28.02. +++ Mongol-Joss

Er hat lieber Erfahrungen erster Hand zu Papier gebracht, statt zu lesen: Fritz Mühlenweg (Bild von www.mühlenwegmuseum.de)
Er hat lieber Erfahrungen erster Hand zu Papier gebracht, statt zu lesen: Fritz Mühlenweg (Bild von www.mühlenwegmuseum.de)

Dieses Geständnis wird Ihnen vielleicht etwas sonderbar vorkommen: Ich muss Bücher zu Ende lesen. Ich habe offenbar eine tief sitzende Angst, etwas verpassen zu können (da ist mit Sicherheit etwas in meiner Kindheit schief gelaufen), und wenn es auch tugendhaft ist, Dinge zu Ende zu bringen, die man mal angefangen hat – wenn man sich beruflich mit Literatur beschäftigt kann das zum Problem werden. Es ist sogar so, dass ich mich scheue, Bücher zu beginnen, wenn ich befürchte, sie nicht ganz lesen zu können. Sei es, dass ich befürchte, sie nicht zu mögen, sei es, dass ich nicht genügend Zeit habe. Dementsprechend wohne ich schon seit Jahren mit einigen Büchern zusammen, die noch frisch wie Morgentau auf dem Regal stehen; wenn wir uns sehen, grüßen wir uns freundlich, beäugen uns aber misstrauisch aus den Augenwinkeln und wahrscheinlich entgeht uns so eine wunderbare Freundschaft. In dieser Hinsicht ist mein kleiner, in diesem Blog dokumentierter, Selbstversuch ein Segen: Da ich keine unbegrenzten Ressourcen habe, um ständig neue Bücher zu kaufen und die öffentliche Bibliothek in meiner Nachbarschaft auch nur so mittelgut ausgestattet ist, überwinde ich mit der Zeit auch die Scheu vor den Fremden im eigenen Haus. Einerseits. Und andererseits habe ich im Rahmen meines täglichen Kunstkonsums nun auch schon mehrfach (!) Bücher angefangen und bewusst beschlossen, sie nicht zu Ende zu lesen. Denn man (ich) muss lernen, auf seinen Instinkt zu vertrauen. Das komische ist, das ich immer das Gefühl habe, das Gesicht zu verlieren, wenn ich ein Buch aufgebe – dabei weiß es ja erstmal niemand. Außer Ihnen jetzt. Und es ist wohl auch eher dumm, sich festzufressen, statt etwas Schönes zu tun. Naja, Selbsterkenntnis.

Nicht von Mühlenweg, aber trotzdem hübsch: Zeichnung von Dieter Wiesmüller
Nicht von Mühlenweg, aber trotzdem hübsch: Zeichnung von Dieter Wiesmüller

A propos Gesichtswahrung. Mein heutiges Kunstwerk ist ein großer (langer) klassischer Jugendroman. Den ich bis vor kurzem nicht kannte, und viele von Ihnen sicher auch nicht: GROSSER-TIGER UND CHRISTIAN von Fritz Mühlenweg. Seit es All-Age-Literatur gibt, reiht sich das 1950 unter dem Titel IN GEHEIMER MISSION DURCH DIE WÜSTE GOBI erschienene Werk natürlich gern auch in diese Abteilung der Buchhandlungen ein, wobei ich keine Ahnung habe, ob es noch so aktuell ist (Gut: Die 1998 bei dtv erschienene neue Ausgabe war 2012 in der 7. Auflage, so schlecht kann also nicht laufen). Aufmerksamkeit verdient hätte es allemal. „Großer-Tiger“ ist ein chinesischer Name und es geht um zwei zwölf-/dreizehnjährige Jungen (nämlich ihn und seinen Freund Christian, der Sohn eines deutschen Arztes in Peking ist), die in Peking aufwachsen. Als sie eines Tages einen Drachen steigen lassen wollen, begegnen sie einigen Soldaten, die ihnen vorschlagen, man könne den Drachen doch super fliegen lassen, wenn man ihn an den Zug anbindet, mit dem sie gleich wegfahren und der ohnehin gleich wieder hält. Das machen die Jungs, und der Drache fliegt wirklich super, aber der Zug hält nicht. Denn der Roman spielt in den zwanziger Jahren, und viele Generäle reiten gerade den Drachen des Bürgerkriegs in der jungen chinesischen Republik. Großer-Tiger und Christian geraten zwischen die Fronten, werden gefangen genommen und „retten“ einen ganzen Zug vor dem Verunglücken. Das beeindruckt den (historischen) General Wu-Pei-Fu so sehr, dass er sie als „Geheimkuriere“ an den Gouverneur der Provinz Xinjiang entsendet. Um in diese westlichste Provinz des Reichs der Mitte zu gelangen, sollen sie mit einem LKW (mit Fahrer) durch die Mongolei reisen. Und auf dieser abenteuerlichen Reise, bei der sie Kaufleute, Karawanen, Lamas, Mongolenfürsten, Räuber und lebende Legenden kennen lernen, werden sie zu Katalysatoren großer Umwälzungen in den Weiten der Mongolei. Eigentlich sind sie zwei ganz normale Jungs mit einem etwas angespannten Verhältnis zur Schulpflicht, aber indem sie Verantwortung erhalten, werden sie zu Verkörperungen der kulturellen Lernwilligkeit. Ohne dass irgend jemand es ihnen anschafft, schauen sie sich die Sitten und Bräuche der Mongolen ab, lernen die Sprache und werden so zu Vermittlern zwischen den Welten. Die Mongolei, die sie erkunden, ist eine vormoderne Welt, in der kaum jemand je ein Automobil gesehen hat oder auch nur lesen kann. Wozu auch: Eine Jurte, ein Pferd und Freiheit – das scheint alles zu sein, was man zum Leben braucht. Und wenn die Sitten bei den „Rotbärten“ (Räubern) unter den Mongolen auch manchmal rau sind – und Rotbärte sind sie fast alle – gelten doch eherne Gesetze von Gastfreundschaft und Anstand, die mehr gelten als jeder Besitz. Eher der chinesischen Kultur zugehörig (und die chinesische und mongolische Tradition begegnen sich hier ständig), ist die Notwendigkeit, um jeden Preis das Gesicht zu wahren, und in der deshalb notwendigen diplomatischen Kunst des Umgangs mit Inkompetenz bei anderen gelangen Großer-Tiger und Christian zu einer wahren Meisterschaft. Durch ihre (meistens) aufrichtige und immer freundlich-bescheidene Art gelingt es den beiden, das Beste aus den Menschen um sie herum heraus zu holen. Der Soldat und Chauffeur Glück zum Beispiel, der zu Anfang noch mit dem bösen Kaufmann Grünmantel verabredet ist, ihm den LKW zu verkaufen und so die Mission zu gefährden, wird zu ihrem Verbündeten und Freund. Wie auch diverse Mongolenfürsten, Lamas und chinesische Würdenträger.

