27.01. +++ Seidenpapier

Fräulein Freundlich, FAST EIN BISSCHEN FRÜHLING (Foto: Malte Kreutzfeldt, von www.pathosmuenchen.de)
Fräulein Freundlich, FAST EIN BISSCHEN FRÜHLING (Foto: Malte Kreutzfeldt, von www.pathosmuenchen.de) Was das böse Kind mit dem Abend zu tun hat? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es die Seele der Geschichte?
Zum Beispiel die Blüten aus Seidenpapier, die Tanya Häringer aka Dorly Schupp zu Beginn der Vorstellung rollt. Sie klebt sie mit dem Kreppband, das zu ihrer Allzweckwaffe an diesem Abend werden wird, an einen Buschast und bringt ihn so zum Blühen. Wieso? Vielleicht, weil sie und ihre beiden Mitstreiter Peter Lutz (Puppenspiel) und Dominik Obalski (Musik) so einige fantastische Blumensträuße aus ihren vielen Theaterkisten zaubern, um die Welt der Schallplattenverkäuferin Dorly und der beiden Schwerverbrecher Kurt Sandweg und Waldemar Velte auferstehen zu lassen. Haben diese Blüten etwas mit der Geschichte zu tun? Vielleicht, denn man kann beim einmaligen Zuschauen nicht alles Aufsaugen, was da in Wort, Bild, Ton, Puppenspiel und auf den vielen anderen Ebenen auf den Zuschauer einströmt, auf jeden Fall aber sind sie ein gutes Bild für den Abend: Sie sind einfach und vielschichtig, poetisch und kindlich, bedrohlich und ein bisschen romantisch. Frühlingsvorboten, vielleicht.
 
Aber nochmal zurück auf Anfang. FAST EIN BISSCHEN FRÜHLING (ab heute wieder am Pathos München zu sehen) von Fräulein Freundlich bringt die authentische Geschichte der Bankräuber und Mörder Velte und Sandweg (s.o.) auf die Bühne, die Alex Campus in seinem vor zehn Jahren erschienen Buch erzählt. Und zwar kreuz und quer. Da wird mit Puppen gespielt, gebastelt, getanzt, mit dem Publikum gespielt, es laufen Videos, die alle irgendwie aber sehr weitläufig mit dem Thema des Buches zu tun haben, und doch: Es stellt sich alles ein. Wahrscheinlich kennen Sie den Spruch „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, aber leben muss man es vorwärts.“ Früher hätte man sowas Kalendersprüche genannt, heute vielleicht Facebooksprüche. Trotzdem stimmt die Sentenz: Die Logik, die Folgerichtigkeit, die wir von klassischen Erzählungen kennen, ist dem wirklichen Leben fremd. Umso erstaunlicher, dass wir im Theater so oft noch die klassischen Erzählmuster von Anfang, Mitte und Ende serviert bekommen. Als ob das sein müsste; im Leben finden wir uns ja irgendwie auch zurecht. Also meistens. Oft. Hin und wieder. FAST EIN BISSCHEN FRÜHLING (Regie: Jörg Witte) ist in dieser Hinsicht lebensecht, weil verwirrend, überfordernd, scheinbar chaotisch.
 
Noch ein bisschen lebensechter wird der Abend durch Geschichten aus der eigenen Familienhistorie, die die drei Spieler und der Videokünstler Malte Kreutzfeldt immer wieder einstreuen. Geschichten von Reisen, die vielleicht sinnlos waren, aber doch zum Weiterleben geführt haben, weil die Sprecher sie sonst nicht erzählen könnten. Die Sinnhaftigkeit von Begegnungen im Leben ist denn auch ein Thema, das für die Geschichte der Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp von Bedeutung ist. Sie wusste nicht, dass die beiden Männer, die sie einige Zeit lang tagsüber im Plattenladen aufsuchten und mit denen sie abends spazieren ging OHNE eine romantische Beziehung zu ihnen zu unterhalten, immerhin sieben Menschen auf dem Gewissen hatten. Sie waren nette Menschen, ein bisschen orientierungslos vielleicht, wie sie so durch die Welt reisten, auf der Suche nach Indien. Aber nett. Und ebenso wie Kurt und Waldemar – vielleicht von den politischen Wirren ihrer Zeit – aus der Bahn geworfen waren, so wirft die Begegnung mit ihnen am Ende auch Dorly aus der Bahn. Denn, soviel Konzession an einen klassischen Theaterabend macht Fräulein Freundlich dann doch: Der Showdown kommt am Schluss.
 
Noch ein Gedanke: Ich wünsche mir für Theaterabende mehr Mut zum Spielen, so wie diese Produktion irrwitzig spielerisch das Publikum verwirrt, nur um es immer wieder zum Zuhören, Zusehen, Mitdenken einzuladen. Die Leichtigkeit dieses Spiels jedenfalls hat die Versprechung der Seidenpapierblüten eingelöst.

Andwendungsgebiete: Winterkälteschauer
 

Einnahme: In einer Blechdose aufbewahren und in unbemerkten Momenten vom Regal des Gedächtnisses herunterholen und ziellos darin herum kramen.

P.S.: Die Karte für die Vorstellung habe ich als Kollege umsonst bekommen, was sehr freundlich war.

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