28.03. +++ Mord nach Fahrplan

Ganz so reißerisch, wie das Cover ihn verkauft, kommt Rainer Dohs Krimi MORDKAP nicht daher. Spannend ist er trotzdem! (Bild von www.kongking.de)
Ganz so reißerisch, wie das Cover ihn verkauft, kommt Rainer Dohs Krimi MORDKAP nicht daher. Spannend ist er trotzdem! (Bild von www.kongking.de)

Waren Sie schon mal auf der norwegischen Hurtigruten unterwegs? Diese traditionsreiche Postschiffslinie, die seit hundertzwanzig Jahren die Häfen der norwegischen Westküste von Bergen zum Nordkap und darüber hinaus verbindet, befördert auf mittlerweile komfortablen Schiffen Autos, Fracht und Passagiere. Die ohnehin atemberaubend schöne Strecke wird in Rainer Dohs Kriminalroman MORDKAP durch blutige Zwischenfälle noch um einiges spannender.

Seit Agatha Christies TOD AUF DEM NIL haben Passagierschiffe eine gewisse Tradition als Spielort von Kriminalromanen, aber die „Midnatsol“, der Schauplatz von MORDKAP, bietet durch die von ihr befahrene „Hurtigruten“ einigen Mehrwert. Da ist zunächst mal die Tatsache, dass sich das Schiff am Rande der Zivilisation bewegt, denn im nördlichen Teil der Reise ist selbst der Nordpol näher als Oslo und weder das Straßennetz noch die Flugplätze in Nordnorwegen sind zu dieser Zeit verlässliche Verkehrswege. Diese Abgeschnittenheit von der Außenwelt hat zur Folge, dass nur der kleine Provinzpolizist Arne Jakobson an Bord des Schiffes gelangt als ein Passagier aufgefunden wird, denn sein Polizeiposten in Skjervøy ist der nächstgelegene Hafen. Alles deutet zunächst auf Selbstmord hin, aber wenig später schwebt ein zweiter Passagier in Lebensgefahr und es wird deutlich, dass es sich beim ersten Todesfall um einen Mord gehandelt hat. Der zweite Passagier, scheint (so legen es einige Fundstücke in seiner Kabine nahe) der Mörder zu sein – oder läuft der noch frei auf dem Schiff herum?
 
Die Mitternachtssonne scheint in MORDKAP noch nicht, statt dessen kämpft sich der Stolz der Flotte durch raue See: Die Midnatsol, Schauplatz von MORDKAP (Bild von www.de.wikipedia.org)
Die Mitternachtssonne scheint in MORDKAP noch nicht, statt dessen kämpft sich der Stolz der Flotte durch raue See: Die Midnatsol, Schauplatz von MORDKAP (Bild von www.de.wikipedia.org)

Neben der Abgeschiedenheit sind es die besonderen Herausforderungen der Seefahrt, die die Ermittlungen arg erschweren, denn Arne ist seekrank (was auch bei Norwegern vorkommt) und wird bei der durch Winterstürme schweren See arg gebeutelt. Glücklicherweise findet er bei Britta, der freundlichen Rezeptionistin des Passagierschiffes, emotionalen Halt, der über bloße Sympathie hinausgeht. Eine dritte Besonderheit des Schauplatzes ist die besondere Nähe zu Russland, denn der Zielhafen der Hurtigruten, Kirkenes, liegt unmittelbar an der Grenze. Im zweiten Teil des Romans schält sich langsam heraus, dass die Todesfälle an Bord mit Plutoniumschmuggel aus Russland zu tun haben, den sowohl der deutsche, der amerikanische als auch der russische Geheimdienst unterbinden wollen. Es ist wahrscheinlich nicht zuviel verraten, dass zumindest die westlichen Geheimdienste ziemlich alt aussehen, der Dorfpolizist jedoch erhobenen Hauptes aus dieser blutigen internationalen Affäre hervorgeht.

Doh hat selbst mehrfach die Hurtigruten bereist und aus seiner Bekanntschaft mit der Topographie von Schiff und Route einen eleganten Plot geschmiedet, der an keiner Stelle langweilig wird, obwohl der Autor seinen Roman streng nach Fahrplan betreibt und mit größter Akkuratesse Vorgänge und z.B. technische Details beschreibt. Dieser Blick von außen, der die Emotionen und den Antrieb seiner Figuren zwar nicht ausblendet, aber doch dem Fortgang der Handlung unterordnet, ist für einen spannenden Krimi fraglos eine gute Perspektive. Ich hätte mir aber mehr Einblicke in die Seele und die großen inneren Herausforderungen des Protagonisten Jakobson gewünscht, der trotz einiger Rückschläge doch als ziemlich ungebrochene Figur durchs Buch geht. Auch seine sich anbahnende Beziehung zu Britta wäre von weitergehendem Interesse gewesen – nun, besser der Autor behält einige Geheimnisse. Die vielen kleinen Nebenhandlungen, die die Bemühungen der deutschen und russischen Geheimdienste und der norwegischen Kriminalpolizei um die Haupthandlung an Bord herum illustrieren, lassen dramaturgisch keine Wünsche offen, sondern statten Dohs Krimi mit einem zügigen Tempo von bis zu 16 Knoten aus (und das ist für ein Schiff ganz schön schnell).
 
Er hat als Informatiker bereits eine Vielzahl von Büchern veröffentlicht, aber MORDKAP ist sein erster Krimi - und hoffentlich nicht der letzte: Rainer Doh
Er hat als Informatiker bereits eine Vielzahl von Büchern veröffentlicht, aber MORDKAP ist sein erster Krimi – und hoffentlich nicht der letzte: Rainer Doh

Obwohl die politischen Verhältnisse des Romans tagesaktuell sind, stellt sich bei der Lektüre angesichts der Verquickung von Ost-West-Geheimdiensten, Plutioniumschmuggel und des Spielorts um den ehemaligen Eisernen Vorhang herum ein leicht nostalgischer Geschmack von Spionagethrillern der Achtziger ein. Da ich ein Fan solcher Thriller bin, hat mich dieser Eighties-Hauch nicht gestört, aber er unterscheidet MORDKAP von anderen aktuellen internationalen Thrillern, etwa von Dan Brown oder Frank Schätzing, bei denen sich die Virtualisierung der Wirklichkeit, wie wir sie im Informationszeitalter erfahren, auch in den Verbrechen abbildet. Im Vergleich zu solchen Autoren kommt Rainer Doh sehr viel handfester und konventioneller daher – sein Handwerk aber beherrscht er. Mit Sicherheit arbeitet der Autor schon am nächsten Krimi, auf den ich mich jetzt schon freue, zumal wenn er seinen sehr kostbaren trockenen Humor häufiger zulässt und sich insgesamt an eine umfangreichere Story traut.

Zusammengenommen: Ein außergewöhnlicher Schauplatz, ein Held der an seiner Aufgabe wächst, eine internationale Spionageaffäre, eine Liebesgeschichte – die Zutaten, die Rainer Doh in seinem eisigen Norwegenkrimi MORDKAP zusammen gebracht hat, stimmen und machen sein literarisches Erstlingswerk zu einer spannenden Lektüre; auch an den wärmeren Tagen des Jahres.

Anwendungsgebiete: Schüttelfrost.
 
Einnahme: Erstens ist bei Schüttelfrost Bettruhe zu empfehlen, die sich mit einem guten Buch besser aushalten lässt. Zweitens wird die lebhafte Schilderung des Eismeers ihnen vielleicht wohlige Schauer vermitteln, sie werden sich aber zu Hause schon viel wärmer fühlen. 
 
P.S.: Der Verlag hat mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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