27.05. +++ Hangover Style

Ganz schön heftig, oder? Der BARBERINISCHE FAUN (Detail)
Ganz schön heftig, oder? Der BARBERINISCHE FAUN (Detail)

Gut, das ist dann wahrscheinlich Bayern. Du kommst in diese Glyptothek (die griechisch-römische), zahlst, und das erste, was dir über den Weg läuft, oder eben nicht, weil er sich nämlich nicht mehr auf den Beinen halten kann, ist ein überlebensgroßer besoffener Kerl, und das auch noch splitterfasernackt. Das letztere sieht man jetzt auf dem Oktoberfest nicht soo häufig, das erstere dafür umso häufiger. Im Falle des BARBERINISCHEN FAUNS ist das natürlich ein antike Skulptur (römische Kopie eines griechischen Originals aus dem 2. Jahrhundert vor Christus), aber gekauft und nach München geschleppt hat das Ludwig I. ja aus Gründen. Ich weiß jetzt nicht, ob der schwul war (das wäre angesichts des sehr lasziven Jünglings auch ein naheliegendes Motiv), aber wenn nicht, dann muss es die Verherrlichung des Rausches gewesen sein. Das kann man jetzt Dionysisches Prinzip nennen, oder aber auch einfach sternhagelvoll. Es könnte sogar passieren, dass er noch ein Spückerchen machen muss.

Und hier nochmal in voller Schönheit.
Und hier nochmal in voller Schönheit.

Jetzt mal Spaß beiseite, der Faun, das Prunkstück, der Eyecatcher der Glyptothek, den wir vor ein paar Tagen angeschaut haben, ist natürlich eine fantastische Skulptur. Der Marmor wirkt zwar kalt, aber so lebendig, wie die Haut eines Vampirs nur sein kann. Überhaupt hat er so einiges von Edward Cullen, nur ist der wohl kleiner. Die Anatomie ist perfekt, die Pose lebensecht; im Zeitalter der mechanischen Reproduktion fällt es schwer, sich einen Menschen als Urheber dieses vollkommenen Kunstwerks vorzustellen. Dieser junge Mann ist so perfekt, dass er Porno ist und damit langweilig wäre, wäre da nicht die Tatsache, dass er knülle ist. Schauen Sie es sich an, man kann es nicht leugnen, noch nicht mal die Wissenschaftler tun es – es war das Ziel des Künstlers, etwas Erhabenes darzustellen, nämlich den Zustand bei 2,5 Promill oder drüber. Er schaut sogar ein bisschen so, als hätte er sichs reingequält. Einer von den 14 Rezinas muss schlecht gewesen sein. Die Wissenschaft erklärt dieses Motiv nun damit, dass es sich hier keineswegs um einen Menschen, sondern, am Pferdeschweif erkennbar (hab ich leider nicht fotografiert), um einen Faun handelt, also einen Waldgeist im Gefolge des Rauschgottes Dionysos. Dessen Gottesdienst logischerweise im Picheln besteht. Interessanterweise hat dieses Faunchen das Saufen schon hinter sich und befindet sich also in der Phase der geistigen Festigung, oder so. Also eigentlich wird hier nicht dem Gott des Rausches gehuldigt, sondern dem Gott des Katers (den übrigens Terry Pratchett, ich werde nicht müde ihn zu erwähnen, in einem seiner Romane konsequenterweise schon erfunden hat. Ein Typ mit chronischen Kopfschmerzen, der immer mit so ner vollgekübelten Toga rumläuft.)

Man hat ja manchmal das Gefühl, dass unsere Kultur sich langsam aber sicher der Dekadenz der spätrömischen Kaiserzeit nähert, bei all den ausgefeilten sinnlichen Genüssen aller Arten, allen Manipulationen des Körpers und angewandten Federkielen, um nach ausgedehnten Fressorgien trotzdem noch auszusehen wie ein junger Gott. Ich frage mich deshalb, wann auch unter den Ikonen unserer Kultur (also in der Werbung) endlich dem Zustand nach der Feier ein gewisser Raum zugestanden wird. Es muss ja nicht gleich ne Kreuzigung sein, aber eben die andere Seite der Medaille: Tanzen, trinken, grölen bis in die Puppen einerseits; Unrasiertheit, Sodbrennen, die toten Augen von London andererseits. Das wär doch mal ein Anfang. Natürlich: Das würde dann wahrscheinlich auch eher wie dieser knackige Faun aussehen und nicht wie der Gott des Katers und wäre ein neuer Trend. Hangover Style.

Anwendungsgebiete: Suchtprävention.

 Einnahme: Nehmen Sie Ihren Teenager bei der Hand – ja, du kannst die Mama ruhig nochmal an der Hand nehmen, nein ich lass jetzt nicht los, du kommst mit sonst wird das Taschengeld gestrichen – und gehen Sie am Sonntag mit Ihm in die Glyptothek, schauen Sie sich den Faun an, und sagen Sie: „Und dass du mir kein Komasaufen betreibst, gell, sonst siehst du eines Tages so aus.“

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