29.03. +++ Von oben

Er will einfach nur weg - und kann nicht: Timo (Bruno Alexander) hat auf zwanzig Bewerbungen drei Absagen bekommen. (Bild von www.daserste.de)
Er will einfach nur weg – und kann nicht: Timo (Bruno Alexander) hat auf zwanzig Bewerbungen drei Absagen bekommen. (Bild von www.daserste.de)

Da lebt ein alter Alkoholiker im Viertel, der schon wegen Kindesmissbrauchs im Knast war. Alle wissen es, und doch stört sich niemand daran, dass jeden Tag Kinder bei ihm ein und aus gehen. Der Kieler Kommissar Borowski (Axel Milberg), der wegen der Ermordung des Alten ermittelt, kommt aus dem Kopfschütteln kaum heraus. Nicht nur die Nachbarn, auch der Sheriff des Viertels, der Polizist Rausch (Tom Wlaschiha), begegnet Borowskis gutmenschlicher Entrüstung mit einem Schulterzucken. Borowskis Kollegin Brandt (Sibel Kekilli), der die verantwortlichen NDR-Kreativen einen deutlich proletarischeren Background als ihrem bürgerlichen Partner zugeteilt haben, findet einen intuitiven Zugang zu der Hartz-IV-Welt in dem Kieler Brennpunktviertel, das im heutigen Tatort BOROWSKI UND DIE KINDER VON GAARDEN erkundet wird. Und doch: Am Ende stehen die beiden Kommissare der menschlichen Tragödie, die sich hier jeden Tag wiederholt, hilflos gegenüber.

Wenn Kulturmacher versuchen, sich des Lebens in der Unterschicht anzunehmen, birgt das immer die große Gefahr einer kolonialen Perspektive. Klingt ein bisschen theoretisch, aber das Phänomen kennen wir alle: Das gleiche Kopfschütteln, das den kultivierten Kommissar Borowski anlässlich der (augenscheinlich) tickenden Kinderschänderzeitbombe bewegt, ist das Kopfschütteln eines Kolonialherren über die Wilden, eines Demokraten über Jihadisten, eines Zeitlesers über RTL-II-Zuschauer. Die Frage im Kopfschütteln lautet: „Warum leben die so?“; verbunden mit der Annahme: „Sie könnten es doch einfach lassen.“ Wenn dann im Verlaufe der kulturellen Beschäftigung mit dieser fremden, barbarischen Lebensweise die Zwänge dahinter erforscht werden, die eine gutmenschenhafte Empörung einer Hilflosigkeit angesichts der komplexen Zwänge hinter vermeintlicher Barbarei weichen lassen, ist das sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Denn unsere Gesellschaft ist stark von einem Mythos bedroht, der lautet: „Du kannst alles werden, was du willst.“ Dass nicht jeder alles werden kann, weil viele extrem benachteiligt werden, ist eine Erkenntnis, die man gar nicht oft genug wiederholen kann. Denn wenn sich nicht langsam in unserer Gesellschaft die Erkenntnis durchsetzt, dass der Trend zu einer immer größeren Akkumulation von Reichtum durch immer weniger Menschen umgekehrt werden muss, dann wird es mehr und mehr Verzweifelte geben, die aus scheinbar heiterem Himmel zu Amokläufern und Gewalttätern werden.

Eine spannende Begegnung: Lange Zeit bleibt die Beziehung zwischen Rausch (Tom Wlaschiha) und Brandt (Sibel Kekilli) in der Schwebe (Bild von www.daserste.de)
Eine spannende Begegnung: Lange Zeit bleibt die Beziehung zwischen Rausch (Tom Wlaschiha) und Brandt (Sibel Kekilli) in der Schwebe (Bild von www.daserste.de)