Sieht selbst schon ein bisschen mongolisch-faltig im Gesicht aus: Mühlenweg (Bild von http://blog.nomad-reisen.de/05/groser-tiger-und-christian-von-fritz-muhlenweg/)
Sieht selbst schon ein bisschen mongolisch-faltig im Gesicht aus: Mühlenweg (Bild von http://blog.nomad-reisen.de/05/groser-tiger-und-christian-von-fritz-muhlenweg/)

Mühlenweg ist ein Beobachter von außen: Selten teilt er uns mit, was seine Figuren denken, fast immer erzählt er aus der Perspektive der jugendlichen Helden, und immer schildert er liebevoll die sprachlichen Formeln, Höflichkeitszeremonien und Sitten, deren Befolgung oder Verletzung die Begegnung, Schwierigkeiten und schließlich Verständigung zwischen den Kulturen ausmachen. Dass es ihm dennoch gelingt, selbst scheinbar unbedeutende Nebenfiguren lebensecht zu charakterisieren, ist eine bemerkenswerte Leistung seines Romans. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der vielfältig begabte Künstler auch Maler war – wenige Striche genügen ihm, um einen vielschichtigen Menschen zu beschreiben. So wird die einzige andeutungsweise romantische Begegnung des Romans (das Zusammentreffen von Großer-Tiger und vor allem Christian mit der jungen Mongolin Siebenstern) niemals ausgesprochen, sondern ist ausschließlich zwischen den Zeilen lesbar. Das ist wunderbar: Für die Gefühle zwischen diesen jungen Menschen gibt es noch keine Worte, und so ist es nur konsequent, dass Siebenstern den beiden Freunden beim Abschied ihren geliebten Hund mit dem schönen Namen „Hund“ schenkt. Großzügige Geschenke gehören zum Mongol-Joss (dem Gesetz der Steppe), und mit dem klugen Pudel gibt Siebenstern auch einen Teil ihres Herzens weg. Wer selbst mit einem Hund zusammen lebt, kann die Größe dieser Gabe ermessen. So viele Worte, wie Mühlenweg in seinem 750 Seiten dicken Roman auch aneinander reiht – für mich ist GROSSER-TIGER UND CHRISTIAN ein beispielhaft positives Werk aus der Kategorie „a little less conversation, a little more action“ – denn die Botschaft ist letztlich, wie bereichernd es ist, offen auf andere zuzugehen und sich ihre Kulturen anzueignen. Haben Sie keine Angst vor der Länge des Buches – ich kenne jemanden, der es sogar immer und immer wieder liest.


Anwendungsgebiete: Klaustrophobie, vor allem in der eigenen Kultur.
 
Einnahme: Wenn man regelmäßig ein Kapitelchen des Werkes zu sich nimmt, weiten sich die Gehirnwindungen und man gewinnt ein wenig mongolische Freiheit im Denken. 

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