27.03. +++ Geistige Geschenke

Auch auf modernen Ausgaben wird selten auf Kandinskys Cover-Illustration zum Almanach DER BLAUE REITER verzichtet
Der Almanach DER BLAUE REITER (1912)

Längst sind sie selber zu der Art Klassiker geworden, gegen die sie zu ihrer Zeit antraten, und mutmaßlich gibt es heute genügend Künstler, die über Franz Marc und Wassily Kandinsky klagen, dass es wahnsinnig schwer ist, neben ihnen etwas Neues ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. An die hundert Jahre ist es her, dass Kandinsky und Marc gemeinsam den Almanach DER BLAUE REITER herausgaben. Ich habe einen Blick in den Prolog geworfen, und finde ihn heute so zutreffend wie damals.

 
Obwohl Franz Marc ständig blaue Pferde gemalt hat, stammt das namengebende Gemälde von Kandinsky: DER BLAUE REITER (Bild von www.topofart.com)
Obwohl Franz Marc ständig blaue Pferde gemalt hat, stammt das namengebende Gemälde von Kandinsky: DER BLAUE REITER (Bild von www.topofart.com)

„Es ist wahnsinnig schwer, seinen Zeitgenossen geistige Geschenke zu machen“, konstatieren die Herausgeber, und meinen damit, dass die Masse der Menschen sich wahnsinnig schwer damit tut, etwas künstlerisch Neues zu akzeptieren. Auf wirtschaftlichem Gebiete, etwa wenn jemand dem „Vaterlande“ eine neue Kolonie erschließe, würde diese mit Freuden aufgenommen, aber die Erschließung von geistigem Neuland träfe immer auf Ablehnung. Eigentlich sollte man meinen, dass die konservativ-patriarchalische wilhelminische Gesellschaft, in der die Pioniere der Abstraktion dies schrieben, heute gründlich überwunden ist. „Tradition“ und „Klassik“, damals die Ideale der Kunst in allen Genres, sind heute weitgehend durch das Ideal der „Neuheit“ ersetzt. Jung, innovativ, unverbraucht soll ein künstlerisches Produkt und möglichst auch der Künstler sein, dann scheint auch wirtschaftlicher Erfolg von Kunst heute sicher. Freilich: Wenn traditionelle Qualitätsmaßstäbe wegfallen, bleibt im öffentlichen Diskurs wenig mehr als der wirtschaftliche Erfolg, um deren Qualität zu messen. Im Falle von Theatern sind das Auslastungszahlen, im Falle von bildender Kunst der Marktwert von Kunstwerken, im Falle von Musik lässt sich der Erfolg auch sehr leicht in Geld berechnen. Interessanterweise beklagen Kandinsky und Marc sich im weiteren Verlauf ihres Textes, dass die öffentliche Hand Kunst nur nach wirtschaftlichen Kriterien bemisst: Einen Rubens würden sie gern geschenkt nehmen, denn damit würde das Staatseigentum gemehrt, aber neue Kunst will man nicht einmal geschenkt. Erstaunlich, oder? Damals Traditionswahn, heute Innovationswahn; was bleibt ist das Primat des Geldes.

Die Gedanken zum "Geistigen" in der Kunst hat sicher hauptsächlich er beigesteuert: Wassily Kandinsky. Denn zu Kandinskys kunsthistorischen Hauptwerken gehört "Über das Geistige in der Kunst" (Bild von www.youtube.com)
Die Gedanken zum „Geistigen“ in der Kunst hat sicher hauptsächlich er beigesteuert: Wassily Kandinsky. Denn zu Kandinskys kunsthistorischen Hauptwerken gehört „Über das Geistige in der Kunst“ (Bild von www.youtube.com)

