freunde kann niemand trennen“, bis BAM! eine gewisse Emilia, die Schwester der herzöglichen Amazonenehefrau Hippolyta, in Sichtweite der Zelle spazieren geht. Beide verlieben sich in sie und damit hört natürlich die Freundschaft auf. Erst kommt Arcite frei (müsste eigentlich in die Verbannung, schleicht sich aber in den Dienst Emilias ein), dann wird Palamon von der Tochter des Gefängniswärters frei gelassen (die hat sich in ihn verliebt). Und weil sich die Handlung im Mittelteil in den Athener Wald verlagert (siehe SOMMERNACHTSTRAUM), begegnen sich die beiden Exkumpels im Wald wieder, verhalten sich einerseits völlig ritterlich-korrekt, sind sich aber wegen Emilia andererseits aber auch spinnefeind. Und als sie sich um sie duellieren, werden sie vom Herzog erwischt, der dann anordnet, dass diese Rauferei im Wald doch bitte in förmlicherem Rahmen in drei Monaten statt zu finden hat. Jeweils mit drei Helferrittern, und die unterlegene Partei wird hingerichtet. Das finden alle super. Außer der Tochter des Gefängniswärters, die wird verrückt. Als es soweit ist, kann sich Emilia immer noch nicht zwischen den beiden ganz hervorragenden Rittern entscheiden (manche glauben auch, sie will nicht, weil sie eigentlich lesbisch ist…), aber es kommt nach ausgiebiger Anrufung der Götter zum Duell, in dem Arcite siegt. Kurz bevor der unterlegene Palamon und seine Spezel exekutiert werden, kommt jedoch ein Bote dazwischen und erklärt, dass Arcite dummerweise von einem scheuenden Pferd abgeworfen wurde – und der übergibt sterbend Emilia an seinen alten Freund Palamon.
 
Der Krieg zwischen Mann und Frau oder jedenfalls wegen Mann und Frau ist halt ein Dauerbrenner: Die Erstausgabe des Stücks (Bild von www.en.wikipedia.org)
Der Krieg zwischen Mann und Frau oder jedenfalls wegen Mann und Frau ist halt ein Dauerbrenner: Die Erstausgabe des Stücks (Bild von www.en.wikipedia.org)

Mit Freundschaft hat Liebe nichts zu tun. Eher mit Krieg. Das scheint eine Botschaft des Stückes zu sein, das, wie HENRY VIII., wahrscheinlich um 1614 als Gemeinschaftswerk von Shakespeare und seinem Nachfolger als Hausautor bei den King’s Men, John Fletcher, entstanden ist. Das fängt schon vor dem Stück an: Dass Theseus die Amazonenkönigin Hippolyta nur zum Traualtar führen kann, nachdem er sie auf dem Schlachtfeld unterworfen hat, ist die Voraussetzung, ganz wie im früheren MIDSUMMER NIGHT’S DREAM, an dessen Erfolg die KINSMEN offenbar anknüpfen sollten. So gibt es einen eingeschobenen Morris-Dance von ein paar Handwerkern, die an Peter Quince und seine Amateurtheatertruppe erinnern, allerdings eher an deren Minderwertigkeit. Und es bleibt nicht das einzige Selbstzitat: Die bemitleidenswerte Tochter des Gefängniswärters erinnert stark an eine ausgewalzte Version von Ophelia. Nimmt man die ostentativ vorgetragene Ritterlichkeit der beiden Protagonisten sowie ihre Besessenheit von Ehre hinzu, darf man starke Zweifel haben, ob dieses Stück heute noch gespielt werden sollte. Na ich sag mal so: Es gibt ein paar starke Textpassagen und Ideen, die als Anknüpfungspunkte dienen könnten. Zum Beispiel dieser Aussteigergedanke der beiden jungen Männer, die sagen: Wenn wir hier in unserer Vaterstadt Theben bleiben, werden wir genauso korrupt und dekadent wie das andere Pack, wir müssen raus. Und bevor sie sich versehen, sind sie voll in der Maschine von Krieg, Ehre, Vaterland, Liebe, Ehre, Duell, Tod drin. Ein zweiter Anknüpfungspunkt ist die „Verrücktheit“ der Tochter des Gefängniswärters. Genau wie bei Ophelia wird die verschmähte Liebe zum Anlass für den geistigen Zusammenbruch, freilich kommt der Vater der namenlosen jungen Frau im Gegensatz zu Polonius nicht ums Leben. Offenbar war die Darstellung der „Verrücktheit“ für das Publikum spannend (naja, ist sie ja heute auch noch), und es wird diesem Strang, der eigentlich ziemlich inhaltsleer ist, relativ viel Raum gegeben. Zum krönenden Abschluss entwickelt ein Arzt eine „Therapie“ für die junge Frau, die darin besteht, dass ihr ehemaliger Verlobter sich in einem Rollenspiel als Palamon ausgibt, was sie zumindest zu stabilisieren scheint. Und dann soll er mal ordentlich mit ihr „das Bett teilen“, dann kommt sie schon wieder auf die Reihe. Eigentlich schon spannend, wie die Entmündigung von Frauen und überhaupt der Wahnsinn der patriarchalischen Ehrgesellschaft hier auf die absurde Spitze getrieben wird, denn wie sich heraus stellt, haben weder die namenlose Tochter, noch Emilia, noch selbst ihre Schwester, die Amazonenkönigin, das Recht auf Selbstbestimmung. Die Männer verfügen über sie wie über Vieh, selbst wenn sie, wie Emilia, sich eigentlich zwischen zwei Supertypen entscheiden könnten (Ein echtes Aha-Erlebnis für das heutige Publikum: Kurz vor dem Showdown bekommt Emilia eine Rose als göttliches Zeichen… aber nicht, um sie ihrem Favoriten zu geben, sondern als Symbol dafür, dass sie bald „gepflückt“ wird). Eine ebenso lächerliche Inszenierung wie die BACHELORETTE, denn im Herzen wusste es das Theaterpublikum damals ebenso wie das Fernsehpublikum heute: Männer entscheiden sich zwischen Frauen, nicht umgekehrt. Na also. Da hätten wir doch den Grund, das Stück auf den Spielplan zu nehmen. Mit der Gattungsbezeichnung: „Ein Dreamdate mit den attraktivsten Singles der griechischen Geschichte.“


Anwendungsgebiete: Psychosen infolge traumatischer Beziehungserlebnisse.
 
Einnahme: Lesen Sie das Stück gründlich durch. Danach kommen Sie sich ganz normal vor.
 
P.S.: Falls Sie glauben, dass das mit dem Kämpfen der Rivalen um die Herzdame die Ordnung der Welt ist – hier kann man sich fürs nächste Bachelorette-Casting bewerben.

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