29.01. +++ Körpersprachgewaltexzess

Eine der wenigen zeitgenössischen Shakespeare-Illustrationen (Quelle: Wikipedia)
Eine der wenigen zeitgenössischen Shakespeare-Illustrationen, das so genannte „Peacham Drawing“ (Quelle: Wikipedia)

Ein alternder, noch immer erfolgreicher Feldherr kehrt nach Hause zurück. Von den einst zwanzig Söhnen sind die meisten schon gefallen, fürs Vaterland. Auch von diesem „Sieg“ über die Goten bringt er wieder die Leichen von Söhnen mit. Das Volk von Rom dient ihm die Kaiserwürde an – aber er hat eine sehr fest gefügte Vorstellung von seiner Rolle im System des Staates, er will dienen. Und das wird ihm zum Verhängnis. Er verliert bis auf einen Sohn alle anderen, seine Tochter wird vergewaltigt, ihre Hände abgeschlagen und ihre Zunge herausgerissen, er selbst verliert eine Hand – und das sind noch nicht alle Toten, die in diesem Stück beklagt werden.

Ums gleich vorweg zu sagen: Dieses Stück ist eine einzige Zumutung. Hinter der Anzahl von grausamen Toden kann sich so mancher Splattermovie verstecken, Frauenfeindlichkeit und Rassismus werden mit erstaunlicher Gründlichkeit ausbuchstabiert und dann ist das Ganze noch nicht mal spannend. Im Gegenteil, TITUS ANDRONICUS erfordert einige Geduld vom Leser. Kein anderes Shakespeare-Stück kommt mir so sehr wie eine Oper vor, wie dieses. Die Monologe sind Absichtsbekundungen und Zustandsbeschreibungen, markieren die klassischen Wendepunkte wie „Ich habe einen Plan“ oder „Jetzt nehme ich gleich Rache“. Kein Ereignis ohne Ankündigung und Kommentar – so viel Blut und so wenig Thriller? Weshalb sollte man sich also überhaupt damit beschäftigen, wenn doch das Dschungelcamp im Fernsehen läuft? Das Stück hat (ich möchte fast sagen leider) tatsächlich eine Qualität, die über das schreckliche Massaker und die fast noch schrecklichere Stereotypie hinausgeht. Es ist nicht so leicht, sie zu beschreiben, aber sie könnte ungefähr so lauten: Aus dem pornographischen sprachlichen Gewaltexzess – und diese Gewalt ist sowohl diejenige, die den Körpern angetan wird, als auch diejenige, die den Seelen angetan wird – entsteht ein Gefühl für einige Grundwahrheiten über unseren Umgang mit Körpern und Seelen.

Ich bin sicher nicht der Erste, der diesen Gedanken ausspricht, aber eine Wirkung kann Musik, ebenso wie Sprache, nur in der Stille zwischen den Tönen, zwischen den Worten entfalten. Die richtige Stille ist das Ziel jedes Musikstückes und jeder Dichtung, die Schwierigkeit besteht darin, sie einzurahmen. Viele Stücke von Shakespeare gehen auf weit höherem Niveau mit dem Medium Sprache um; Empfindungen und Gedanken werden so in Worte gegossen, dass sie den perfekten Ausdruck gefunden zu haben scheinen – und in der Stille danach hängen wir diesem Ausdruck nach. Diese Virtuosität stand dem Autor in TITUS ANDRONICUS nicht zu Gebot – vielleicht stammt das Stück, wie viele Wissenschaftler glauben, vom Beginn seiner Karriere. Möglicherweise hat er sich aber auch bewusst für eine andere Strategie entschieden. Denn dieses Stück über den unglücklichen römischen Feldherren ist eine Materialschlacht von Schrecken, aber auch von Worten. Indem er das Publikum (man möge mir die martialische Metapher verzeihen) mit einem Sperrfeuer von Abscheulichkeiten mürbe macht, in dem er sie einem Schrecken nach dem anderen aussetzt, schafft er auch hier eine Stille zwischen den völlig übertriebenen Auswüchsen, in denen eine Wahrheit der Empfindung lebt.

Ebenso wie beim KAUFMANN VON VENEDIG müssen wir uns heute zu den im Stück vorhandenen rassistischen Vorurteilen verhalten: Der „Mohr“ der Gotenkönigin Tamora, Aaron, ist das verkörperte Böse. Seine Selbstdarstellung ist so übertrieben, dass sie fast wie Satire wirkt: „Das einzige, was ich bereue, ist, nicht noch mehr Böses vollbracht zu haben.“ An einem Punkt jedoch zeigt er sich menschlich – er rettet den Sohn, den er unehelich mit Tamora gezeugt hat. Glaubte Shakespeare also an die Gleichung Person of Colour = Inbegriff des Bösen? Er benutzte zumindest das Vorurteil, und zwar, wie alles in diesem Stück, in der größtmöglichen Übertreibung. Die Wirkung war und ist, wo man das Stück nicht kritisch rezipiert, eine rassistische. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass das Stück nicht nur spielbar ist, sondern auch die Möglichkeit bietet, Rassismus zu thematisieren. Ich glaube nicht, dass zu Shakespeares Zeit irgendein weißer Schauspieler, dem man das Gesicht geschwärzt hatte, ein Interesse daran hatte, Vorurteile gegen über People of Colour ad absurdum zu führen – das Potential ist im Stück jedoch vorhanden, nämlich in der maßlosen Übertreibung, die leicht zu dramatischer Ironie und einer widersprüchlichen Inszenierung verwendet werden kann. Und an diesem Punkt zeigt sich die Qualität des Stücks wieder.


Anwendungsgebiete: Fieber

Einnahme: Entweder das Stück lesen, gern auch laut, aber nicht wundern, wenn die Nachbarn die Polizei rufen, oder aber gleich einen Aderlass vornehmen.

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