28.04. +++ Freundschaft

Die Farbe des Weizens: Das wunderschöne Bild für alles, was wir mit einer Freundschaft gewinnen.
Die Farbe des Weizens: Das wunderschöne Bild für alles, was wir mit einer Freundschaft gewinnen.

Man muss es nicht gleich so weit wie Rilke treiben, wenn er schreibt: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.“ Aber ein bisschen was ist halt doch dran: Eine echte Freundschaft ist nicht nur eitel Sonnenschein – sondern auch Schmerz, wenn man vom Freund getrennt ist. Wer sich in eine Freundschaft wagt, wer es wagt, sich zu öffnen, sich zu gewöhnen, sich „zähmen“ zu lassen wie Antoine de Saint-Exupéry in DER KLEINE PRINZ schreibt, der wird lachen, sich freuen, wird glücklich sein, aber auch weinen. Was ist dann der Sinn der Freundschaft? Was gewinnt man dadurch? Nun, zum Beispiel die „Farbe des Weizens“, die die Haarfarbe des kleinen Prinzen (Greta Roessler) ist, der den Fuchs (Greta Ellerkamp) zähmt. Es ist diese Episode aus DER KLEINE PRINZ, die für den neuen Theaterabend des Heyoka Theaters (Konzept und Regie: Eva Ellerkamp) nicht nur den Titel, sondern auch die Rahmengeschichte liefert.

Fuchs und Prinz: Die Rahmengeschichte des vielgestaltigen Abends
Fuchs und Prinz: Die Rahmengeschichte des vielgestaltigen Abends

Nun verfügt das inklusive Heyoka Theater zwar über eine sehr klare Philosophie, bei der jeder mit seinen Stärken und Schwächen willkommen ist, es hat aber eine durchaus handfeste Seite, wenn es darum geht, Inklusion im Zusammenleben und in der Kunst zu verwirklichen. Und so begann die Recherche- und Projektarbeit zu LA COULEUR DU BLE auf einem Bauernhof, wo das Ensemble etwas über die Feldbestellung, die Aussaat und die Ernte des Getreides lernte. Wachstum, Lebenskreisläufe – ein zweites Leitmotiv dieses berührenden Abends. Ebenso, wie die Ackerschollen vor der Aussaat gebrochen werden müssen, sitzen da also Gisela Stummer, Heike Tiessen und Susanne Knapp und zerkrümeln Erde in Schüsseln auf ihrem Schoß: „Man braucht schon ein bisschen Chaos, damit etwas wachsen kann.“ – Einer dieser vielen philosophischen Sätze des Stückes, mit denen ebenso die Freundschaft wie die Arbeit des Heyoka Theater beschrieben wird. Denn es ist kein Zufall, dass sich dieses außergewöhnliche Ensemble aus Menschen mit und ohne Behinderung, aus Kindern, Erwerbstätigen, Schauspielern, Musikern, Rentnern – dass sich also diese durch und durch inklusive Gruppe Menschen des Themas der Freundschaft angenommen hat. Was ist Freundschaft, als den anderen so zu sehen und so zu akzeptieren wie er ist? Natürlich sind nicht alle Ensemblemitglieder automatisch eine Familie – nein, es ist harte Arbeit, immer wieder zusammenzufinden und am Ende einen solchen Theaterabend auf die Bühne zu bringen. Und doch ist es inbesondere die Atmosphäre des Sich-Gegenseitig-Annehmens, die LA COULEUR DU BLE aus jedem Knopfloch strahlt.

Gisela Stummer und Simon Reimold in einer sehr einfachen und ehrlichen Szene: Die Erinnerung an die Liebe
Gisela Stummer und Simon Reimold in einer sehr einfachen und ehrlichen Szene: Die Erinnerung an die Liebe

Zum ersten Mal bei einer Heyoka-Produktion dabei war der Münchner Musiker und Performer Simon Reimold – kein Unbekannter in Ulm, wo er 2008-2010 zum Ensemble des Stadttheaters gehörte. Das Folgende könnte unhöflich klingen, ist aber in Wahrheit ein Kompliment: Man hat es beinahe nicht bemerkt, dass er ein Schauspieler ist, so gut harmonierte er im Spiel mit den „alten Hasen“ des bunten Ensembles. Okay, wenn er zum Saxophon griff und die Musiker Jürgen Grözinger und Alexander Jassner verstärkte, war schon ziemlich klar, dass er ein Profi ist. Nein, was ich meine, ist: Es kommt auf das Ensemble an, bei den Produktionen des Heyoka Theater, darauf, dass jeder dieser höchst unterschiedlichen Teilnehmer mit seinen Stärken und seinem ganz spezifischen Wesen einen Beitrag leistet zu einer Vielzahl von Bildern, Situationen, Geschichten, die vielleicht noch nie so stark wie bei diesem Stück die gemeinsame Arbeit, den achtsamen Umgang miteinander, thematisierten.

Die Boygroup, v.r.n.l. Alexander Jassner, Jürgen Grözinger, Martin Gah, Johannes Mohn, Simon Reimold - es fehlt leider Georg Metzenrath auf dem Bild.
Die Boygroup, v.r.n.l. Alexander Jassner, Jürgen Grözinger, Martin Gah, Johannes Mohn, Simon Reimold – es fehlt leider Georg Metzenrath auf dem Bild.

All die Punkte aufzuzählen, an denen ich mich ehrlich berührt fühlte, hieße den Abend nachzuerzählen, deshalb stellvertretend für Vieles: Die Boygroup. Georg Metzenrath, Johannes Mohn und Simon Reimold meditieren gerade noch tiefsinnig über den Zusammenhang zwischen Schmetterlingen und Weizen, als Martin Gah im Punkoutfit die Bühne betritt. „Da gabs doch diese Band ‚Schmetterlinge’ in den 80ern, die einen Song ‚Goldener Weizen’ hatten“ Aber statt dieses Werkes geben die vier dann ein Lied über echte Männerfreundschaften, die nichts als ein weiteres Bier brauchen, zum Besten. Ja, das Mikrofon ist nicht immer ganz da, wo es sein sollte, und ja, man versteht nicht jede Zeile, aber es klingt ehrlich und es macht Spaß und ich habe das Gefühl – ja eben, darum geht’s. Wenn ihr euch einen Gefallen tun wollt, wenn ihr euer Leben reicher machen wollt, vielleicht sogar ein bisschen weinen, dann habt ihr zwei Möglichkeiten. Entweder, ihr sucht euch einen Freund/eine Freundin, was ein langfristiges Projekt ist. Oder, ihr schaut euch die vorerst letzte Vorstellung von LA COULEUR DU BLE im Podium des Theaters Ulm an: Am 07.05. um 19.30 Uhr. Karten gibt’s hier.

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