Man mag mir vorhalten, dass so despektierlich über Geld nur redet, wer keines hat, aber erstens stimmt das (noch) nicht, und zweitens habe ich auch schon einige superreiche Bänker erlebt, denen die Sinnlosigkeit ihrer Beschäftigung mit nichts als Geld so sehr zum Hals raushing, dass sie ihr Leben radikal geändert haben und jetzt sehr viel einfacher und glücklicher leben. Ich glaube, dass es in unserer Gesellschaft durchaus möglich ist, ohne Gier und mit halbwegs ehrlicher Arbeit in der Kunst genügend Geld zum Leben zu verdienen, und wenn nicht, dann werde ich es in den nächsten Jahren herausfinden. Es ist deshalb möglich, weil es noch Reservate gesellschaftlicher Verantwortung gibt, in denen tatsächlich Traditionen geschützt werden, zum Beispiel öffentlich finanzierte Theater. Der Makrotrend geht freilich in eine andere Richtung, nämlich hin zu mehr und immer mehr Markt in allen Bereichen. Wie man an der Entwicklung etwa der Fernsehlandschaft deutlich erkennen kann, belebt Konkurrenz im Bereich der Kultur sicherlich das Geschäft, aber sie führt nicht zu einer Steigerung der geistigen Qualität, ganz im Gegenteil. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber hey, ich bin ja auch nicht mehr jung: Ich wünsche mir oft mehr staatliche Regulierung. In der Wirtschaft sowieso, und zwar im Sinne von ethischen gesellschaftlichen Zielvorgaben, und ganz genauso im Sinne eines freiheitlich-demokratischen Bildungsauftrags im Kultur- und Medienbereich. Wenn demokratische Organe sich auf Ziele einigen müssten, die ihre Medien zu erreichen beauftragt würden, könnte diese Debatte einen Produktivitätsschub der Kreativität freisetzen. Denn machen wir uns nichts vor: Im Fernsehen gibt es längst ein massives Diktat, und zwar das der Quote. Es geht nun nicht darum, das System grundsätzlich zu verändern, aber etwa eine Sendeerlaubnis mit einer bestimmten Zielvorgabe an kulturellen, politischen oder pädagogischen Inhalten zu verknüpfen, wäre ein echter zivilisatorischer Fortschritt. „Zensur“ höre ich es von Seiten der Leute mit den Dollarzeichen in den Augen zetern, aber das ist keine Zensur, sondern ein gesellschaftlicher Kommunikationsprozess. Schauen Sie sich mal das Fördermodell des Arts Council in England an – dem Mutterland des Liberalismus. Dort gibts einfach nur dann Geld, wenn strenge Kriterien eingehalten werden, was political correctness, Inklusion in jeder Hinsicht, audience development usw. eingehalten werden. Kurz gesagt: Politische Ziele der Gesellschaft können und sollen der Kunst und den Medien durchaus als Arbeitsauftrag gegeben werden. Die freuen sich doch, wenn sie was haben, an dem sie sich abarbeiten können, und sei es auch nur als Feindbild.

Um noch mal auf die beiden blauen Reiter zurück zu kommen: Auch wenn sie es zu Lebzeiten (zumindest im Falle von Franz Marc) nicht erlebt haben, sind ihre geistigen Geschenke angekommen. Und heute sogar ein Teil der Popkultur, denn ihre Werke sind zu Ikonen aufgestiegen, haben also tatsächlich das kollektive Bewusstsein erweitert. Den Künstlern fehlt heute in der Regel nicht der Mut, Tabus zu brechen. Den Politikern jedoch fehlt heute oft der Mut, eine geistige Marschrichtung vorzugeben. Dabei gibt es in diesem Land so viele Baustellen.

Anwendungsgebiete: Benommenheit nach Antihistaminika.
 
Einnahme: DER BLAUE REITER ist ein Büchlein, aus dem schon ein paar Sätze genügen, damit man wieder aufwacht. Lesen Sie ruhig häppchenweise, die geistigen Geschenke laufen erstens nicht weg und können zweitens so viel besser verdaut werden.

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