Aber bevor ich ins Schwadronieren gerate: Es ist den Buchautoren Eva und Volker A. Zahn, ebenso wie dem Regisseur Florian Gärtner hoch anzurechnen, dass es ihnen in diesem Tatort gelungen ist, die Vogelperspektive zu verlassen, obwohl mindestens zweimal im Krimi atmosphärische Bilder von Gaarden aus eben dieser Perspektive in die Szenenfolge geschnitten sind. Von oben, aus Borowskis Blickwinkel, sieht das alles erstmal nur unordentlich aus, und der nahe liegende Verdacht ist, dass der fünfzehnjährige Timo den Alten erschlagen hat, denn ein Video von ihm kursiert, das den Verdacht nahelegt er habe ihn sexuell missbraucht. Timo (beeindrucken gespielt von Bruno Alexander) leugnet den Missbrauch ebenso wie den Mord; an seiner Verzweiflung kann freilich kein Zweifel bestehen. Für Borowski ist der Junge konsequenterweise lange Zeit der Hauptverdächtige, während seine Kollegin Brandt versucht dahinter zu kommen, warum sich der Schutzpolizist Rausch, den sie indirekt aus ihrer Kindheit kennt, sich in diesem Fall so sonderbar verhält. Als bekannt wird, dass Timos Mutter Rauschs Geliebte ist, gerät der Polizist als Verdächtiger ins Visier – am Ende aber ist doch alles ganz anders.

Zugegeben: Sibel Kekillis Sarah Brandt tappt auch lange im Dunkeln, aber ihre Nase hat sie nicht getrogen, dass es zwischen Rausch und dem Opfer Steinhaus eine Verbindung gab; der Polizist war früher selbst Opfer sexuellen Missbrauchs, der von Steinhaus ausging. Ohne, dass wir viel über die Kindheit der Kommissarin erfahren würden (die offenbar nicht ganz einfach war), nimmt sie doch eine grundsätzlich andere Perspektive ein, als ihr Partner Borowski. Sie begegnet „Rauschi“, mit dem sie einen gemeinsamen Background teilt, auf Augenhöhe. Wie schwierig es sowohl für Brandt, als auch für Rausch ist, über persönliche Probleme zu reden, wird wunderbar in einer Trinkspiel-Szene thematisiert, die den Krimi schließlich auf die Auflösungsendgrade einschwenken lässt. „Wodka oder Wahrheit“ – eine wunderbare Metapher für die Wahl, vor der viele Menschen stehen, die sich in so komplexen Zwängen bewegen, wie die Kinder von Gaarden in diesem Tatort. Hier spielt das wortlose Spiel, die Blicke von Kekilli und Wlaschiha, die sich auch schauspielerisch absolut auf Augenhöhe begegnen, die Hauptrolle. Schließlich die Parallelmontage, in der Borowski den mittlerweile Hauptverdächtigen Rausch verhört, während die Mordtat in einem Kinderspiel von den Ghettokids mit dem tatsächlichen Täter – einem der ihren – nachgestellt wird: Chapeau zu diesem Finale.

Top besetzt bis in die Nebenrollen: Marion Breckwoldt spielt eine Nachbarin, die sich mehr für das Wohl der Hunde als das der Kinder interessiert. (Bild von www.daserste.de)
Top besetzt bis in die Nebenrollen: Marion Breckwoldt spielt eine Nachbarin, die sich mehr für das Wohl der Hunde als das der Kinder interessiert. (Bild von www.daserste.de)

Natürlich hab ich noch was anzumerken, denn man kann ja nicht nur loben. Obwohl, noch ganz kurz: Weder von den Kinderschauspielern noch von den Erwachsenen habe ich einen indirekten Ton gehört – das ist ein hohes Lob für einen Tatort, würde ich sagen. So, aber jetzt zurück: Warum heißt diese Episode BOROWSKI UND DIE KINDER VON GAARDEN? Ja, schön, die Episoden aus Kiel heißen alle wie Asterix-Bände „Borowski bei den Briten“, „Borowski und Kleopatra“ und so weiter – aber so patriarchalisch-altmodisch sind die doch wirklich nicht! Borowski und Brandt sind ein tolles Ermittlerteam, in ihrer Gegensätzlichkeit und dennoch hohen Qualität, weshalb muss dann so getan werden, als sei das eine One-Man-Show? Und wo wir gerade dabei sind: Was ist eigentlich mit Obelix? Und mit Idefix? No man is an island. Übrigens sollten immer Kinder und Hunde in Tatorten vorkommen.


Anwendungsgebiete: Soziale Taubheitsgefühle.

Einnahme: Vielleicht tut dieser Tatort ein bisschen weh – er hatte zumindest das Potential, seine Zuschauer zu berühren. Das wäre ein Mittel gegen die Abstumpfung und das Gefühl: „Selber schuld.“

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