29.04. +++ Deutsche (Ab)Gründlichkeit

Ich kann mir nicht vorstellen, dass er da gleichgültig dieser Aufnahme zuhören würde. Obwohl - er war ja taub. (Bild von www.telegraph.co.uk)
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dieser Aufnahme gleichgültig zuhören würde. Obwohl – er war ja taub. (Bild von www.telegraph.co.uk)

In den letzten Tagen ist der Frühling mit brachialer Gewalt ausgebrochen, die ganze Umgebung ist in zartes Lindgrün getaucht. Mein innerer Soundtrack wechselt bei diesem Anblick gern zu Beethovens Symphonie Nr. 6, und zwar dem ersten Satz. Den habe ich mir heute Abend dann auch noch mal angehört, und ob der Aufnahme war ich ziemlich überrascht. Ich brauche nicht zu betonen, dass ich ein musikalischer Dilettant bin und keinerlei tiefer gehende Bildung besitze, was Interpreten, Orchester und Dirigenten betrifft. Aber als ich vor einiger Zeit entschied, Beethoven einem größeren Raum in meinem Herzen und meiner Musiksammlung zu ermöglichen, entschied ich mich für eine „solide“ Aufnahme, nämlich dem Londoner Philharmonia Orchestra unter der Leitung von Papa Karajan. Kann man ja nix falsch machen mit, dachte ich. Nun stammt diese Aufnahme aus den frühen Fünfzigern wie ich gerade erfahren habe, und „digitally remastered“ ist sie wohl auch nicht. Da bin ich aber nicht anspruchsvoll, ich finde Hochglanzpoliertes oft eher oberflächlich.

Die toten Augen von London: Herbert von Karajan (Bild von http://ilarge.lisimg.com)
Die toten Augen von London: Herbert von Karajan (Bild von http://ilarge.lisimg.com)

Was mich aber wirklich frappiert ist die extreme Wörtlichkeit, mit der Beethoven hier ausgemalt wird. Ich habe den Eindruck, dass „Werktreue“ das absolute Ideal dieser Aufnahme ist – kein Notenwert wird verkürzt, kein Tempo auch nur um Nuancen variiert, keine emotionalen Schwerpunkte werden gesetzt – eine museale Auffassung, die an Gefühllosigkeit grenzt. Erstaunlich: Da hat man eine Musik vor sich, die bei aller „Absolutheit“ so stimmungsvoll ist, so das Erwachen der Naturempfindung einerseits aber eben der Natur andererseits einfängt – und dann nagelt der Dirigent das Orchester so auf die Form fest. Mein Freund Wikipedia sagt, dass dieses Orchester eigens für Plattenaufnahmen ins Leben gerufen wurde, und seine Prägung bewusst von Karajan erhielt. Was die Musik betrifft, ist man in England noch immer sehr germanophil und Karajan war natürlich ein großer Name, NSDAP-Mitgliedschaft hin oder her. Aber dann lassen sie das mit sich machen – für mich wirkt das absolut unenglisch, weil charakterlos. Vielleicht ein kulturelles Missverständnis: Womöglich hat Herbert gedacht, er müsse dem Orchester erstmal das kleine Einmaleins beibringen, bevor ein größerer Ausdruck möglich sei. Das ist natürlich Blödsinn, aber ein bisschen klingts für mich so, als hätten die nicht so verstanden, um was es in dieser Symphonie eigentlich geht. Diese Trägheit! Natürlich hat jede Zeit einen sehr eigenen Bezug dazu, wie menschliche Empfindungen ausgedrückt werden, welche Bedeutung Form hat. Und vermutlich war gerade in den Nachkriegsjahren dieses über das Ziel hinaus schießende Bekenntnis zum „einzig Wahren“, nämlich dem Original ein Fels der Gewissheit in der alles hinwegfegenden Brandung von Nihilismus und der Auflösung von Ordnungen und Werten. In Unkenntnis der Entwicklung Karajans als Dirigent muss ich annehmen, dass er sich in späteren Jahren durchaus auch noch gewandelt hat, oder besser gesagt: Ich hoffe es. Denn bei aller Liebe zum Unausweichlichen (Beethoven), dieses Malen nach Zahlen möchte ich fast nicht unter Kunst verbuchen.


Anwendungsgebiete: Muskelkater.

Einnahme: Wenn Sie das Gefühl haben, heute definitiv nicht mehr aufstehen zu können, weil generell viel zu erschöpft, dann hören Sie sich diese Aufnahme an. Vielleicht geht es Ihnen so wie mir: Man möchte aufspringen, anpacken, schieben, damit der Karren endlich anspringt. 

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