27.04. +++ Himmelwärts

Die finnische Performance-Gruppe OBLIVIA - hier ein Foto aus KA-BOOM, ihrer letzten Performance (Bild von www.flickr.com)
Die finnische Performance-Gruppe OBLIVIA – hier ein Foto aus KA-BOOM, ihrer letzten Performance (Bild von www.flickr.com)

Okay, ich gebe zu, dass ist jetzt ein eher ungewöhnliches Kunstwerk, über das ich schreibe, aber ich bemühe mich (a) um Knappheit und (b) um Genauigkeit, ja? Also aufgepasst: Eine Frau steht mit dem Rücken zu mir, sie hat den Kopf gesenkt und die Arme angewinkelt, vielleicht betet sie. Sie lässt die Arme sinken, hebt den Blick weit nach oben, bis ihr Rücken ganz konvex nach hinten gebogen ist. Sie beginnt, rückwärts zu gehen; langsam, tastend. Sie geht sehr langsam, und doch gewinnt sie keine Sicherheit beim Gehen. Nach vielleicht zehn Schritten ein kurzes Innehalten, der Blick sinkt kurz, bevor diese Spannung nach Oben wieder hergestellt wird. Irgendwann, nach etwa zwanzig Schritten, ist es nicht mehr auszuhalten, sie versinkt in einem Hustenanfall, fast ein Kotzen, das alles loswerden will. Danach sieht sie klarer. Zwar geht sie noch immer rückwärts, und noch immer langsam, aber nicht mehr wie eine Marionette aufgespannt, sondern selbständiger, gesünder aufgerichtet. Eine Art von „Ent-täuschung“ scheint in diesem Hustenanfall statt gefunden zu haben, kein schöner, aber ein gesunder Vorgang.

Die kleine Performance, die ich da beschrieben habe, durfte ich heute im Rahmen eines Workshops bei der finnischen Performancegruppe OBLIVIA, veranstaltet vom Pathos München, erleben. Es war ein starker Moment, ein Vorgang, der ohne gegenständlich zu sein, eine sehr deutliche menschliche Situation erzählte. Ich kann mich deshalb noch relativ gut daran erinnern, weil ich anschließend die Aufgabe hatte, diese Performance nach der OBLIVIA-Methode „Do what you see“ nachzuspüren/nachzuspielen. Als Wortmensch liegt mir diese Art der nonverbalen Kommunikation als Macher nicht sehr – es fühlt sich ungewohnt, ungeübt, steif an. Dennoch hat mich diese Art der Erfahrung sehr berührt, zumal bei der beschriebenen Gespanntheit der Performance. „Structures of Love“, so lautet der Titel des Workshops und des ganzen Langzeitprojekts von OBLIVIA, in dessen Rahmen der Workshop statt findet. Vielerlei Assoziationen ließen sich spinnen, zwischen diesem Titel und der sehr eindrucksvollen Slow-Motion-Performance. Ich will diese Gedankeneinladung nicht weiter ausmalen, sondern belasse es dabei: Ein berührender Moment.

Anwendungsgebiete: Benommenheit infolge Antihistaminikaeinnahme.

Einnahme: In einen OBLIVIA-Workshop einsteigen, am besten ohne Vorbereitung und Vorbildung. Sie werden ganz schnell hellwach.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.