28.01. +++ Reichtum

Eine handsignierte Ausgabe, Kostenpunkt: 4.500 Dollar. Was der Höhepunkt der Absurdität ist. (Foto von www.tbcirarebooks.com)
Eine handsignierte Ausgabe, Kostenpunkt: 4.500 Dollar. Was der Höhepunkt der Absurdität ist. (Foto von www.tbcirarebooks.com)
Es ist ein Wunder, dass wir als Erwachsene überhaupt überleben können, bei all den Verlusten, die wir während des Erwachsenwerdens erleiden. Die Prioritäten verschieben sich langsam, manchmal auch sprunghaft, bis es um solche Sachen wie Geld und Jobs und Macht geht, statt um Früchtekuchen. Wo doch jeder, der sich ehrlich befragt, weiß, dass Früchtekuchen (oder Stollen, oder was auch immer die regionale Entsprechung ist) wesentlich wichtiger ist, als all diese zuvor angesprochenen oberflächlichen Dinge. Vor allem, wenn man mühevoll das Geld für die Zutaten zusammenspart, einen ganzen Tag lang Hickory-Nüsse liest und knackt, illegal Whiskey als Backzutat kauft und am Ende 31 Kuchen backt und sie fast alle verschenkt.

Was könnte es Wichtigeres geben, als diese guten Dinge des Lebens herzustellen? Was könnte wichtiger sein, als für andere da zu sein? Truman Capotes Erzählung EINE WEIHNACHTS-ERINNERUNG passt vielleicht nicht so richtig in den Januar, aber sie ist so ergreifend, dass die Wirkung sich genauso im Hochsommer einstellen würde. Abgesehen davon ist es heute sowieso kälter und weihnachtlicher als im Dezember.
 
Für diejenigen, die dieses kleine Meisterwerk nicht kennen: Es handelt sich um eine Kindheitserinnerung des kleinen Truman an seine ‚Freundin‘, eine ältere Verwandte (eine entfernte Cousine), die, mit einem erwachsenen Blick betrachtet, ein bisschen komisch ist. Vielleicht sogar das, was man ‚behindert‘ nennt. Sie wohnt im gleichen Haus wie der Erzähler, den sie „Buddy“ nennt, und sie unternimmt Ende November das bereits angesprochene Früchtekuchenbackunternehmen mit ihm. Wie jedes Jahr. Die Früchtekuchen werden anschließend an Bekannte und nicht bekannte, aber bewunderte Menschen (wie zum Beispiel die Roosevelts [die Erzählung spielt in den Dreißiger Jahren]) verschickt. Es ist eine Frau mit „kurzgeschorenem weißen Haar“, unpassender, alter Kleidung, sie hat kein Geld und versteht sich vielleicht deshalb so gut mit „Buddy“, weil sie selbst ein Kind geblieben ist. Das Kind, die komische Alte und der Hund Queenie – diese drei Nicht-Erwachsenen bilden eine Gemeinschaft gegenüber der geballten Vernunft, die das Haus beherrscht, in dem sie wohnen, und die mit genau so viel Aufmerksamkeit vom Erzähler bedacht wird, wie sie verdient hat: Keiner. Und zwar deshalb, weil diese Erwachsenen NICHTS wirklich wichtiges tun, so wie Früchtekuchenbacken oder einen ganzen Tag lang einen Weihnachtsbaum erobern und aufwändig schmücken und einen Drachen als Weihnachtsgeschenk basteln.
 
Na klar, kann man jetzt einwenden, das ist schön und gut, aber irgendwie muss das Essen auf den Tisch kommen. Natürlich. Aber seien wir mal ehrlich: Wie oft gehts in unserem Alltag denn nur darum, dass genug Geld fürs Essen verdient wird, und wie oft geht es um so viel abstraktere Dinge. Das Kind, die komische Alte und der Hund haben keine Ahnung davon, wie die große Welt funktioniert, ihr Blickfeld ist nicht größer als ihr Wohnort und die umgebende Natur, sie planen nicht weiter voraus als ein paar Wochen. Und dabei leben sie ein glückliches und erfülltes Leben, weil sie einander haben und für einander da sind. Natürlich können wir nicht in den Zustand der Unschuld zurück; der Typ mit dem Schwert hat die Pforten des Paradieses hinter uns zugeknallt. Und wenn wir jetzt auf eine Südseeinsel ziehen würden, dann würden wir uns tatsächlich dumm stellen, und das ist nun wieder auch nicht schön, denn es gibt Leute, die unsere Hilfe benötigen. Manche sind weit weg von uns, und weil die Information heute global ist, können wir auch ihnen helfen (Was aber auch nix Neues ist: Das Früchtekuchen-Trio verschickt einen seiner Kuchen an ein Missionarspaar in Afrika oder so). Aber mindestens genauso wichtig wie ein umfassendes Weltgewissen muss es doch sein, vor der eigenen Haustür zu kehren, und direkt um uns herum zu helfen. Jedenfalls hat mich das Ende der Erzählung zu Tränen gerührt. In kargen Worten ist die Rede vom Ende der Freundschaft (der Junge kommt auf eine Militärschule), dem Tod des Hundes und schließlich vom Tod der komischen Alten. Die dem Jungen eine Welt und all ihr Reichtum war. Denn, um einen anderen großen Amerikaner zu zitieren: „Wealth is the ability to fully experience life.“ (Henry David Thoreau).

Anwendungsgebiete: Müdigkeit, vor allem durch Schilddrüsenunterfunktion
 
Einnahme: Nur eine halbe Stunde Zeit, egal wo, egal wie – die Erzählung lesen und spüren, wie sich die Seele wieder einnordet. Gegen die Schilddrüsenunterfunktion hilft das leider nicht, da müssen Sie einen Arzt aufsuchen. Aber gegen diese Müdigkeit schon.
 

P.S.: Danke für die Zusendung, Basti Bund.

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